Friedensau bei Magdeburg, 28.04.2017/APD   Der orthodoxe Theologe Georgios Vlantis (München) hielt am 27. April vor Studenten und Dozenten der Theologischen Hochschule der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Friedensau bei Magdeburg die Vorlesung „Die Orthodoxe Kirche – Einblicke in ihre Geschichte und Theologie; Herausforderungen für ihre Zukunft“. Vlantis ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Bayern.

Orthodox, katholisch und apostolisch
In der Orthodoxen Kirche würden verschiedene Begriffe gebraucht, um die orthodoxe Identität und das orthodoxe Selbstbewusstsein auszudrücken, so Vlantis. Der Begriff „orthodox“ gehe auf das griechische Wort „orthodoxos“ zurück und bedeute, „richtig“ (orthos) „glauben“ (dokeo). Weil aber der richtige Glaube im Verständnis der Orthodoxen Kirche keine rein dogmatische, abstrakte und theoretische Lehre sei, sondern Lobpreis des dreieinigen Gottes, bedeute „Orthodoxie“ zugleich rechter Lobpreis Gottes, der sich im Glauben, im christlichen Kult, im liturgischen, sakramentalen und kirchlichen Leben manifestiere. Als Konfessionsbezeichnung habe sich der Begriff „Orthodoxe Kirche“ aber erst nach der Trennung der Ost- und Westkirche im Jahr 1054 durchgesetzt.

Im Glaubensbekenntnis der Konzile von Nizäa-Konstantinopel in den Jahren 325 und 381 steht der Satz: „Wir glauben an … die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Demnach betrachte sich die Orthodoxe Kirche laut Vlantis auch als „katholisch“. Der Begriff katholisch sei ebenfalls griechischen Ursprungs und bedeute „allumfassend“. Im dem Glaubensbekenntnis wäre nicht die römisch-katholische Kirche gemeint, sondern es gehe um die Christenheit auf der ganzen Welt und um die ganze Kirche Jesu Christi als Kirche aller Zeiten, die sichtbar und unsichtbar sei. Die Orthodoxe Kirche betrachte sich auch als „apostolisch“, weil sie dem Beispiel der Apostel folge, das Evangelium zu verkündigen, die Sakramente zu feiern und die Kontinuität ihres Amtes im Dienst Christi zu bewahren.

Eine kirchliche Familie
Die Orthodoxe Kirche bestehe aus einer Familie von autokephalen (eigenständigen) Kirchen. So gebe es beispielsweise die Orthodoxe Kirche von Griechenland, Russland, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Georgien, Zypern, Polen, Albanien, Tschechien und der Slowakei, Finnland oder Estland. Jede dieser Kirchen sei in ihrem eigenen Bereich selbständig, regele in eigener Verantwortung das kirchliche Leben und verwende im Gottesdienst die jeweilige Landessprache. Alle orthodoxen Kirchen wären, ungeachtet ihrer Größe, untereinander gleich, wobei dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel als „primus inter pares“ (Erster unter Gleichen) ein Ehrenprimat zukomme. Dennoch gebe es in der Orthodoxen Kirche kein Oberhaupt, wie den Papst in der römisch-katholischen Kirche, ausgestattet mit einem Jurisdiktionsprimat (Vorrang als Leiter der Christenheit) und Unfehlbarkeit in Lehrentscheidungen, sondern mehrere Oberhäupter der einzelnen autokephalen orthodoxen Kirchen. Das orthodoxe Kirchenverständnis habe zur Folge, dass orthodoxe Geistliche der einzelnen orthodoxen Kirchen problemlos Gottesdienste gemeinsam feiern könnten und dass die gespendeten Sakramente und die ordinierten Ämter von den anderen Kirchen anerkannt würden. Deshalb könnten auch orthodoxe Christen der einen orthodoxen Kirche problemlos die Gottesdienste der anderen orthodoxen Kirche mitfeiern.

Die altorientalischen Kirchen
Es gebe aber auch noch eine zweite orthodoxe Kirchenfamilie, erläuterte Georgios Vlantis. Dabei handele es sich um die sogenannten Orientalisch-Orthodoxen Kirchen, deren Glaube, Organisation und Kirchenstruktur, Gottesdienst, Sakramente und kirchliches Leben mit jenem der Autokephalen Orthodoxen Kirchenfamilie weitgehend identisch seien. Es handele sich dabei um Kirchen, die sich nach dem Konzil von Ephesus (431) oder nach dem Konzil von Chalcedon (451) von der damaligen „römischen Reichskirche“ trennten. Zu ihnen gehören unter anderem die Äthiopische Orthodoxe Kirche, die Armenische Apostolische Kirche und die Syrische Orthodoxe Kirche.

Auseinandersetzung mit der modernen Zeit
Während es früher orthodoxe Christen hauptsächlich auf dem Balkan, in Russland und dem Nahen Osten gab, seien sie erst seit dem 20. Jahrhundert durch Mission, Auswanderung oder Flucht auf allen Kontinenten vertreten. Vlantis bezifferte die Zahl der orthodoxen Christenheit weltweit auf etwa 300 Millionen.

„Die Orthodoxie hatte lange Zeit nicht den Luxus der Auseinandersetzung mit der Moderne gehabt“, betonte Vlantis. Beispielsweise hätten orthodoxe Christen im Nahen Osten etwa 400 Jahre lang im Osmanischen Reich als Staatsbürger zweiter oder dritter Klasse gelebt. Nur im Gottesdienst hätten sie sich als Bürger erster Klasse gefühlt. Sicherheit hätte ihnen dabei die identitätsstiftenden Rituale und feststehenden liturgischen Texte gegeben. Dadurch sei der Zusammenhalt ermöglicht worden. Änderung der festgefügten Formen hätte dagegen das Überleben gefährdet. Auch unter der Herrschaft des Kommunismus sei der Traditionalismus eine Stütze gewesen. Dass sich heute auch orthodoxe Theologen den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen versuchten, sei daher nicht selbstverständlich. Ebenso nicht, dass es inzwischen vielfältige Begegnungen mit Christen anderer Konfessionen gebe. Dadurch, dass es heute orthodoxe Gemeinden auch in anderen Kulturkreisen gibt, etwa in Afrika, Asien oder in den USA, begännen in diesen Ländern orthodoxe Theologen nach Wegen zu suchen, sich den dortigen Gegebenheiten zu stellen. Sie würden beispielsweise über den Sinn der Liturgie nachdenken und in welcher Weise man diese den Menschen vermitteln könne.

Als Christ authentisch sein
Georgios Vlantis sieht Christen in der gegenwärtigen Zeit mit zwei Extremen konfrontiert. Das strikte Festhalten an Traditionen, um die eigene Identität zu bewahren und sich von Andersgläubigen abzugrenzen. Das habe zur Folge, dass das eigene Anliegen und Handeln nicht verstanden werde. Das andere Extrem: Man greife die Themen unserer Zeit auf, verzichte aber Gott und sein Wort mit einzubeziehen, da man Angst habe, der Mensch von heute könne damit nichts mehr anfangen. Doch diese Haltung unterstelle, dass die Menschen „zu dumm sind“ solche Dinge noch zu verstehen. Statt sich anzupassen und das zu sagen, was alle anderen auch sagen, gelte es als Christ den eigenen Glauben authentisch und sozial zu leben.

Theologische Hochschule Friedensau
Die Theologische Hochschule Friedensau wurde 1899 gegründet und ist eine staatlich anerkannte Hochschule in Trägerschaft der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. In den Fachbereichen Christliches Sozialwesen und Theologie können acht Bachelor- und Master-Studiengänge – zum Teil berufsbegleitend – und ein Kurs „Deutsch als Fremdsprache“ belegt werden. 200 Studierende aus 34 Nationen sind derzeit eingeschrieben. Weitere Informationen: www.thh-friedensau.de

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