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ÖRK-Vollversammlung in Harare: Ratlosigkeit bleibt
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Mit Jubelrufen und Trommelschlägen begann die Achte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) am 3. Dezember in Harare/Simbabwe. Doch zum Jubeln war den 958 Delegierten und 3 600 weiteren Teilnehmern des alle sieben Jahre tagenden obersten Gremiums des ÖRK nicht unbedingt zumute. Bei einem Gottesdienst am 5. Dezember im Rufaro-Fußballstadion in Harare blieben dreiviertel der Tribünen leer, da sich kaum Einheimische einfanden. Die Angereisten waren unter sich, die Bevölkerung schien von dem internationalen Christentreffen kaum Notiz zu nehmen. Der Vorsitzende des ÖRK-Zentralausschusses, Katholikos Aram I., ein armenisch-orthodoxer Kirchenführer, machte in seinem Rechenschaftsbericht deutlich, daß die institutionalisierte Ökumene in einer Krise steckt. Er bewertete sie optimistisch als "Krise eines Reifungsprozesses". Doch er mußte eingestehen, daß sich seit dem Zusammenbruch des Kommunismus die Kluft zwischen den orthodoxen Kirchen und der ökumenischen Bewegung vergrößert hat. Die Mißstimmung in den Beziehungen zwischen dem ÖRK und den orthodoxen Kirchen sei vor allem darauf zurückzuführen, daß die protestantische Theologie weiterhin die Sprache, das Denken und die Arbeitsmethoden des Weltkirchenrates beherrsche. Deshalb werde der Rat seitens der Orthodoxen als eine westliche, protestantische und liberale Bewegung angesehen, auf die sie kaum Einflußmöglichkeiten hätten. Bereits 1997 gab die Orthodoxe Kirche von Georgien ihren Austritt aus dem ÖRK bekannt. Im Falle einer weiteren Mitgliedschaft hätte sonst eine Spaltung der Kirche gedroht, hieß es. Der von der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche angekündigte Austritt wurde in Harare wirksam. Auch hier habe die Mitgliedschaft im ÖRK zur "Verwirrung in ihren Gemeinden" geführt. Die Russisch-Orthodoxe Kirche, der 25 Delegierte zustanden, sandte nur fünf Vertreter zur Vollversammlung, darunter keinen ihrer Bischöfe. Außerdem hatten sich die Delegierten der Russisch-Orthodoxen und Griechisch-Orthodoxen Kirche im Vorfeld entschieden, nicht an Gottesdiensten der Tagung teilzunehmen und auch nicht bei Abstimmungen mitzuwirken. Deshalb sah auch ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser den Ökumenischen Rat fünfzig Jahre nach seiner Gründung an einem Scheideweg. Er beklagte, daß sich viele Kirchen "unter dem Druck innerer und äußerer Herausforderungen hinter konfessionelle und institutionelle Verteidigungslinien" zurückzögen. Enttäuschung löste bei manchen Delegierten auch das Grußwort von Papst Johannes Paul II. an die Achte Vollversammlung aus. Katholische Beobachter des Christentreffens sprachen von einem "nichtsagenden" Brief. Sie hatten aus Anlaß des 50jährigen Jubiläums herzlichere Worte des Papstes und eine ausführlichere Würdigung der Arbeit des ÖRK erwartet. Der schottische Bischof Mario Conti (Aberdeen), Leiter der 25köpfigen römisch-katholischen Beobachterdelegation in Harare, machte gegenüber Medienvertretern deutlich, daß eine Mitgliedschaft seiner Kirche im Ökumenischen Rat derzeit nicht zur Diskussion stehe. Er wies darauf hin, daß die katholische Kirche erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 die Zusammenarbeit mit dem Weltrat aufnahm und daher nicht an seinen Gründungsdokumenten mitwirkte. Außerdem bestehe das Problem, daß der römisch-katholischen Kirche etwa eine Milliarde Menschen angehören, den Mitgliedskirchen des ÖRK aber nur halb so viele. Acht Kirchen wurden in Harare als neue Vollmitglieder aufgenommen. Sechs stammen aus Afrika und zwei aus Asien. Damit gehören der Genfer Dachorganisation jetzt 339 evangelische, anglikanische und orthodoxe Kirchen mit etwa 500 Millionen Gläubigen an. Nach drastischen Kürzungen seiner Ausgaben und der Halbierung des Personals auf rund 160 Mitarbeiter hat sich die finanzielle Situation des ÖRK stabilisiert. Ein besonderes Problem ist dabei jedoch die finanzielle Abhängigkeit von den Kirchen aus Westeuropa und Nordamerika, die 97,6 Prozent des Etats aufbringen. Allein die deutschen Kirchen und Hilfswerke sind mit 40 Prozent an den Gesamtzuwendungen beteiligt. Einige der Hauptfinanziers haben jedoch selbst finanzielle Schwierigkeiten, so daß der ÖRK künftig mit geringeren Einnahmen rechnen muß. Ob hier andere Kirchen einspringen können oder wollen, ist zweifelhaft. Von den bisher 332 Mitgliedskirchen haben im vergangenen Jahr nur 174 Mitgliedsbeiträge überwiesen. Darunter war keine der großen orthodoxen Kirchen. Nimmt man die Zahlung von Beiträgen als Meßlatte der Identifizierung einer Kirche mit dem ÖRK, dann ergibt sich ein finsteres Bild. Die Finanzen des Ökumenischen Rates sind daher noch lange nicht gesichert. Er wird auch künftig sparen müssen. Heftigen Streit gab es während der Vollversammlung wegen der Besetzung des neuen Zentralausschusses. Insbesondere Jugendliche und Frauen verlangten eine stärkere Vertretung in dem 150 Personen-Gremium, das die Geschicke des Weltrates zwischen den Vollversammlungen leitet. Doch wie der US-amerikanische Bischof Melvin Talbert als Vorsitzender des Nominierungsausschusses mitteilte, hatten sich manche Kirchen strikt geweigert, mehr Frauen vorzuschlagen, andere erklärten, daß sie "niemals einer Frau Platz machen" würden. Ähnliches galt auch für die Vertretung junger Menschen. Es scheint, daß die Ökumenische Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen", die in den letzten zehn Jahren den ÖRK beschäftigte, bereits zwischen den Aktendeckeln der Kirchen verschwunden ist. Nur 14,7 Prozent der Mitglieder des neuen Zentralausschusses sind jünger als 30 Jahre. Damit wurde die angestrebte Jugendquote von 20 Prozent deutlich verfehlt. Auch die geforderte Frauenquote von 50 Prozent erwies sich als Wunschtraum, es blieb bei einem Drittel. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die bisher sieben Delegierte hatte, verfügt im neuen Zentralausschuß nur noch über fünf Sitze. Dort sind jetzt Wolfgang Huber (55), Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Margot Käßmann (40), Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Marita Krüger (48), Oberkirchenrätin der Thüringischen Landeskirche, Christa Kronshage (55), Mitglied der Kirchenleitung in Westfalen, und Heike Bosien (28), Vikarin der Württembergischen Landeskirche, vertreten. Die europäischen Mennonitengemeinden vertritt Fernando Enns, Studienleiter am Ökumenischen Institut der Universität Heidelberg. Einer der acht Präsidenten des Ökumenischen Rates, die eine repräsentative Funktion haben, ist der württembergische Landesbischof Eberhardt Renz. Die Vollversammlung beschloß, ab dem Jahr 2000 "eine Dekade zur Überwindung der Gewalt" auszurufen. Außerdem wurde ein weitreichender Schuldenerlaß für Entwicklungsländer gefordert. In einem Dokument verpflichtet sich der ÖRK, die Grundsätze der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten Nationen "zu fördern und zu verteidigen". Selbstkritisch wurde eingeräumt, daß sich Christen "nicht immer mutig" für Verfolgte eingesetzt hätten. Hier wurde ein wunder Punkt berührt. Zwar gab der Ökumenische Rat besonders seit der Fünften Vollversammlung in Nairobi 1975 sehr deutliche politische Erklärungen heraus, doch er handelte sich den Vorwurf ein, auf dem "linken Auge" blind zu sein, da er meist nur Mißstände in westlichen Ländern anprangerte, nicht aber im damaligen Ostblock. In Harare bemängelten außerdem in einem Grundsatzpapier zwölf Delegierte aus Afrika, Asien und Australien, darunter sieben Bischöfe, wie der anglikanische Erzbischof von Kenia, David Gitari, daß der ÖRK zwar immer wieder gegen Menschenrechtsverletzungen zu Felde gezogen sei, doch "mit einer krassen Ausnahme, der religiösen Verfolgung". Zum Abschluß der Vollversammlung am 14. Dezember zog ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser vor Medienvertretern eine positive Bilanz. Die Ökumene habe wieder Schwung bekommen und die Gefahr eines Auseinanderbrechens des Ökumenischen Rates bestehe nicht mehr. Doch ist dies nicht Schönfärberei? Um die orthodoxen Mitgliedskirchen zu halten, soll eine Sonderkommission eingerichtet werden, die je zur Hälfte aus orthodoxen und nichtorthodoxen Vertretern besteht. Sie hat die Aufgabe, in dreijähriger Arbeit nicht nur strukturelle Kompromisse auszuhandeln, sondern auch nach der "Erkenntnis des Willens, der Wahrheit und der Liebe Gottes" zu suchen. Aus Kreisen der Russisch-Orthodoxen Kirche verlautete, daß sie ihre Mitwirkung im Zentralausschuß ruhen läßt, bis die Kommission ihre Ergebnisse vorgelegt hat. Man kann daraus schließen: Gefallen ihr die Resultate nicht, wird sie doch austreten. So steht der ÖRK erneut unter Druck. Am Schlußtag der Vollversammlung warnte der russisch-orthodoxe Delegierte Vladimir Shmaliy davor, sich überhaupt mit Fragen der menschlichen Sexualität zu beschäftigen. Eine solche Diskussion sei "gefährlich" und würde das weitere Verbleiben seiner Kirche im Rat in Frage stellen. Andere Orthodoxe bezeichneten die Frauenordination als "gotteslästerlich". Konrad Raiser kennt diese Probleme, doch er scheint froh zu sein, sie erst einmal vertagt zu haben. Neuen Schwung in die Ökumene soll das "Forum christlicher Kirchen und ökumenischer Organisationen" bringen. Erstmals soll es im Jahre 2001 zusammentreten. Gedacht ist an etwa 200 Teilnehmer von internationalem Rang vor allem aus Kirchen, die nicht dem ÖRK angehören. Römische Katholiken, Orthodoxe, Evangelikale, Pfingstler und andere Bekenntnisfamilien sollen ebenso dazugehören wie regionale und internationale ökumenische Organisationen. Der Weltrat beansprucht in diesem Gremium, das mit einem "Minimum an Regeln und Strukturen" auskommen soll, keine Führungsrolle. Es gehe dabei nicht um das Erstellen von Dokumenten und Empfehlungen, sondern um den "freimütigen Meinungsaustausch". Abstimmungen seien nicht vorgesehen. Dieses Modell war während der Vollversammlung heftig umstritten. Der EKD-"Auslandsbischof" Rolf Koppe befürchtet dadurch eine Verflachung der ökumenischen Bewegung. Der anglikanische Bischof John Neill aus Irland warnte, "vor aktuellen Problemen in die Forums-Idee zu flüchten". Es besteht die Gefahr, daß das Forum, statt neuen Schwung in den ÖRK zu bringen, diesen schwächen wird. Am Ende des elftägigen Treffens bekundeten die 958 Delegierten den Willen "beieinander zu bleiben". Zu mehr reichte es nicht. Es verwundert daher nicht, daß zahlreiche Teilnehmer der Vollversammlung die Abschlußerklärung als nichtssagend empfanden. Der Schweizer Pfarrer Rudolf von Sinner erhielt Applaus für seine Meinung, daß es "peinlich" wäre, eine solche Erklärung den Gemeinden zu übergeben. Gelöst hat der Ökumenische Rat der Kirchen seine Probleme in Harare nicht. Sie wurden lediglich vertagt. Wie eine Lösung wirklich aussehen könnte, darüber herrscht weiter Ratlosigkeit. Holger Teubert |
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