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75 Jahre Schulzentrum Seminar Marienhöhe, Darmstadt
1899 gründeten die Siebenten-Tags-Adventisten in Friedensau bei Magdeburg ein theologi-sches Seminar. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Mitgliederzahl der Freikirche in Deutschland von knapp 2 000 auf über 20 000 erhöht. Deshalb beschloss ihre Leitung 1920, in Süddeutschland eine weitere Ausbildungsstätte zu errichten, die auch für die Adventisten in der deutschsprachigen Schweiz und in Österreich gedacht war. Eine ehemali-ge Handelsschule in Kirchheim/Teck bot sich dafür an. Ab Oktober 1921 unterrichteten dort fünf Lehrer 79 Schülerinnen und Schüler. Auf dem Lehrplan standen die Predigerausbildung, ein Handelskurs und das Fach Hauswirtschaft. Doch massiver Widerstand aus der Bevölke-rung gegen die Adventisten führte zur Aufgabe des Standortes. Das Missionsseminar wechsel-te ins oberbayerische Bad Aibling, wo die Freikirche 1920 das ehemalige Kurhaus "Wittels-bach" erworben hatte. Trotz beengter Verhältnisse stieg die Schülerzahl 1924 auf 167 an. Doch die Behörden verweigerten der Schule die Genehmigung, so dass ein weiterer Orts-wechsel notwendig wurde.
Am 3. Juli 1924 kaufte die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in Darmstadt auf der Marienhöhe ein ehemaliges Anwesen des Großherzogs Ernst Ludwig, die frühere Gymnastik- und Tanzschule von Elizabeth Duncan. Die Behörden im toleranten Hessen genehmigten die Errichtung einer Missionsschule, so dass die Schüler aus Bad Aibling schon im Frühjahr 1925 den Unterricht in Darmstadt noch vor der Fertigstellung des Internats fortsetzen konnten. Am 15. September 1925 wurde das Seminar Marienhöhe unter Leitung von Dr. Otto Schuberth mit 209 Schülern offiziell eröffnet. Trotz schwieriger Zeiten in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft entwickelte sich die Bildungsstätte. Es entstanden Werkstätten, wie Druckerei, Polsterei, Matratzenherstellung und Strickerei, in denen die Studierenden ihr Schulgeld verdienen konnten. Neben dem theologischen Seminar gab es eine Handelsschule, Haushaltungsschule, Krankenpflegevorschule und Lehrgänge für Erzieherinnen und Kinder-gärtnerinnen. Ab 1927 kam ein sechsjähriger Lehrgang für allgemeine höhere Ausbildung hinzu, der zum Abitur führte, das an einem Darmstädter Gymnasium abgelegt wurde.
Die NS-Zeit brachte einen Rückschlag. 1933 schloss die Gestapo die Schule und durch-suchte sie sieben Wochen lang, wobei rätselhaft blieb, wonach eigentlich gesucht wurde. Danach durfte der Unterricht wieder aufgenommen werden. Da die Freikirche jederzeit mit einem Verbot rechnen mußte, stellte sie 1934 die Predigerausbildung auf der Marienhöhe ein. Übrig blieben nur noch die Handelsschule, die Haushaltungsschule mit Krankenpflege-vorschule und der Lehrgang für Kinderpflegerinnen. 1936 verließ der bisherige Schulleiter Dr. Otto Schuberth Darmstadt, um als Vorsteher der Siebenten-Tags-Adventisten im Nahen Osten zu wirken. Sein Nachfolger wurde Dr. Hans Werner. Die Schülerzahl sank auf 50, so dass durch Einwirkung der staatlichen Schulbehörde die Bildungsstätte 1939 den Unterricht einstellte. Das Anwesen diente der Freikirche noch zwei Jahre als Tagungs- und Erholungs-stätte, bis es 1941 vom Wehrkreiskommando XII in Wiesbaden beschlagnahmt und als Flak-Leitstelle der Luftwaffe für Südhessen genutzt wurde. Es entstanden ein Befehlsbunker und eine Reihe von Holzbaracken. 1945 richtete die amerikanische Militärregierung auf der Marienhöhe ein Lager für 1 500 aus Russland und Polen verschleppte Familien ein. Es dauerte drei Jahre, bis durch die Vermittlung von Adventisten aus den Vereinigten Staaten die Gebäude wieder frei wurden.
Zunächst galt es, das verwahrloste Anwesen wieder bewohnbar zu machen. Dazu traf im August 1948 eine Gruppe von 25 zukünftigen Theologiestudenten ein. Bereits im Oktober 1948 konnte unter Leitung von Heinrich Erzberger der Unterricht mit 50 Schülern wieder aufgenommen werden. 1949 genehmigte die hessische Landesregierung den Beginn eines neuen Aufbaugymnasiums auf der Marienhöhe. Auch die Handelsschule wurde 1950 für einige Jahre wieder eingerichtet. 1951 entstanden neue Klassenräume, 1954 ein Wohnheim für Theologiestudenten und 1955 ein Lehrerwohnhaus. Im Frühjahr 1955 fand die erste Abiturprüfung auf der Marienhöhe statt. Als 1952 Erwin Berner die Leitung der Bildungs-stätte übernahm, gab es bereits 165 Studierende und Schüler. Beim erneuten Amtsantritt von Dr. Hans Werner im Jahre 1959 hatte sich die Zahl auf 303 erhöht.
Die Jahre nach 1970 waren vom Umbruch geprägt. Unter Schulleiter Heinz Henning entstand 1973 ein Verwaltungsneubau mit Sitzungsräumen, Bibliothek, Speisesaal, Küche und Tiefgarage. Das hessische Kultusministerium genehmigte die Umstrukturierung der Oberstufe des Aufbaugymnasiums auf ein Kurssystem und das Nachholen des Abiturs auf dem zweiten Bildungsweg (Kolleg). Ein neues Mädcheninternat und ein weiteres Unterrichts-gebäude folgten. 1974 erfuhr das Theologische Seminar eine Strukturänderung, um die Anerkennung des Kultusministeriums als Fachhochschule zu erhalten, die jedoch 1979 abgelehnt wurde. Seit 1983 durfte die Marienhöhe die Bezeichnung "Gymnasium und Kolleg" führen. Damals waren 522 Studierende und Schüler eingeschrieben. 1988 kam eine zweijährige Berufsfachschule für Fremdsprachensekretariat hinzu.
Einen Einschnitt stellte die Wiedervereinigung Deutschlands dar. Zwei theologische Aus-bildungsstätten der Freikirche in Deutschland schienen nicht mehr erforderlich zu sein. Nachdem das Seminar Friedensau bei Magdeburg die staatliche Anerkennung als Theologi-sche Hochschule erhalten hatte, beschloss die Freikirchenleitung 1991, die Pastorenaus-bildung nur noch dort durchzuführen. Schulleiter Dr. Johann Gerhardt, der heutige Dekan des Fachbereiches Theologie der Hochschule, führte 1993 den Umzug des Seminars nach Friedensau durch. Die Schülerzahl auf der Marienhöhe sank dadurch nur geringfügig von 605 auf 571, um bereits im nächsten Jahr durch Gründung einer Realschule wieder auf 649 anzusteigen. Unter der Leitung von Dr. Lothar E. Träder wurden neue Klassenräume ge-schaffen. 1995 erhielt die Realschule eine eigene Turnhalle. Die Berufsfachschule für Fremdsprachensekretariat wurde ein Jahr später wegen mangelnder Nachfrage aufgegeben. Im Schuljahr 1998/99 zählte das von Ulrike Pelczar geleitete Schulzentrum Seminar Marienhöhe insgesamt 648 Schülerinnen und Schüler.
Holger Teubert
| © APD | Geändert am: 21.08.99 |