| APD |
| Blick zurück |
50 Jahre Seminar Schloß Bogenhofen in Österreich
Seit einem halben Jahrhundert erhalten angehende Geistliche der
Siebenten-Tags-Adventisten ihre theologische Ausbildung in dem
österreichischen Bogenhofen bei Braunau am Inn. Das kleine, leicht
baufällige, unter Denkmalschutz stehende Schloß, ein ehemaliger Herrensitz
im Innviertel, stand 1949 zum Verkauf und wurde mit allen Nebengebäuden für
500 000 Schilling erworben. Seitdem ist Bogenhofen ein beliebter
Anziehungspunkt für viele hundert Studenten aus inzwischen 50 Ländern aller
Kontinente geworden. Über die Hälfte aller adventistischen Prediger aus der
deutschsprachigen Schweiz und mehr als 75 Prozent aller österreichischen
Pastoren der Freikirche haben ihr geistliches Rüstzeug am hiesigen Seminar
bezogen. Über ein Dutzend Absolventen wirkten als Missionare lange Jahre in
Zentralafrika.
Der Unterricht begann mit 22 Schülern und zwei Lehrern. Zahlreiche
erforderliche Umbauten und Reparaturen wurden in eigener Regie
durchgeführt. Der Heuboden verwandelte sich in ein Knabeninternat. Aus den
räumlichen Veränderungen im Schloß entstanden Klassenzimmer, Aula, Küche
und Speisesaal. Ein großer Gemüsegarten sorgte für die nötigen Vitamine,
eine kleine dazugehörende Landwirtschaft für frische Milch und Kartoffeln.
Einige österreichische Adventgemeinden übernahmen Patenschaften für die
Ausstattung der Schülerzimmer. Gründungsschulleiter Ferdinand Pieringer sah
seinen Bildungsauftrag darin, eine bibeltreue und missionarische "Schule
der Weisheit von oben" zu schaffen.
Im zweiten Schuljahr hatte sich die Schülerzahl auf 44 verdoppelt. Das
Bildungsangebot umfaßte vorerst den zwei- bis dreijährigen, erst später den
vierjährigen theologischen Missionslehrgang, eine Krankenpflegevorschule
und einen einjährigen, vor allem von Mädchen besuchten Handelskurs. 1953
wurde das Seminar Schloß Bogenhofen zur "Inter-Unionsschule" erklärt und
damit theologische Ausbildungsstätte der Adventisten in Österreich und der
deutschsprachigen Schweiz. Der aus der Schweiz stammende Pastor Paul
Steiner wurde 1954 neuer Schulleiter. Er stand bis dahin der
deutschsprachigen theologischen Abteilung des Predigerseminars in
Collonges/Frankreich vor, die inzwischen nach Bogenhofen verlegt war, und
brachte zugleich 17 Schüler mit. Steiner machte sich vor allem ernsthafte
Gedanken über den nötigen Nebenverdienst seiner Schüler und entschloß sich
zur Fertigung von Betteneinsätzen, die sich damals anbot. Übrigens ist aus
der 1954 ins Leben gerufenen Firma "Optimo" die größte, in Braunau
ansässige Betteneinsatzfabrik Österreichs entstanden.
Paul Steiners Nachfolger Dr. Herbert Stöger reorganisierte den seit 1951
bestehenden Deutschkurs für fremdsprachige Studenten, der seitdem in
Zusammenarbeit mit dem Münchner Goethe-Institut stattfindet. Durch diese
Verbesserung wurde dem Seminar 1958 von der Generalkonferenz
(Weltkirchenleitung) der Siebenten-Tags-Adventisten die akademische
Anerkennung als "Junior College" verliehen, die allerdings auf den
Sprachunterricht beschränkt blieb. 1959 kam ein zur Reifeprüfung
hinführender Maturalehrgang hinzu. Die folgenden Schulleiter Robert J.
Buyck, Dr. Johann Heinz, Horst Herrenstein und Otto Riegler (bis 1983)
bemühten sich um neue Unterrichtsprogramme sowie die Vertiefung der
theologischen Ausbildung und intensivierten die Kontakte zu anderen
adventistischen Lehranstalten.
Dr. Heinz gelang es durch seinen bibelfundierten Theologieunterricht, für
Bogenhofen die Anerkennung seiner theologischen Abteilung als "Junior
College" durchzusetzen. Otto Riegler richtete 1980 eine staatlich
anerkannte zweijährige Büro- und Verwaltungsschule ein. Der einstige
Matura-lehrgang wurde dank der Bemühungen von Schulleiter Dr. Klaus
Zachhuber, der das Seminar von 1983 bis 1990 leitete, zu einem staatlich
anerkannten Oberstufenrealgymnasium mit Instrumentalunterricht ausgebaut.
Nach einer Schülerumfrage des bekannten österreichischen
Nachrichtenmagazins "Profil" vom Oktober 1994 zählt die höhere Bogenhofener
Lehranstalt heute zu den fünf besten Oberstufenrealgymnasien Österreichs.
In Oberösterreich nimmt Bogenhofen sogar den ersten Platz ein.
Durch das Engagement von Schulleiter Franz Nusime (1990-1997) konnte das
Fach "Gesundheitserziehung" in das Gymnasialangebot zusätzlich aufgenommen
werden. Die theologische Abteilung des Seminars Bogenhofen wurde 1997 durch
die Anerkennung als "Senior-College" weiter aufgewertet. Seitdem ist das
österreichische theologische Seminar, das jetzt von Dr. Winfried Vogel
geleitet wird, berechtigt, den akademischen Grad eines "Bakkalaureus der
Theologie" zu verleihen, der ein Weiterstudium an einer adventistischen
Hochschule bis zum Doktorat ermöglicht.
Zum derzeitigen Erscheinungsbild der adventistischen Bildungsstätte
Bogenhofen gehören neben modernen Klassenräumen eine auf den neuesten Stand
gebrachte Bibliothek mit 20 000 Bänden, 140 Zeitschriftentiteln und
Internetzugang, ein geräumiger Speisesaal mit Außenterrasse, je ein
komfortables, mit Naßzellen ausgestattetes Wohnheim für Mädchen und Jungen,
Turnhalle, Sauna, Sportplatz und eine Kapelle. Zur Zeit besuchen 134
Studenten und Schüler das Seminar, die von 25 Lehrkräften unterrichtet
werden. Davon haben sich 49 für das Fach Theologie entschieden. Im
Oberstufengymnasium bereiten sich 70 auf das Abitur vor, 15 ausländische
Studierende besuchen die Sprachschule.
Dr. Wolfgang Tulaszewski
Theologische Hochschule Friedensau nach der Wende
Die friedliche Revolution in der DDR eröffnete dem Theologischen Seminar Friedensau bei Magdeburg ungeahnte Möglichkeiten. Am 15. September 1990 verlieh der Ministerrat der DDR Friedensau den Status einer staatlich anerkannten Hochschule. In den Jubel der Begeisterung über die Einheit Deutschlands mischten sich schon bald nachdenkliche Töne im Blick auf die Zukunft der beiden adventistischen Predigerausbildungsstätten in Deutschland, dem Seminar Marienhöhe, Darmstadt, und der Hochschule Friedensau. Nach langer, mit viel Engagement geführter Debatte entschied die europäische Kirchenleitung (Euro-Afrika Division) im Frühjahr 1991, Friedensau als einzige theologische Ausbildungsstätte weiterzuführen. Damit war eine richtungsweisende Entscheidung getroffen. Zum Rektor der Hochschule wurde Professor Dr. Baldur Pfeiffer berufen. Sein vorrangiges Ziel bestand darin, die ursprüngliche Konzeption Friedensaus wiederherzustellen; ein breites Ausbildungsangebot und die Einbeziehung der Hochschule in Mission und Entwicklung in der Dritten Welt. Ein wichtiger Baustein dafür war die Schaffung des Studienganges Christliches Sozialwesen, der im Sommer 1992 aufgenommen wurde. Der Ausbau des Seminars zur Hochschule im wiedervereinigten Deutschland machte umfangreiche Bau- und Werterhaltungsmaßnahmen erforderlich und möglich. Das ehemalige Sanatorium, das in der DDR-Zeit als Erholungsheim gedient hatte, und die Villa wurden zu Studentenwohnheimen umgebaut, die Mensa fertiggestellt, das frühere Wäschereigebäude zu Unterrichtsräumen für den Fachbereich Sozialwesen umfunktioniert, der ehemalige Neubau des Sanatoriums (1957 eingeweiht) zum Gästehaus der Hochschule erweitert, eine frühere Stallung zum Archiv für Europäische Adventgeschichte ausgebaut, viele Wohnungen, Wege und Parkanlagen gründlich saniert. Neu entstanden vier Wohnhäuser und die große Anlage des Alten- und Seniorenheims. Dadurch konnte das Gebäude des bisherigen Altenheims zu einem weiteren Studentenwohnheim umgebaut werden. Einen wichtigen Schritt beim Ausbau der Hochschule stellte 1996 die Berufung von drei Friedensauer Dozenten zu Professoren dar. Im gleichen Jahr übernahm Professor Dr. Udo Worschech als Rektor die Leitung der Hochschule. Gegenwärtig studieren etwa 200 Studenten aus mehr als 15 Ländern in den Diplom-, Magister- und Bachelorkursen der Bereiche Theologie, Christliches Sozialwesen, Kirchenmusik und Deutsch für Ausländer. Damit beginnt die Idee der Väter Friedensaus, die ihre Zielvorstellung mit den Worten der Bibel an der Südseite der Neuen Schule in großen Buchstaben dokumentierten, erneut Realität zu werden: "Gehet hin in alle Welt ...".
Johannes Hartlapp
(Entnommen der "Festschrift 100 Jahre Friedensau 1899 - 1999", Seite
22-23.)
| © APD | Geändert am: 15.07.99 |