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Stuttgarter Kirchentag - "eine hohe Dosis von evangelischem Salz"?
Trotz zunehmender Säkularisierung scheint der Deutsche Evangelische
Kirchentag noch nichts von seiner ursprünglichen Faszination verloren zu
haben. Zum dritten Mal fand die ein halbes Jahrhundert alt gewordene
protestantische Großveranstaltung im Zentrum des württembergischen
Pietismus statt. Die Stuttgarter Atmosphäre schuf ein Flair von Heiterkeit
und Gelassenheit, die sich selbst bei der Behandlung von Reizthemen
niederschlug. An ihnen fehlte es wirklich nicht, und manches
Präsidiumsmitglied wünschte sich die alte evangelische Streitkultur zurück.
Das diesjährige Kirchentagsmotto "Ihr seid das Salz der Erde" warf mit
seinem hohen biblischen Anspruch eine Reihe von existentiellen Fragen an
die durch Liberalismus und Pluralismus gebeutelten deutschen Evangelischen
auf. Das Interesse der über 100 000 Dauerteilnehmer an den täglichen
Bibelarbeiten blieb unvermindert groß. Überfüllte Säle und Kirchenräume
waren die Regel. Erfreulich auch die Anzahl vieler jugendlicher Zuhörer.
Dennoch sprengte die Fülle des Gebotenen bei 2 300 Veranstaltungen
innerhalb von vier Tagen jegliches normale Maß. Und der "Markt der
Möglichkeiten" machte mit weit über 600 Ständen die Orientierung noch
schwerer, mag auch die dadurch demonstrierte Vielfalt evangelischer
Aktivitäten beeindruckend gewesen sein. In seinem Abschlußresümee
verbreitete der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD), Präses Manfred Kock, mit seinem Ausspruch "das war eine
hohe Dosis von evangelischem Salz" Optimismus für die Zukunft der Kirche.
Doch da gab es auch die Zweifler und Mahner. So befürchtet der frühere
württembergische Landesbischof Theo Sorg zu Recht, daß die Kirche ihrem
Verkündigungsauftrag nicht mehr treu bleibt, wenn sie sich weiter dem
Zeitgeist anpasse. Ganz entschieden wandte er sich gegen die Ablehnung der
evangelischen Mehrheit unter Berufung auf das Neue Testament, Juden das
Evangelium von Christus zu bringen. Mit gleicher Vehemenz sprach sich der
ebenfalls zu den Pietisten zählende Prälat i. R. Rolf Scheffbuch gegen das
"Nein zur Judenmission" aus. Es gehört schon ein gerüttelt Maß an Ignoranz
klarer biblischer Erkenntnis dazu, Jesus Christus als Erlöser und Messias
der Juden auszuschalten, wie es der Bochumer Theologe Klaus Wengst mit
seiner lapidaren Feststellung tat: "Jüdinnen und Juden haben es nicht
nötig, daß ihnen Jesus als Messias verkündigt wird. Was wir durch Jesus
Christus an Vertrauen zu Gott gewinnen und an Vergebung der Sünden, an
Erbarmen und an Rechtfertigung erfahren, kennt und erfährt das Judentum in
Vergangenheit und Gegenwart auch ohne Jesus." Es grenzt fast an Verhöhnung
des dreieinigen Gottes, wenn das Erlösungswerk Jesu eine Zumutung für die
Juden ist. Wengst propagiert hier mit seinem sonderbaren Schriftverständnis
eine Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Weg zum himmlischen Heil. Wengsts
Argument, Judenmission sei schon aus ethischen Gründen wegen des
millionenfachen Holocausts nicht möglich, entbehrt jeglicher biblischer
Grundlage.
Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Altbischof Klaus Engelhardt sieht ein
"geistliches Defizit der evangelischen Kirche im Verzicht auf die
Anstrengung des Nachdenkens über Gott und die Welt und sich selbst, so daß
die große Botschaft von der Erlösung durch Gott und von der durch ihn
geschenkten Freiheit bis zur Unkenntlichkeit banalisiert und verharmlost
wird." Gelassen reagierte dagegen Prälat Scheffbuch auf die nach wie vor
hohen Kirchenaustritte mit dem biblischen Bezug auf die "Gemeinde der
übrigen". Für ihn hat die Gemeinde Überlebenschancen, die ihre Hoffnung
ganz auf die Gnade Jesu Christi setzt und ihn ernst nimmt, ohne Paktieren
mit anderen Religionen und Zeiterscheinungen.
Das herzliche Miteinander der höchsten Repräsentanten beider Konfessionen
auf dem Stuttgarter Kirchentag täuschte nicht darüber hinweg, daß trotz
aller Referate und Bemühungen um die Einheit der Christenheit kirchliches
Amtsverständnis und unterschiedliche Abendmahlsvorstellungen noch nicht
genommene Hürden sind. Darüber konnten auch die wohlgemeinten Worte des
Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann,
"wir müssen auch noch mehr falsche Eigenbröteleien in unseren Kirchen
überwinden, damit wir gemeinsam näher zu Jesus Christus und seinem
Evangelium kommen" nicht hinwegtäuschen.
Dr. Wolfgang Tulaszewski
Kirchentagsliturgie zum Feierabendmahl nicht geheuer
Außerchristliche Symbole im Altarraum während eines
Abendmahlgottesdienstes! Konnte das gutgehen, und wie vor allem reagieren
die Stuttgarter Kirchentagsbesucher auf diese Empfehlung, die vom Leiter
des Projektausschusses, Pfarrer Karl-Heinz Bartel, kam. Hinter dem
Vorschlag stand die Idee, daß die Feierabendmahlsteilnehmer andere
Weltreligionen wahr- und ernstnehmen und sie deshalb gedanklich und per
Fürbitte bei dieser Gelegenheit einbeziehen sollten. Natürlich blieb jeder
der rund 200 Kirchengemeinden in und um Stuttgart eine solche Ausgestaltung
freigestellt. Die befürchtete Reaktion stellte sich bereits im Vorfeld des
Kirchentages ein. Gemeindeblätter und evangelikale Zeitschriften erhoben
ihre warnende Stimme. Zu diesem Streit bemerkte die Bundesjustizministerin
Herta Däubler-Gmelin in ihrer Predigt während des Eröffnungsgottesdienstes
in der Johanneskirche: "Wenn man weiß, was man will und glaubt, kann man
über den Gartenzaun der eigenen Konfession hinausschauen."
Bekanntlich haben die Württemberger Lutheraner und Pietisten mit solchen
Neuerungen ohnehin nicht viel im Sinn. Selbst der vorgeschlagenen
Kirchentagsliturgie zogen die meisten ihre eigene vertraute vor. Und die
Symbole, Bilder, Gebete und Fürbitten für das Judentum, den Islam, den
Buddhismus und Hinduismus waren der Mehrzahl auch nicht geheuer. So kam es,
wie es kommen mußte. Manche Begeisterung und Aufgeschlossenheit für die
spirituelle Öffnung legte sich angesichts des wachsenden Widerstandes sehr
schnell. Am Ende folgten nur ganz wenige der Empfehlung der Projektgruppe.
Gegen einen siebenarmigen Leuchter kann eigentlich niemand etwas haben, und
gegen einen kleinen Gebetsteppich oder harmlose bildliche Darstellungen
auch nichts. Bei der Rückmeldung am Tag darauf während der obligaten
Pressekonferenz zeigte sich die scheidende Generalsekretärin des Deutschen
Evangelischen Kirchentages und designierte Bischöfin der Hannoverschen
Landeskirche, Margot Käßmann, erleichtert. Es war nur von zwei Gemeinden
mit "neuem Feierabendmahlsritus" die Rede. Die Kirchentagsliturgie sah
immerhin vor, daß an einer Stelle eine Sure aus dem Koran, ein
hinduistisches und ein buddhistisches Gebet sowie der Text eines jüdischen
Rabbiners vorgelesen werden. Wahrscheinlich hatte dieser Teil der Liturgie
zu mehr Irritationen als die außerchristlichen Symbole und Bilder geführt.
Dr. Wolfgang Tulaszewski
| © APD | Geändert am: 04.07.99 |