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100 Jahre Deutscher Verein für Gesundheitspflege
Im Jahre 1899 beschlossen die damals knapp 2 000 deutschen
Siebenten-Tags-Adventisten, eine Missionsschule und ein Sanatorium zu
gründen. Im Gut "Klappermühle", 30 Kilometer östlich von Magdeburg, fanden
sie ein geeignetes Grundstück. Das knapp 45 Hektar große Waldgebiet wurde
am 1. Oktober 1899 für 50 000 Goldmark erworben. Durch spätere Landkäufe
vergrößerte sich die Fläche auf mehr als 150 Hektar. Um die
Jahrhundertwende war es den Adventisten nicht möglich, von den Behörden die
Anerkennung als Kirche in irgendeiner Form zu erlangen. Vereine mußten
deren rechtliche Interessen wahrnehmen. Die Siebenten-Tags-Adventisten
gründeten deshalb den Deutschen Verein für Gesundheitspflege (De-Vau-Ge)
als Rechtsträger der Immobilie. Am 30. März 1900 erfolgte der Eintrag in
das Vereinsregister im Königlichen Amtsgericht Loburg.
Noch 1899 genehmigte die preußische Regierung den Antrag der
Religionsgemeinschaft, das Gut "Klappermühle" in "Friedensau" umzubenennen.
Am 19. November des gleichen Jahres nahm die Missionsschule ihre Arbeit mit
einem Lehrer und sieben Studenten im alten Mühlengebäude auf. Vor Einbruch
des Winters standen bereits eine Bäckerei und eine Fabrikationsstätte für
gesunde Nahrungsmittel im Rohbau. Im März 1900 erfolgte der erste
Spatenstich für ein Sanatorium. Am 26. April fanden unter einfachsten
Bedingungen die ersten Wasseranwendungen unter Leitung des amerikanischen
Arztes Dr. A. J. Hoenes in zwei Räumen des Kessel- und Waschhauses statt.
Da der De-Vau-Ge eine Nährmittelfabrik und später auch eine Seifenfabrik
betrieb, war eine zusätzliche Eintragung ins Handelsregister notwendig, die
am 11. Oktober 1900 beim Königlichen Amtsgericht Loburg erfolgte.
Am 1. Juni 1906 begann in Friedensau ein mehrwöchiger Kochkurs. Für Kost,
Logis und Unterricht waren neun Mark pro Woche zu zahlen. Hier sollten
Frauen und Mädchen lernen, "gutes Brot zu backen und Speisen einfach, aber
dennoch nahrhaft, gesund und schmackhaft zuzubereiten".
Nach einer Bauzeit von eineinhalb Jahren fand die feierliche Einweihung des
Sanatoriums im Beisein von etwa 600 Gästen im Juli 1901 in Friedensau
statt. Vorerst konnten in den gut eingerichteten Räumen 30 Patienten
aufgenommen werden. Von Anfang an gehörte zum Sanatorium ein Bewegungsbad,
das damals in Deutschland für Behandlungszwecke kaum bekannt war. Um die
Heilanstalt herum wurde ein Park angelegt. Bald kamen aus allen Teilen
Deutschlands chronisch Kranke und Genesende nach Friedensau, die nicht nur
die weitsichtigen Behandlungsmethoden schätzten, sondern auch an der Ruhe
und Abgeschiedenheit dieses Ortes mit den ausgedehnten Kiefernwäldern
Gefallen fanden. Über dem Eingang des Sanatoriums stand das Motto: "Medicus
curat, natura sanat" ("Der Arzt behandelt, die Natur heilt"). Schon ein
Jahr später erwies sich die Heilanstalt wegen des guten Zuspruchs als zu
klein. 1903 folgten ein Erweiterungsbau, die sogenannte Villa, ein
Wintergarten und eine Liegehalle.
In den ersten zwölf Jahren erhielten im Sanatorium mehr als 200 junge Leute
ihre Ausbildung in der Krankenpflege. Sie wurden in der Auslandsmission und
in sogenannten Schwesternheimen eingesetzt. Allein in Deutschland gründeten
die Siebenten-Tags-Adventisten von 1903 bis 1912 in größeren Städten elf
solcher Heime, die den heutigen Sozialstationen entsprechen. Sie waren mit
"Friedensauer Schwestern" besetzt, die zum Deutschen Verein für
Gesundheitspflege gehörten.
Am 20. Juli 1907 fand die Einweihung eines Altenheimes mit 60 Plätzen in
Friedensau statt. Dafür brachten die damals etwa 6 000 deutschen
Adventisten 100 000 Goldmark auf. Die Restfinanzierung erfolgte durch den
Verkauf des Buches "In den Fußspuren des großen Arztes", für das die
Verfasserin Ellen G. White auf jegliches Honorar verzichtet hatte.
Als die Produktionsräume in Friedensau nicht mehr ausreichten, wurde die
Nährmittelfabrik 1914 nach Hamburg verlegt. Nach dem Umzug behielt das
Gesundkostwerk seinen Namen bei, gründete dann aber 1921 den Verein
"De-Vau-Ge Hamburg e. V." Heute ist die Firma eine GmbH und hat seit 1976
ihren Sitz in Lüneburg. Sie wurde mit der Handelsmarke "granoVita" der
führende deutsche Lebensmittelhersteller im Reformhausbereich.
Während des Ersten Weltkrieges diente Friedensau als Mil
itärlazarett. Ende 1919 kaufte der De-Vau-Ge in Berlin-Zehlendorf das
"Waldsanatorium Ziegelroth" und führte ab 15. April 1920 die Friedensauer
Heilstätte als "Sanatorium und Klinik Waldfriede" fort. Sie war zunächst
mit 39 Betten, Operationsräumen und einer kleinen Röntgen- und
Bäderabteilung ausgestattet. Um auch die Genehmigung für eine staatlich
anerkannte Krankenpflegeschule zu erhalten, waren mindestens 100 Betten
vorgeschrieben. Die Aufstockung erfolgte innerhalb von zwei Jahren, so daß
der erste Kurs mit fünf Schülerinnen und einem Schüler am 1. Oktober 1922
beginnen konnte. Heute stehen in der "Krankenpflegeschule Waldfriede"
achtzig Ausbildungsplätze zur Verfügung. Durch An- und Neubauten ist aus
dem damaligen Berliner Sanatorium ein modernes Krankenhaus mit 230
Akutbetten geworden.
1920 erwarb der Deutsche Verein für Gesundheitspflege das Kurhaus
"Wittelsbach" in Bad Aibling/Oberbayern. Es ist heute ein Altenheim mit 203
Plätzen.
Obwohl die Wohlfahrtsarbeit der Siebenten-Tags-Adventisten auf das Jahr
1897 zurückgeht, wurde das Advent-Wohlfahrtswerk (AWW) erst am 1. September
1928 als Verein beim Amtsgericht Berlin eingetragen. Dessen Oberin, Hulda
Jost, übernahm auch die Leitung der Friedensauer Schwesternschaft. Als die
Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, blieb das AWW als
selbständiger Wohlfahrtsverband erhalten, wurde jedoch dem Amt für
Volkswohlfahrt (NSV) unterstellt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten das Advent-Wohlfahrtswerk und der
Deutsche Verein für Gesundheitspflege, jetzt DVG abgekürzt, um ihn vom
De-Vau-Ge Gesundkostwerk zu unterscheiden, eng zusammen. Sie wurden in
Personalunion geleitet. Zu ihnen gehörten 1953 die real-gymnasiale
Aufbauschule Marienhöhe, Darmstadt, das De-Vau-Ge Gesundkostwerk, das
Kurhaus "Wittelsbach", Bad Aibling, drei Altenheime, das Krankenhaus
"Waldfriede", Berlin, die Friedensauer Schwesternschaft und die Zeitschrift
"Leben und Gesundheit" mit einer monatlichen Auflage von 60 000 Exemplaren.
Ab 1954 erhielten die genannten Einrichtungen jedoch eigene Rechtsträger.
1959 wurden in Friedensau bei Magdeburg die "Anstalten der Gemeinschaft der
Siebenten-Tags-Adventisten" Rechtsnachfolger des früheren De-Vau-Ge.
1967 erfolgte die Neueintragung des Deutschen Vereins für Gesundheitspflege
(DVG) beim Amtsgericht Darmstadt. Er legte jetzt sein Hauptgewicht auf die
vorbeugende Gesundheitsarbeit (Prävention) und entwickelte eine Reihe von
Kursangeboten in den Bereichen gesunde Ernährung, Gewichtsreduktion,
Streßmanagement und das Raucherentwöhnungsseminar "Endlich frei!". Außerdem
bildet er Gesundheitsberater aus. Regionalgruppen entstanden, die für die
Basisarbeit zuständig sind. Seit dem 1. Oktober 1988 gibt es die
DVG-Zentralstelle in Ostfildern bei Stuttgart mit einem Geschäftsführer und
einem Gesundheitswissenschaftler. 1994 wurde die "Friedensauer
Schwesternschaft" wieder dem DVG unterstellt. Der Deutsche Verein für
Gesundheitspflege ist Mitglied der "Bundesvereinigung für Gesundheit e.
V.", der "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" (BzgA), der
"Hauptstelle gegen die Suchtgefahren" (DHS), der "Arbeitsgemeinschaft der
deutschen Abstinenzverbände" (AGAV), des "Deutschen Paritätischen
Wohlfahrtsverbandes" (DPWV) und der "International Commission for the
Prevention of Alcoholism (ICPA)", einer bei der UNO assoziierten
Organisation. Zu ihm gehören derzeit 52 Regionalgruppen in Deutschland.
Die Gründung des Deutschen Vereins für Gesundheitspflege im Jahre 1899
hängt damit zusammen, daß die Siebenten-Tags-Adventisten gemäß biblischen
Aussagen den Menschen als Ganzheit sehen. Sie sind deshalb nicht nur auf
eine gesunde biblische Theologie, sondern auch auf seelische
Ausgeglichenheit und einen gesunden Körper bedacht.
Holger Teubert
| © APD | Geändert am: 17.06.99 |