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Gastkommentar von Ingo U. Dalferth, Professor für Systematische Theologie, Symbolik und Religionsphilosophie am Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, zur Unterzeichnung der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" am 31. Oktober 1999 in Augsburg.
"Der 31. Oktober 1999 kein Freudentag"
Am 31. Oktober jeden Jahres erinnern die lutherischen Kirchen an den Beginn der Reformation, die mit den 95 Thesen Luthers gegen die theologisch inakzeptable Ablasspraxis seiner Zeit ihren öffentlichkeitswirksamen Anfang nahm. Am 31. Oktober dieses Jahres unterzeichneten Vertreter des Lutherischen Weltbundes und der römisch-katholischen Kirche die heftig umstrittene "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" sowie die "Gemeinsame Offizielle Feststellung". In ihr werden die Verurteilungen der lutherischen Rechtfertigungslehre durch das Tridentinum [Konzil zu Trient 1545-1563] und die (kaum auffindbaren) lutherischen Verurteilungen der Lehre der katholischen Kirche auf einer theologischen Basis zurückgenommen, die unbefriedigender kaum sein könnte.
Nicht nur bleibt sie an den entscheidenden Punkten vage, in ihrer Problemwahrnehmung rückwärts gerichtet und methodisch an der Überwindung traditioneller Lehrgegensätze durch gemeinsame Lehrformulierungen orientiert, anstatt die Differenz der theologischen Denkhorizonte beider Traditionen anzuerkennen und gemeinsam die Sache der Rechtfertigung in ihrer Relevanz für die gegenwärtige Kirche und Welt aus ihren jeweiligen Perspektiven zu verdeutlichen. Somit belässt sie damit fast alles beim alten.
Die traurig stimmende Pointe dieses Vorgangs wird deutlich, wenn man sich die gleichzeitigen Äußerungen des Vatikan zur Ablassfrage vor Augen hält: Die "Verkündigungsbulle" des Papstes zum großen Jubiläum des Jahres 2000 "Incarnationis mysterium" vom 29. November 1998 und das "Handbuch der Ablässe" vom 17. September 1999. Beide Texte lassen auch nicht einen Hauch davon erkennen, dass die römisch-katholische Lehre und Praxis von einem Rechtfertigungsverständnis geprägt wäre, das dem der lutherischen Kirchen entspräche. Dass der Lutherische Weltbund angesichts dieser Dokumente an einer Unterzeichnung festhielt, ist nicht nur unverständlich, sondern ein Ärgernis. Er demonstriert damit öffentlich, wie er die Bedeutung dieser ökumenischen Konsensdokumente einschätzt: Sie haben für die Praxis der Kirchen keine Bedeutung. Auf katholischer Seite werden sie schon jetzt ignoriert, von den lutherischen Kirchen werden sie ignoriert werden, weil sie ein Unternehmen des Lutherischen Weltbundes und nicht der lutherischen Kirchen sind.
Es ist an der Zeit, die Folgen einer Lehrökumene für die evangelischen Kirchen zu diskutieren, die sie offenkundig theologisch orientierungslos macht. Auf der einen Seite scheint auf dem Weg über Lehrvereinbarungen kaum etwas anderes als ein Abbau des eigenen Lehrprofils erreicht zu werden. Auf der anderen Seite wird mit der offenbar akzeptierten Folgenlosigkeit so erzielter Vereinbarung für das Leben der Kirchen belegt, wie bedeutungslos Theologie und theologische Lehre für die Kirchen inzwischen geworden sind. Als ökumenische Herausforderung scheint nur noch die Überwindung institutioneller Differenzen zwischen etablierten Kirchentümern und ihrer Religionspraxis gesehen zu werden, und nicht von ungefähr wird die ökumenische Agenda im Übermaß von Fragen des kirchlichen Amtes und Bischofsamts dominiert.
Gehen die evangelischen Kirchen auf diesem Weg weiter, verlieren sie mit ihrem konfessionellen Lehrprofil ihre raison d'être [Daseinsberechtigung] als eigenständige Kirchen und verharmlosen sich dazu, es früher oder später für einen ökumenischen Erfolg zu halten, den Status einer ordensähnlichen Sonderrichtung in der römisch-katholischen Kirche erreicht zu haben. Man müsste das nicht bedauern, wenn das, für das die evangelischen Kirchen einmal standen: ein öffentliches christliches Leben in der Freiheit des Glaubens aus der befreienden Wahrheit der Liebe Gottes, zum Allgemeingut der Kirchen geworden wäre. Aber davon kann keine Rede sein. Und deshalb ist der 31. Oktober 1999 kein Freudentag.
Die Bemühung um Gestaltung des gemeinsamen Lebens aus dem Glauben ist ökumenisch unerlässlich. Christen leben nicht allein, sondern gemeinsam in Kirchen, und Kirchen existieren nicht jenseits der Welt, sondern in der Geschichte. Die aber stellt die evangelischen Kirchen heute vor andere ökumenische Herausforderungen als die Suche nach vagen Lehrkonsensen ohne Praxisfolgen und die Bemühung um eine "Versöhnung der Ämter" durch Wiedereinführung des Bischofsamtes in historischer Sukzession. Das sind Versuche europäischer Traditionskirchen, die im Begriff sind, ihre Basis in der Bevölkerung zu verlieren und im Prozess der Neubestimmung ihrer Beziehungen zu Staat und Gesellschaft ihr verunsichertes Selbstverständnis im Rückgriff auf traditionelle ekklesiologische Denkmuster und Organisationsformen zu stabilisieren suchen. Doch damit werden sekundäre Fragen zu Hauptfragen gemacht. So aber wird man auf die ökumenischen Herausforderungen des kommenden Jahrhunderts nicht reagieren können.
Längst hat sich zahlenmäßig das Schwergewicht der katholischen Kirche aus Frankreich, Italien und Deutschland nach Brasilien, Mexiko und den Philippinen verlagert. Längst sind nicht mehr Deutschland oder England, sondern die USA und Nigeria die Länder mit den meisten protestantischen Christen. Längst sind die lutherischen und calvinistischen Kirchen zusammen weltweit eine Minderheit gegenüber den Methodisten, Baptisten und Pfingstkirchen. Nicht die erodierenden Traditionskirchen Europas, sondern die dynamisch wachsenden asiatischen, amerikanischen und afrikanischen Kirchen mit ihren ganz anderen Problemen werden die ökumenische Agenda des kommenden Jahrhunderts definieren. Sie stellen die eigentlichen ökumenischen Herausforderungen der Zukunft dar, und diese werden sich nicht mit einer vergangenheitsorientierten Episkopalekklesiologie bewältigen lassen.
Wollen die evangelischen Kirchen zu ihrer Bewältigung einen Beitrag leisten, müssen sie auf die Wahrung, nicht den Abbau ihres theologischen Profils achten. Denn - und daran erinnert das Gedenken der Reformation am 31. Oktober - die Eigendynamik kirchlicher Religionspraxis hat in jeder Organisationsform die Tendenz, die befreiende Wahrheit des Evangeliums zu verdunkeln und zu verstellen. Deshalb muss jede Gestaltung von Kirche von dieser her "semper reformanda" [stetige Erneuerung] bleiben. Und das kann sie nur, wenn das Evangelium nicht doktrinal verdunkelt und ekklesiologisch funktionalisiert wird, sondern alles daran gesetzt wird, es klar und unmissverständlich als die befreiende Rechtfertigung des Sünders allein durch Gott "sola gratia, solo verbo, sola fide" [allein aus Gnade, allein das Wort, allein aus Glauben] zur Sprache zu bringen.
Kommentar zur Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 7. bis 12. November in Leipzig.
"Die Mühe hat sich gelohnt"
Haben Deutschlands Protestanten wieder zu ihren wahren Wurzeln als missionierende und evangelisierende Kirche zurückgefunden? An verbalen Willensbekundungen hat es auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Leipzig jedenfalls nicht gefehlt. Endlich hatte man das leidige und von diversen Vorurteilen belastete Thema Mission aus der Ecke geholt, es in die Mitte der Beratungen gestellt und aus der Not eine Tugend gemacht. Eine Volkskirche mit anhaltendem und nicht unerheblichem Mitgliederschwund kann auf die Dauer ohne missionarisches Handeln nicht bestehen und hat mit einem solchen Defizit überdies ihren Auftrag verfehlt. Diese heilsame Erkenntnis wurde aus den Wortmeldungen zahlreicher Synodaler spürbar.
Der EKD-Ratsvorsitzende Präses Manfred Kock forderte eindringlich, dass sich die Kirche als ganze auf Mission einstelle und die Verbreitung christlichen Glaubens nicht mehr einzelnen Evangelisten und etwaigen Missionsdiensten überlasse. Nicht weniger deutlich wurde der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel, der sich in seinem von fast allen 120 anwesenden Kirchenparlamentariern umjubelten Grundsatz für den göttlichen Missionsbefehl ohne Ausklammerung einer Konfession oder Religion stark machte. Für ihn ist Evangelisation vor allem für eine "nichtchristliche Christenheit" und die "Erweckung einer schlafenden Kirche" gedacht. Ohne Einschränkungen sprach er sich auch dafür aus, dass die Erlösertat Christi niemandem vorenthalten werden dürfe, also auch Israel, ohne provozierende Reizwörter, wie "Judenmission", angezeigt werden müsse, obwohl der Widerspruch von jüdischer wie christlicher Seite nicht ausblieb. Doch zur Kollegenschelte kam es diesmal trotz kontroverser Diskussionen nicht. Es war sogar von einem Aufbruch zu einer missionarischen Ökumene und gar von ökumenischer Dimension die Rede. Und das bedeutet nach Synodenansicht nichts anderes, als den Glauben des anderen ebenso ernst zu nehmen wie den eigenen. Da muss wohl noch so mancher auf beiden Seiten über seinen Schatten springen.
Unüberhörbar waren zum anderen die Besorgnis und Kritik an der Infragestellung biblischer Grundwahrheiten wie der Auferstehung und Gottessohnschaft Jesu. Wie und auf welche Weise wird die Kirche solchen Zerfallserscheinungen und Glaubensdefiziten liberaler Theologen begegnen? Unzufriedenheit äußerte sich auch über die gegenwärtige Taufpraxis in einer säkularisierten Welt. Knallhart und zugleich resignierend klangen die Äußerungen: "Wenn der Glaube nicht zur Taufe kommt, ist sie sinnlos." Doch diese Einschätzung hat es in Großstadtgemeinden schon vor über 40 Jahren gegeben. Damit wird die unbiblische Kindertaufe letztendlich ad absurdum geführt.
Im Klartext soll außerdem Mission künftig auch unter Einschließung der Freikirchen betrieben werden. Ein solcher Schritt ist ebenso mutig wie sinnvoll, kann er doch ein evangelisierendes Miteinander von Landeskirchen und freikirchlichen Gemeinschaften in einigen Bereichen eröffnen. Professors Jüngels Vision geht aber noch weiter, wenn er meint, die Mission der Zukunft müsse ökumenisch orientiert sein, oder sie werde überhaupt nicht mehr sein. Ob so etwas, wenn auch selbst nur in Ansätzen, durchführbar ist, wird die Zukunft zeigen. Immerhin steht auf der nächsten EKD-Synode die "Ökumene als Gemeinschaftsaufgabe" auf dem Programm. Dafür wurden die Weichen in Leipzig gestellt. Nüchtern sagte Präses Schmude am Ende der fünftägigen Beratungen. "Wieder einmal hat sich die Mühe gelohnt." Diesmal bestimmt, meint auch der Berichterstatter.
| © APD | Geändert am: 04.12.99 |