Hartmut Weyel, „Zukunft braucht Herkunft“, Band 3: „Lebendige Porträts aus der Geschichte und Vorgeschichte der Freien evangelischen Gemeinden“, Bundes -Verlag Witten, 2011, 527 Seiten, Paperback, 16,95 Euro, ISBN 978-3-862580-11-8.

Ostfildern, 27.10.2012/APD   Hartmut Weyel bezeichnet das Siegerland als einen Herd der Erweckung und den Schuhmacher Johann Heinrich Weisgerber (1798-1868) als einen der Köpfe der damaligen Erweckungsbewegung , der sich Evangelist nannte. Wie immer waren auch in den Reihen der Siegerländer Erweckten Irrungen und Wirrungen nicht ausgeblieben. Mystische, schwärmerische und sektiererische Grüppchen, aber auch sogenannte philadelphische Wohngemeinschaften mit urchristlichen Gemeineigentumsverhältnissen gaben Anlaß zu Missverständnissen und pauschalen Verurteilungen.

Weisgerber, auch der Teerstegen des Siegerlandes genannt, sieht sich von Gott berufen und begabt, auch ohne kirchliche Legitimation die Bibel auszulegen und Menschen das Evangelium zu predigen. Freie evangelische Gemeinden entstanden dort, wo Menschen von ihrer toten Kirchlichkeit aufgeweckt wurden. Im Rahmen der Vorgeschichte erwähnt Hartmut Weyel auch Thomas Chalmers (1780-1847), den Initiator der Evangelischen Allianz und Begründer der schottischen Freikirche, sowie die Neukirchener Waisen- und Missionsanstalt mit Ludwig Doll, der sich für den Aufbau der Evangelischen Allianz einsetzte.

Es folgen dann die Lebensbilder von 16 Gottesmännern, welche die Geschichte der Freien evangelischen Gemeinden in Deutschland prägten. So wird der Schneider Wilhelm Weber (1827-1905) der erste Reiseprediger des Bundes Freier evangelischer Gemeinden. Fritz Oetzbach (1850-1909) fungierte als Krankenheiler und Evangelist. Orientierung bot ihm die Publikation der Amerikanerin Carrie Frances Judd „Das Gebet des Glaubens nach Jakobus“. Der Reiseprediger, Lehrer und Publizist Friedrich Kaiser (1863-1955) zeichnete sich durch seine Vielfalt von Werken aus, unter denen sich auch eine Arbeit über den „Sabbat und Sonntag“ aus dem Jahre 1898 und 1928 befindet.

Adolf Hitlers politische Gewaltherrschaft brachte Unruhe in die Freien evangelischen Gemeinden. Die für sie existenziell notwendige Trennung von Staat und Kirche hat in deren Geschichte weitgehend zur politischen Abstinenz geführt. Der Untergang des Kaiserreiches und die Überflutung der Welt mit den Ideen der Demokratie ließen ein Chaos befürchten. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass viele national-konservative Christen später die Machtergreifung Hitlers begrüßten, weil er eine starke Ordnungsmacht verhieß, von der man glaubte, dass sie sittlichen Verwüstungen wehren und dem Antichristen eine aufhaltende Macht entgegensetzen würde. Wegen ihrer apolitischen Haltung waren daher auch viele führende Persönlichkeiten der FeG nicht imstande, die politischen Verführungen des nationalsozialistischen Staates genügend zu erkennen und ihnen zu widerstehen.

In jenen Jahren spielte der Krefelder Unternehmer Johannes van den Kerkhoff bei den FeG eine bedeutende Rolle, der sogar Reichstagsabgeordneter wurde. Viel mehr neigte der Schriftsetzer, Schriftleiter und Schriftausleger Wilhelm Wöhrle zu Fehlern und Fehleinschätzungen im „Dritten Reich“. Seine Kommentare lassen deutlich seine Sympathie für Hitler erkennen. Jener habe aus der Vergangenheit das Beste in die neue Zeit herüber gerettet: Ehrfurcht, Autorität, Treue, Opferwilligkeit.

Auch der Evangelist und Publizist, Pastor Friedrich Heitmüller, gab eine „einmütige Erklärung“ für den Staat Adolf Hitlers ab. In ihr wurde bestätigt, dass die Gemeinschaft sich freudig hinter den Staat Hitlers gestellt und ihm treue und opferbereite Mitarbeit gelobt habe. Heitmüller beurteilte dagegen schonungslos und offen Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“ als radikale Verwerfung des neutestamentlichen Christentums, indem nicht nur das Alte Testament abgeschafft werden sollte, sondern auch der lebendige und persönliche Gott des Christentums.

Die wertvolle Zusammenfassung von Lebensbildern bedeutender Persönlichkeiten enthält auch die Biographien von Walter Böhme, Kurt Zimmermann, Emil Orth, Hermann Hein, Karl Mosner, Adolf Kaiser und Heinrich Wiesemann (1901-1978), der fast 50 Jahre die Geschichte und die Geschicke der Freien evangelischen Gemeinden entscheidend mitgestaltet und mitverantwortet hat.

Dr. Wolfgang Tulaszewski
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