Lars G. Petersson, „Hitlers Fahnenflüchtige“, Vorwort: Annette Bygott, Brent-wood, Essex/Großbritannien, chipmunkapublishing, 2012, 192 Seiten, Paperback, 14,99 Euro, ISBN 978-1-84991-795-7.

Ostfildern, 28.10.2012/APD   Im britischen Verlag für geistige Gesundheit (mental health publisher) ist im Sommer 2012 ein Buch in deutscher Sprache erschienen, das in Deutschland besondere Aufmerksamkeit verdient. Der schwedische Autor, Lars G. Petersson, hat sein Buch „Deserters“ in dänischer und englischer Sprache bereits 2005 vorgelegt. Seitdem ist es unter anderem beim Museum des dänischen Widerstands gegen die NS-Besatzung in Kopenhagen erhältlich. Dass das Buch nun auch in deutscher Sprache vorliegt und damit den Einblick in das Denken europäischer Nachbarn über den Umgang Deutschlands mit „Hitlers Fahnenflüchtigen“ erleichtert, ist das Verdienst von Annette Bygott, die in London lebt. Als 1936 in Deutschland geborene Tochter „eines Soldaten, der 1941 zu Beginn des Russlandfeldzugs den ‚Heldentod fürs Vaterland‘ starb“, war sie schon durch ihre Mutter „hellhörig gemacht worden für die großen Verbrechen und das Leiden am Krieg“. Das prägte sie lebenslang, machte sie friedensbewegt und – fast zufällig – zur Übersetzerin dieser eindrücklichen Publikation. Diese wäre nicht zustande gekommen ohne die Zusammenarbeit des Autors mit den drei Zeitzeugen, deren Lebensgeschichten exemplarisch im Zentrum der Abhandlung stehen: Ludwig Baumann, Helmut Kober und Peter Schilling.

Über die Erlebnisse und Erfahrungen dieser drei Männer vor, während und nach dem 2. Weltkrieg, in den sie das NS-Unrechtsregime eingezogen hatte, berichtet der Autor in 42 Kapiteln auf 154 Seiten. Dabei geht es um Ludwig Baumanns bewegendes Schicksal, Peter Schillings Weg in die Wehrmacht, seine Fahnenflucht in die Schweiz und über Helmut Kobers Weg in den Widerstand, zuerst an der Ost-, später an der Westfront. Die erzählerische Form lädt – trotz oft grausamer Details – zum Weiterlesen ein, wozu „Schnipsel“ aus anderen Schicksalen ebenso beitragen, wie erhellende Gedanken über Widerstand in der NS-Zeit. Seine historischen Recherchen, gestützt auf persönliche Gespräche und ausführliche Begleitung der Zeitzeugen, vermittelt der Verfasser ansprechend, ja spannend. Die im Rückblick der Zeitzeugen erlebte Wahrnehmung der damaligen Situation, die Ereignisse und Begebenheiten werden einfühlsam nachgezeichnet und geschichtlich eingeordnet. Petersson gelingt es, die Authentizität der Hauptpersonen wiederzugeben, ohne Fußnoten oder wissenschaftlichen Apparat, dafür mit einigen Bildern und Dokumenten. Das Buch zeigt anhand dreier aufschlussreicher Beispiele Formen militärischen Widerstandes auf, skizziert die Rahmenbedingungen ihres Handelns als „Hitlers Fahnenflüchtige“ und dessen biografischer Folgen pointiert. Das schließt einen Abriss des später nötigen, spannenden Kampfes um Rehabilitierung von 1990 bis 2002 ein, den sie als „alte Männer“ stellvertretend für die Wiederherstellung und Anerkennung der Würde der jahrzehntelang verfemten Opfer der NS-Militärjustiz gemeinsam führen mussten.

Ein Anhang, der auch Peter Schillings „Deserteurslied“ mit Text und Noten enthält, erinnert an ausgewählte deutsche Kriegsdienstverweigerer und verweist auf weiterführende Quellen. In seinem Nachwort plädiert der Autor nachdrücklich für die weltweite Anerkennung und Durchsetzung des Menschenrechts der Kriegsdienstverweigerung, um gegen Krieg und Waffengewalt ein lebensfreundliches Schutzrecht zu haben.

Günter Knebel

(Hinweis der Redaktion: Günther Knebel, Bremen, Jahrgang 1949, war von 1982 bis 2010 Geschäftsführer der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung [EAK] in der EKD [www.eak-online.de]. Ehrenamtlich ist er seit 1998 Schriftführer der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V., Bremen [www.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de].)
_____________________________________________________________________________
Der Text kann kostenlos genutzt werden. Veröffentlichung nur mit eindeutiger Quellenangabe „APD“ gestattet!