Speyer/Deutschland, 09.12.2012/APD   „Ich will nicht Teil einer Armee sein. Menschen, nach Gottes Ebenbild geschaffen, sind wichtiger als politische Grenzen oder ethnisch einheitlich besiedelte Gebiete. Sie sollten in Frieden zusammen leben.“ Auf diese Überzeugung gründet Kerem Koç, Pfarrer der kleinen evangelischen Gemeinde in Antalya (Türkei), seine Weigerung, der Einberufung zum Militärdienst nachzukommen. Koç sei ausdrücklich bereit, einen zivilen Dienst zu leisten, den er mit seinem Gewissen als Christ vereinbaren könne, betonte Pfarrer Friedhelm Schneider, Leiter der Speyerer Arbeitsstelle Frieden und Umwelt und Vorsitzender des Europäischen Büros für Kriegsdienstverweigerung.

Seit er den türkischen Militärbehörden seine Kriegsdienstverweigerung mitgeteilt habe, sei Kerem Koç zur Zielscheibe nationalistischer Kreise geworden. Er und seine Familie sähen sich Gewaltandrohungen und Beschimpfungen als Verräter ausgesetzt. Zudem müsse Koç jederzeit damit rechnen, angeklagt und inhaftiert zu werden, denn die Türkei sei der einzige Europarats-Mitgliedsstaat, in dem es weder ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung noch einen Zivildienst gebe. Wiederholt habe der Europäische Menschenrechtsgerichtshof die Türkei wegen der Mehrfachbestrafung und Misshandlung von Kriegsdienstgegnern verurteilt und die Regierung aufgefordert, dem Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen Geltung zu verschaffen. Doch die Türkei weigere sich beharrlich, das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen anzuerkennen und einen Zivildienst als Militärdienstalternative zuzulassen.

Für Pfarrer Friedhelm Schneider zeige das Beispiel von Kerem Koç einmal mehr, wie dringlich in Menschenrechtsfragen die politische Einflussnahme auf die türkische Regierung bleibe. „Es ist absolut inakzeptabel“, urteilte Schneider, „dass ein Beitrittskandidat der Europäischen Union, die gerade Friedensnobelpreisträger wurde, das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung dauerhaft missachtet“.

Die Information über Kerem Koç’s bedrohliche Lage werde inzwischen europaweit unter kirchlichen und politischen Organisationen verbreitet. In der Pfalz habe Pfarrer Schneider darum gebeten, Kerem Koç und dessen Familie in die gottesdienstlichen Fürbitten einzubeziehen. Neben den Rückmeldungen verschiedener Kollegen und Friedensgruppen hätte er auch eine Nachricht von Pfarrer Koç aus Antalya erhalten: „Wir fühlen uns wirklich allein. Aber es ist wunderbar zu wissen, dass Menschen in Europa für uns beten. Wir haben einen großen Gott, und wenn er nicht mit uns wäre, könnten wir diese belastende Zeit nicht aushalten.“
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