Kommentar zum angekündigten Rücktritt von Papst Benedikt XVI.

Ostfildern, 12.02.2013/APD   Für diese sensationelle Entscheidung wird Benedikt XVI. in die Geschichte eingehen. Nur einmal hat bisher ein Papst seinen Thron freiwillig geräumt – falls Coelestin V. im Jahr 1294 tatsächlich aus freien Stücken abgedankt hatte. Benedikt XVI. hatte offen von dieser Möglichkeit gesprochen, doch niemand hatte damit gerechnet. Ein Papst in Pension? Undenkbar. Mit seinem historischen Rücktritt hat der 85-jährige Pontifex die ganze Welt überrascht, aber auch Mut und Realitätssinn bewiesen. Hätte er es darauf angelegt, allseitiges Lob zu ernten – man hätte es nicht besser anstellen können. Die einen trauern dem unbeirrbaren Streiter für den katholischen Glauben nach, die anderen – Kirchentreue wie Kritiker − bewundern ihn für seine wohl überlegte Entscheidung.

Doch darauf kam es ihm nicht an. Es war das Wohl seiner Kirche, das ihn zu diesem revolutionären Schritt veranlasste. Dafür verdient er Respekt. Benedikt XVI. spürte, dass seine Kräfte nachließen und dass er sein Amt „nicht mehr gut ausführen“ konnte. Ausgestattet mit der potenziellen Machtfülle eines absolutistischen Herrschers wirkte der bescheidene, fast scheue Papst zuletzt hilf- und ratlos angesichts seiner krisengeschüttelten Weltkirche – Missbrauchsskandale, renitente Piusbrüder, zweifelhafte Bankgeschäfte, verkrustete Strukturen, Machtkämpfe und Intrigen, Vatileaks…

Papstsein war nicht sein Ding, Politik nicht sein Geschäft, Medienrummel nicht sein Pläsier. Sein Ruf nach einer „Entweltlichung“ der Kirche verhallte ungehört und unverstanden. Hoffnungen auf eine theologische Öffnung, katholisch-protestantische Annäherung, Lockerung der Sexualmoral, Abschaffung des Pflichtzölibats oder Frauenordination bediente er nicht. Stattdessen festigte er die Traditionen seiner Kirche, rief unbeirrt zum Schutz des Lebens auf und deutete die allseits beklagte Kirchenkrise als fundamentale Glaubenskrise einer gottvergessenen Gesellschaft.

Wofür wird die knapp achtjährige Amtszeit des ersten deutschen Papstes seit fast 500 Jahren im Gedächtnis bleiben? Als Theologieprofessor auf dem „Stuhl Petri“ schrieb der scharfsinnige Denker – er wurde bereits mit 30 Jahren habilitiert – eine viel beachtete Enzyklika (Deus Caritas est / Gott ist Liebe) und eine eindrucksvolle dreiteilige Jesus-Biographie. Auch seine Reden vor der UNO und im Bundestag fanden ein großes Echo. Seine wichtigsten Anliegen waren die neuzeitliche Gottesfrage („Wo Gott ist, da ist Zukunft.“) und das kooperative Verhältnis von Glaube und Vernunft.

Dreißig Jahre lang hat Kardinal Ratzinger alias Benedikt XVI. seine Kirche mitgeprägt und -geleitet. Sein Nachfolger übernimmt ein schweres Erbe. Angesichts des viel zitierten Reformstaus und eines enormen Erwartungsdrucks aus ganz unterschiedlichen Richtungen bleibt abzuwarten, wie der nächste Papst seine Führungsaufgabe verstehen und ausüben wird. Nach zwei äußerst ungewöhnlichen Pontifikaten kann man vor weiteren Überraschungen zwar nicht sicher sein. Doch am Selbstverständnis des Bischofs von Rom als Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi wird sich nichts ändern. Der Papst mag abtreten, das Papsttum bleibt bestehen.

Prof. Dr. Rolf Pöhler

Hinweis der Redaktion: Professor Dr. Rolf Pöhler lehrt an der Theologischen Hochschule der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Friedensau bei Magdeburg Systematische Theologie.

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