Moskau/Russland, 15.04.2013/APD   Die staatliche Überprüfung von Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Russland sei inzwischen auch auf religiöse Organisationen ausgedehnt worden, berichtete William Yoder (Moskau), Medienreferent der „Russischen Evangelische Allianz“ (REA).

Laut dem sogenannten „Agentengesetz“ müssten sich alle NGOs, die Finanzierungen aus dem Ausland erhalten, als „ausländische Agenten“ registrieren lassen. Einige Nichtregierungsorganisationen lehnten dies ab, weil sie befürchteten, als Spione bezeichnet zu werden. Im Rahmen des „Agentengesetzes“ sind laut Medienberichten Ende März in Russland auch ausländische Stiftungen von den Behörden durchsucht worden, darunter die Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in St. Petersburg sowie die Ebert- und Böll-Stiftung in Moskau.

An der halbjährlichen Sitzung des Rates der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) vom 27. bis 29. März in der russischen Hauptstadt habe Anatoli Ptschelinzew, Leiter des Moskauer „Slavic Legal Centre“, den Ratsteilnehmern nahe gelegt ihre Gemeinden durch eine genaue Lektüre der geltenden Gesetze auf unangemeldete Besuche staatlicher Gremien vorzubereiten. Alle relevanten Gesetze sollten demnach auf der Webseite der RUECB veröffentlicht werden. Der Rechtsanwalt habe betont, dass Gemeinden gesetzlich nicht verpflichtet seien, persönliche Angaben über deren Mitglieder an Staatsbehörden weiterzuleiten.

Russische Evangelikale grenzen sich gegen westliche Einflussnahme ab
Nach Angaben des REA-Medienreferenten habe Tom Holladay, Pastor der kalifornischen, baptistischen Megakirche „Saddleback Church“, die RUCEB-Sitzung in Moskau als Gast besucht. In Russland kooperiere die amerikanische „Saddleback Church“ bisher am stärksten mit der überkonfessionellen sowie evangeliumschristlichen und pfingstlerischen „WSECH“-Bewegung („All-Russische Gemeinschaft der Evangeliumschristen“) des Moskauer Geschäftsmannes Alexander Semtschenko. Es bestünden Sorgen, dass die „Saddleback Church“ versuchen könnte, ein in Kalifornien entwickeltes Programm in Russland einzuführen. Eine Moskauer Filiale von „Saddleback Church“ mit Live-Übertragungen aus Kalifornien oder das Auftreten eines neuen westlichen Pastors auf der Moskauer Bühne würde von den Einheimischen als nicht hilfreich angesehen. Die gegenwärtige politische Stimmung nötige die protestantischen Kirchen in Russland, die Tatsache, dass sie weder ausländische noch ferngesteuerte „Agenten“ seien, unter Beweis zu stellen.

Siebenten-Tags-Adventisten mit „einheimischer“ und „ausländischer“ Kirchenleitung
In der Russischen Föderation gibt es 67.033 erwachsen getaufte Siebenten-Tags-Adventisten in 684 Kirchengemeinden. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts existierten in Russland adventistische Gemeinden, sodass die Freikirche 1906 von Zar Nikolaus II. staatlich anerkannt wurde. Da auch in der kommunistischen Sowjetunion örtliche Adventgemeinden vom Staat registriert wurden, konnte die Freikirche nach der Auflösung der UdSSR und Gründung der Russischen Föderation im Jahr 1992 weiterhin legal in Russland tätig sein. Eine erneute staatliche Anerkennung war aufgrund des am 1. Oktober 1997 in Kraft getretenen geänderten Religionsgesetzes notwendig. Die Russische Orthodoxe Kirche wurde als erste unter der neuen Verordnung staatlich anerkannt. Die Registriernummer zwei erhielt die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten 1998.

Die Westrussische Union in Moskau, die Ostrussische Union in Nowosibirsk und die Fernostunion in Chabarowsk gelten staatlicherseits als einheimische, überregionale Kirchenleitungen der Siebenten-Tags-Adventisten. 1990 entstand in Moskau auch eine Kirchenleitung, Euro-Asien Division genannt, für die Adventisten in der damaligen Sowjetunion beziehungsweise ab 1992 für deren Mitglieder in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Sie gehört als Abteilung zur Weltkirchenleitung (Generalkonferenz) der Siebenten-Tags-Adventisten in Silver Spring, Maryland/USA. Aufgrund einer geänderten Religionsgesetzgebung betrachten russische Behörden die Euro-Asien Division als „ausländisch“. Deren Kirchenleitung verlegte daher ihren Sitz 2007 vorübergehend nach Darmstadt/Deutschland und schließlich zur Generalkonferenz in die USA. In den zwölf Staaten der GUS leben 121.238 Adventisten in 1.938 Gemeinden.

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