Wien/Österreich, 07.01.2014/APD   Am 1. Januar übernahm der aus Wien stammende evangelisch-methodistische Superintendent Lothar Pöll den Vorsitz des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), teilte CBS KULTUR INFO mit. Er löste Nicolae Dura, den rumänisch-orthodoxen Bischofsvikar und bisherigen Vorsitzenden ab. Die einstimmige Wahl von Lothar Pöll erfolgte bereits Mitte Oktober 2013 durch die Vollversammlung des ÖRKÖ. Die Methodistenkirche zählt zu den Gründungsmitgliedern des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich.

Zu stellvertretenden Vorsitzenden wurden der griechisch-orthodoxe Metropolit Arsenios Kardamakis und der römisch-katholische Diözesanbischof von Innsbruck, Manfred Scheuer, gewählt. Weitere Vorstandsmitglieder sind Erika Tuppy (Evangelisch-reformierte Kirche/H.B.), Bischof Michael Bünker (Evangelisch-lutherische Kirche/A.B.), Bischof John Okoro (Altkatholische Kirche) und Chorepiskopos Emanuel Aydin (Syrisch-orthodoxe Kirche).

Bei einem Hintergrundgespräch informierte laut CBS KULTUR INFO der methodistische Kirchenleiter kürzlich über seine bisherige kirchliche Tätigkeit, die Evangelisch-methodistische Kirche in Österreich und weltweit sowie seine neuen Aufgaben im nationalen Kirchenrat.

Vielseitig kirchlich engagiert
Lothar Pöll wurde am 5. Dezember 1951 in Wien geboren. Er studierte an der Theologischen Fachhochschule der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Reutlingen. Nach seiner Ordination war er ab 1977 als Gemeindepastor und in der Seelsorgearbeit in Salzburg, Linz, Ried im Innkreis, St. Pölten und Wien tätig. Er übernahm zahlreiche Aufgaben in der Evangelisch-methodistischen Kirche und in der Ökumene: Seit 1984 ist Lothar Pöll Mitglied des Kirchenvorstandes der EmK und seit 2001 Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich. Als Superintendent setzte er sich besonders für den Ausbau der Zusammenarbeit mit den evangelischen Kirchen A.B. und H.B. ein. Pöll ist daher auch – neben den zwei anderen Evangelischen Kirchen – Mitglied im sechsköpfigen Organisationsteam für den Prozess „Auf dem Weg ins Jahr 2017“, dem Reformationsjubiläum. Der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) gehört er als Ratsmitglied an. Von 2008 bis 2013 war Pöll Mitglied im Vorstand des ÖRKÖ.

Als Kuratoriumsmitglied des Linzer Diakonie-Zentrums Spattstrasse unterstützt Pöll ferner aktiv die sozial-diakonische Arbeit seiner Kirche. „Wahre Religion muss erdverbunden und menschenfreundlich sein“, so der Pastor 1998 in der Zeitschrift „Methodist“. Das 1963 gegründete Zentrum in Linz mit über 500 Mitarbeitenden biete ein Bündel an sozialen Angeboten für schwierige, verhaltensauffällige und mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche.

Methodisten in Österreich seit 1951 staatlich anerkannt – Teil einer weltweiten Kirche
Die Evangelisch-methodistische Kirche in Österreich (EmK) ist Teil der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche (The United Methodist Church). Derzeit leben in Österreich rund 1.500 Methodisten in 10 Gemeinden. Die methodistische Arbeit begann in Österreich 1870 durch den Prediger Christian Dieterle in Wien – in einer Zeit, als es im Land noch wenig Religionsfreiheit gab. Damals war nur eine „häusliche Religionsausübung“ möglich, sodass sich die Gläubigen als „Gäste“ in Privatwohnungen treffen mussten. Deshalb hatten sie immer wieder mit staatlichen Repressionen zu kämpfen. Bereits 1892 bemühte sich die methodistische Kirche in Österreich um staatliche Anerkennung, die jedoch erst im Jahre 1951 erfolgte.

Methodistische Freikirche – „geistiger Zweig der Reformation“
„Die Evangelisch-methodistische Kirche ist ohne ‚Reformation‘ nicht denkbar. Sie ist ein geistiger Zweig der Reformation“, betonte Pöll im Gespräch. Das sei auch der Grund, weshalb das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation zusammen mit den Evangelischen Kirchen A.B. und H.B. vorbereitet werde.

Seine Kirche sei nicht aus einem kirchlichen Lehrstreit hervorgegangen, sondern im 18. Jahrhundert – während der industriellen Revolution – als Erneuerungsbewegung innerhalb der Kirche von England entstanden, so Pröll. Der anglikanische Priester John Wesley (1703-1791) gilt zusammen mit seinem Bruder Charles als Begründer der Methodistischen Bewegung. John Wesley wandte sich vor allem an die sozial schwache Arbeiterbevölkerung, der die Kirche nichts mehr zu sagen hatte, und setzte sich für die Beseitigung sozialer Missstände, also für eine Kirchenreform, ein. Als Wesley starb, gab es bereits 135.000 Methodistinnen und Methodisten.

John Wesley wollte keine neue Kirche gründen, sondern den Menschen, die von der Kirche nicht erreicht wurden, dienen. Entscheidend für die Bildung einer eigenen Kirche wurde die Situation in Amerika nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges. Da sich die Kirche von England, gebunden an die englische Krone, angesichts der neuen Situation als nicht in der Lage zeigte, die geistliche Betreuung der Bevölkerung in Nordamerika zu gewährleisten, entschloss sich Wesley zu handeln. Er ordinierte zwei Männer für den Dienst und bestimmte einen weiteren anglikanischen Priester zum Superintendenten für Amerika. So kam es, dass sich die methodistische Bewegung im Nordamerikanischen Staatenbund im Jahre 1784 in Baltimore als selbständige Kirche bildete. Heute gehören den methodistischen Kirchen weltweit etwa 80 Millionen Menschen an.

Kirchenstruktur und Arbeitsformen in Österreich und weltweit
Die innere Struktur der Methodistenkirche wird durch sogenannte „Konferenzen“ geregelt. Konferenzen sind beratende und gesetzgebende Körperschaften, sie gliedern die Kirche und verbinden zugleich ihre vielfältigen Lebensäußerungen miteinander. Konferenzen sind Synoden, die sich je zur Hälfte aus Laien und Pastoren zusammensetzen.

Die gesamte Arbeit der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich ist als Jährliche Konferenz organisiert. Die jährliche Konferenz ist als Synodenversammlung weltweit die grundlegende Strukturform der Evangelisch-methodistischen Kirche. Den Vorsitz einer jährlichen Konferenz hat immer ein Bischof. Für Österreich ist Bischof Dr. Patrick Streiff zuständig, der seinen bischöflichen Sitz in Zürich (Schweiz) hat. Bei zahlreichen Anlässen in Österreich wird er durch den Superintendenten Pöll vertreten.

Ökumene als „Gabe Gottes“
Zu den Arbeitsschwerpunkten als neuer Vorsitzender des Vorstands gehören die Beziehungen des ÖRKÖ und seiner Mitgliedskirchen zum Staat, die Kontakte zu jüdischen Einrichtungen und die Pflege lebendiger Kontakte zu anderen Religionsgemeinschaften. Ferner könne es auch zu öffentlichen Wortmeldungen des Rates kommen. Ein weiteres Anliegen sei das positive „miteinander Unterwegssein“ der Mitgliedskirchen. Das geschehe nicht zuletzt durch viele persönliche Begegnungen, Gespräche und Freundschaften. Denn Ökumene sei eine Gabe Gottes. So hat Pöll zum Beispiel beim Gottesdienst zur Weltgebetswoche im Januar 2013 erklärt: „Die Einheit ist eine Gabe Gottes und nicht einfach machbar.“ Er zeigte sich überzeugt, „dass Gott uns diese Einheit schon längst ermöglicht, wir aber nicht bereit sind, die konkreten Schritte und Taten folgen zu lassen“. Den Grund sieht Pöll darin, dass „wir uns geradezu von unserer Vergangenheit definieren“. Dieses nach rückwärts gewandte Selbstverständnis lasse keinen Wandel zu. Der Superintendent bekannte sich in der Ökumene „zur Politik der kleinen Schritte“, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass „die theologischen Unterschiede der Kirchen (etwa bei der Taufanerkennung und der Mischehenfrage) zu respektieren sind“. Österreich gelte schließlich als eine Art „Musterland der Ökumene“, betonte Pöll.

Selbstverständnis des ÖRKÖ
Der Ökumenische Rat der Kirchen sei ein Gremium, in dem christliche Kirchen zusammenkämen, um Themen zu beraten, die alle gemeinsam betreffen würden. Er verstehe sich als „Stimme, mit der die Kirchen dann sprechen, wenn deutlich zum Ausdruck kommen soll, dass trotz aller konfessionellen Unterschiede und Kontroversen die christlichen Kirchen durch eine gemeinsame und tragfähige Basis verbunden sind“.

Von besonderer Bedeutung für die Arbeit des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich sei das 54-seitige „Sozialwort“, das am 1. Advent 2003 veröffentlicht wurde. In diesem gemeinsamen Text, der nach vierjähriger Vorbereitung von allen, unterschiedlichen Traditionen angehörenden Mitgliedskirchen des ÖRKÖ entstanden ist, würden Probleme der Gesellschaft angesprochen und die christlichen Perspektiven dazu aufgezeigt. Es verstehe sich als Einladung an alle, sich den aktuellen Herausforderungen der Welt zu stellen und nach Lösungen zu suchen, die dem Menschen dienen und die Welt als Schöpfung Gottes ernst nähmen.

Das vor zehn Jahren ökumenisch erstellte und auch international viel beachtete Sozialwort werde mit dem im Oktober 2013 angelaufenen Projekt „sozialwort 10+“ bis zum ersten Adventsonntag 2014 aktualisiert. Lothar Pöll wolle sich dafür einsetzen, dass das Sozialwort der Kirchen erneut landesweit ins Gespräch gebracht werde.

Derzeit hat der ÖRKÖ 16 Mitglieder. Darüber hinaus arbeitet eine Reihe von Kirchen und kirchlichen Organisationen als Beobachter mit.

Weitere Informationen zum ÖRKÖ: http://www.oekumene.at/
Wortlaut des „Sozialwortes“ (2003): http://www.sozialwort.at/
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