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Buchrezension Joe Miller: Projekt Lightspeed

Möglich war dies, weil das Wissenschaftler-Paar bereits seit über 30 Jahren erfolgreich an mRNA-basierten Medikamenten gegen Krebs gearbeitet hatte. Am 27. Januar 2020 wurde der erste Fall einer Covid-19-Erkrankung in Deutschland diagnostiziert. Einen Tag zuvor hatte Sahin bereits das Design für acht mögliche Impfstoffe entworfen, von denen einer, BNT 162b2, nach Monaten harter Arbeit, Fortschritten und Rückschlägen sowie den vorgeschriebenen Testphasen (I-III) an zigtausend Patienten das Rennen zur Zulassung gewann.

Der Wettlauf des Projekts Lightspeed (Lichtgeschwindigkeit) gegen die Zeit wurde gewonnen. Innerhalb einer Zeitspanne von gerade einmal zehn Monaten gelang es dem weltweit hervorragend vernetzten Forscherpaar, durch die internationale Zusammenarbeit von zahlreichen hervorragenden Wissenschaftlern (darunter einige Nobelpreisträger) und die Kooperation von internationalen Pharma-Unternehmen unglaublich komplizierte Mechanismen in 50.000 Herstellungsschritten so zu vereinen, dass die Entwicklung und Produktion von Milliarden Impfdosen in kürzester Zeit möglich wurde. Das Geheimnis hinter dem Erfolg von BioNTech sei das Zusammenspiel dieser beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten, schreibt Joe Miller.

Miller, Journalist bei der der Financial Times, hat Ugur Sahin und Özlem Türeci auf der Abenteuer-Reise zur Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs begleitet. Dabei entstand ein Sachbuch, das sich von der ersten bis zur letzten Seite spannender liest als jeder Kriminalroman.

Man könnte es Zufall nennen, dass genau zur richtigen Zeit die passenden Menschen, Forschungsergebnisse, wissenschaftlichen Erkenntnisse, Firmen und Investoren zur Verfügung standen, damit die komplexe Herstellung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 gelingen konnte. Wer nicht an Zufall glaubt, kann sich der Aussage von Professor Siegfried Scherer anschließen, der auf dem Gebiet der mikrobiellen Ökologie forscht und zum Thema Impfstoff feststellte: „Ich bin versucht zu sagen: mRNA-Impfstoffe sind ein Geschenk Gottes.“ (Interview mit dem christlichen Medienmagazin PRO, Ausgabe 2/2021, S. 24)

Zusammensetzung des BioNTech-Impfstoffs: https://www.cdc.gov/vaccines/covid-19/clinical-considerations/covid-19-vaccines-us.html#Appendix-C

Heidemarie Klingeberg

 

Joe Miller (mit Özlem Türeci und Ugur Sahin)

Projekt Lightspeed: Der Weg zum BioNTec-Impfstoff – und zu einer Medizin von morgen

Rowohlt-Verlag, 2021, 352 Seiten,

Gebundenes Buch: 22,00 Euro

Ebook/Kindle: 19,99 Euro

ISBN-10: 3498002775

ISBN-13: 978-3498002770




Buchrezension Paul Collier/ John Kay: Das Ende der Gier

Dabei sei die Grundmotivation jedes einzelnen das erfüllte Leben, das in der Verwirklichung von Tugenden zum Tragen kommt. Dies erfordere jedoch auch Ausgewogenheit und Mäßigung (S. 157). „Das gute Leben“ ist schon fast philosophisch zu verstehen, doch große Themen liegen Paul Collier, hat er bereits 2019 ein Werk zur sozialen Gerechtigkeit veröffentlicht (Sozialer Kapitalismus, Siedler-Verlag). Das neue Buch ist 274 Seiten stark und ist mit Anmerkungen, Angaben zu weiterführender Literatur, einer Bibliographie und einem Register ausgestattet. In drei gut gegliederten Kapiteln werden die Krise, die Symptome und ein Ausweg beschrieben.

Zum Inhalt

Teil eins beschreibt „den Triumph des Individualismus“, der „die Fähigkeit der Mitglieder einer Gesellschaft […]schwächt, gemeinsam auf bestimmte Ziele hinzuarbeiten.“ Die Lage ist düster: „Wir leben in Gesellschaften, die von Selbstsucht durchdrungen sind“ (S. 27) und die zudem der „Selbstüberschätzung von Politikern und Wirtschaftskapitänen“ (S. 11) ausgeliefert sind. Die Qualität der wechselseitigen Beziehungen ist durch Uneinigkeit gelähmt und die Menschheit grundsätzlich gespalten in arm und reich sowie links und rechts.

Im zweiten Teil werden deshalb die Aufgaben und Grenzen des Staats aufgezeigt, der beständig durch rechte und linke Ideologien bedroht wird. So muss der Staat als gemeinschaftsstiftende Institution nicht bloß alimentieren, sondern individuelle Entwicklungs- und Bildungschancen eröffnen, um Gerechtigkeit zu schaffen. Andererseits müssen egozentrische Positionen, die auf Populismus, Identitätspolitik oder übersteigertem Kapitalismus aufbauen, bekämpft werden zugunsten der Förderung von Mitgestaltungsmöglichkeiten sowie dem Willen dazu. Denn eine „partizipative Demokratie ist nicht nur dem gesellschaftlichen Wohlergehen förderlich, sie ist eine existentielle Notwendigkeit“ (S. 202).

Im dritten Teil stellen die Autoren ihre Lösung vor, indem sie die Perspektive für den Kommunitarismus öffnen, der die Notwendigkeit der Gemeinschaft und des sozialen Zusammenhalts betont. Kommunitaristische Politik fördert sachlich fundierten Gemeinsinn (S. 196) und stehe „ethnischen Nationalismus“ (S. 172) nicht entgegen. Die Autoren sehen Gemeinschaft und Markt dabei grundsätzlich nicht in einem Widerspruch, sondern konstruktiv aufeinander bezogen. Theoretisch beziehen sich beide Wissenschaftler auf kommunitaristische Philosophen, wie Amitai Etzioni, Alasdair MacIntyre, Michael Sandel und Michael Walzer.

Zum Punkt

Die Autoren schreiben engagiert mit vielen Beispielen. Die Coronakrise wird als Ausgangslage genommen, doch wurde das Buch schon vor der Krise konzipiert. Allerdings ist der nationale und gesellschaftliche Hintergrund britisch und bleibt für den deutschen Leser manchmal fremd. Die deutsche Ausgabe wurde um kleine fachliche Einschübe zum deutschen Kontext ergänzt, was jedoch aufgesetzt erscheint und sich nicht flüssig in den Inhalt einfügt. Doch erscheint das Thema grundsätzlich hochaktuell und in These und Lösungsvorschlag durchaus plausibel. Allerdings besteht die Gefahr der Romantisierung und Idealisierung. Es fällt schwer, bei solch ambitionierten Themen nüchtern zu bleiben.

So ist auch ein deutliches Sendungsbewusstsein herauszuhören, auch wenn beide Autoren betonen, nichts als Evangelisten aufzutreten. Trotzdem wird der Seelenfrieden als Belohnung in Aussicht gestellt, der demjenigen winkt, der seine moralische Verantwortung der praktischen Weltgestaltung zum Wohle der Menschheit annimmt (S. 203). Doch trotz oder gerade wegen dieser religiösen Obertöne, stellt das Buch das kommunitaristische Rezept für ein erfülltes Leben jenseits des übersteigerten Individualismus mit seinen falschen Versprechungen schmackhaft dar. Der Leser bekommt Lust auf Alternativen zum Lebensmotto: Geiz ist geil. Doch das Ende der Gier scheint im Großen und Ganzen noch nicht gekommen zu sein und so scheint der Titel des Buches eher Wunsch als Wirklichkeit.

Claudia Mohr

Paul Collier/ John Kay:

Das Ende der Gier. Wie der Individualismus unsere Gesellschaft zerreißt und warum die Politik wieder dem Zusammenhalt dienen muss.

Siedler-Verlag, 2021, 288 Seiten,

Gebundenes Buch: 24.00 Euro

Ebook/Kindle: 22,99 Euro

ISBN-10: 3827501423

ISBN-13: 978-3827501424




Buchrezension: Magnus Brechtken: Der Wert der Geschichte - Freiheit, Gleichheit, Teilhabe: Was wir aus den Kämpfen der Vergangenheit für die Zukunft lernen können

Zum Inhalt

Auf gut 300 Seiten mit Anmerkungen, Literaturnachweisen und Personenregister unternimmt der Autor und stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte einen strammen Spaziergang durch die letzten 400 Jahre und zeigt Entwicklungsstränge und Zusammenhänge großer gesellschaftlicher Themen. Die einzelnen Kapitel beleuchten die Religion, das Geschlechterverhältnis, die Partizipation (gesellschaftliche Teilhabe), den Nationalismus, die Kriege und die Wirtschaftsordnung da. Im letzten Kapitel stellt der Autor zehn Lektionen für die Gegenwart vor. Sein Plädoyer: Mut zur Geschichte, weil darin Wissen und Erfahrung gebündelt zur Verfügung stünden, „denn wir haben im Rückblick über die Jahrhunderte nahezu alle Varianten menschlichen Handelns vor Augen“ (S. 9).

Im Zentrum der Erörterungen steht das zugrunde gelegte Menschenbild, auf das sich jede kulturelle Entwicklung aufbaut und das stets in der Gefahr steht, durch Ideologien überformt zu werden. Brechtken setzt sich in seinen Ausführungen stark für die Rationalität, die Aufklärung und die Vernunft als Prinzipien des Fortschritts ein. Eine Gefahr für die Zukunft sieht er im Aufkommen des Populismus, in der Wiedergeburt des Nationalismus, dem Einfluss des Religiösen auf die Politik und in einem unbestimmten Bedürfnis nach autoritärer politischer Führung (S. 10). Mit vielen Beispielen und Zitaten richtet er sich an den interessierten Laien, der aufgefordert wird, die Lektüre durch eigenes Denken weiter zu vertiefen.

Zum Punkt

Dabei muss man dem Autor nicht immer in seiner Argumentation folgen. Gerade seine Haltung zur Rolle von Religion ist einseitig und übersieht bei aller berechtigten Kritik an der politischen Einmischung die Funktion der moralischen Stabilisierung einer Gesellschaft. Denn ohne fest gegründete Ethik und Moral geht es nicht. Statt Glaubensgehorsam fordert der Autor unbedingte Rechtsgehorsamkeit. Doch reichen eine humanistisch gegründete Ethik und Moral aus, in (Staats-)Krisen zu bestehen, wenn beispielsweise eine sichere und objektive Rechtsstaatlichkeit nicht gegeben ist? Die deutsche jüngere Geschichte gibt der Aussage: „Die Notwendigkeit von Moral und Ethik ist selbstverständlich für jeden, der sich als Mensch versteht“ (S. 57) nicht recht. Im Gegenteil!

Auch manche vorgeschlagenen Lösungen für große wirtschaftliche Herausforderungen wie der Deutschlandfonds wirken zu einfach, um der gesellschaftlichen Komplexität gerecht werden zu können. So wirken auch die zehn Lektionen zum Abschluss etwas unglücklich platziert, weil sich deren Inhalte nicht stringent aus den Kapiteln davor ergeben. Sie lesen sich eher wie ein persönliches Sammelsurium an gutgemeinten Ratschlägen. Hier wäre weniger mehr gewesen und Raum zum persönlichen Schlussfolgern sicherlich angenehmer.

Fazit: Wer sich auf geschichtlich begründete Fakten samt einem humanistischen und europäisch zentrierten Welt- und Menschenbild einlassen will, der ist mit der Lektüre gut beraten und wird sicherlich Anregungen finden, weiter zu denken.

Claudia Mohr




Buchrezension: Bernd Greiner: Made in Washington – Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben

Auf 237 Seiten wird dem Leser dann detailliert und gründlich recherchiert die Vergehen der Supermacht kredenzt. Dabei werden etliche Angriffskriege und der versuchte Sturz missliebiger Regime, sowie der Krieg gegen den Terror anhand vieler historischer Beispiele offengelegt. In neun Kapiteln, mit Vor- und Nachwort, hageln dann die Grausamkeiten wie Gewehrgeschosse ins Leserbewusstsein. Das menschenverachtende Vorgehen und das völkerrechtlich strafbare Verhalten in Guatemala, Südvietnam, Indonesien, Lateinamerika und zuletzt Afghanistan schockieren denjenigen, der sich bisher eine positive Sicht von der US-Außenpolitik bewahrt hat. Folter inklusive.

Solidarität Fehlanzeige

Die Quintessenz der amerikanischen Ordnungspolitik ist desaströs. Die USA, bis an die Zähne mit Nuklearwaffen bestückt und strotzend vor Selbstgefälligkeit, sind dabei Meister der Einschüchterung und sprechen ausschließlich die Sprache der Macht. Die „Rücksichtslosigkeit… als Signatur amerikanischer Weltpolitik“ (S. 231) ist ohnegleichen und wird von Präsident George W. Bush auf den Punkt gebracht: „Us against them“. Unter diesen Gegebenheiten rät Greiner Europa dazu, unbedingt unabhängiger zu werden (S. 236) und aus dem Schatten des Imperiums herauszutreten.

Die geschichtlichen Momente, in denen die Welt nur knapp einem dritten Weltkrieg entkommen ist, lassen den Atem stocken. Nach einer Zeit des Abrüstens nahm das internationale Wettrüsten wieder Fahrt auf. Der Kalte Krieg hat seine Fronten verlagert. Außerdem gilt Qualität vor Quantität (S. 207). Das „Spezialgefängnis“ in Guantanamo existiert heute noch und Washington übt sich im Unschuldslächeln. Doch wer anders soll das Modell der westlichen Freiheit und der demokratischen Verfasstheit verteidigen? Russland oder China wohl kaum! Wer dann? Greiners Lösungsvorschlag einer friedvollen, internationalen Zusammenarbeit für eine gemeinsame Sicherheit klingt im Blick auf die Realpolitik des 21. Jahrhunderts fast zu utopisch, um wahr werden zu können.

Zum Punkt

Made in Washington ist eine hochaktuelle und zutiefst kritische Streitschrift gegen die Außenpolitik der USA der letzten 60 Jahre. Dabei stützt sich Greiner auf die Recherche seiner früheren Publikationen wie Krieg ohne Fronten (2007), die Kuba-Krise (2010), 9/11 (2011) oder Henry Kissinger (2020). Quellengestützt, faktenreich und nüchtern im Ton fügt Greiner historische Tatsachen aneinander, die es schwermachen, noch ein positives Bild der Supermacht zu haben. Greiner argumentiert dabei nicht, sondern er sortiert und sondiert. Dabei beschreibt er neben den harten Fakten der Aufrüstung auch die psychische Verfasstheit einer Nation, die den Größenwahn gefrühstückt zu haben scheint und die für eine Selbstkorrektur nicht mehr erreichbar ist. Allerdings sollte man bei der Lektüre beachten, dass der Autor – von 1989–2018 ein Mitglied des Hamburger Instituts für Sozialforschung – in den 1980er Jahren dem Beirat des Zentrums für Marxistische Studien und Forschung sowie dem Zentrum für Marxistische Friedensforschung angehörte. Beide Einrichtungen wurden von der inzwischen aufgelösten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) mitfinanziert. Dieser Umstand schmälert nicht den Wert seines Buches, zumal der Autor durch zahlreiche Veröffentlichungen seine Kompetenz unter Beweis gestellt hat, könnte aber seine zuweilen sehr pauschale USA-Kritik erklären. Ein Buch, so spannend wie ein James Bond-Krimi und ebenso rau.

Claudia Mohr




Buchrezension: Laura M. Fabrycky - Schlüssel zu Bonhoeffers Haus: Wie ich Welt und Weg Dietrich Bonhoeffers entdeckte

Ohne deutsche Verklärung, eher nüchtern doch nicht ohne Bewunderung nähert sich die US-Amerikanerin neugierig und völlig unbefangen dem Leben und Wirken Bonhoeffers. Als Blickachse wird dabei das Elternhaus Bonhoeffers gewählt. Zur zeitgeschichtlichen Orientierung wird anfangs eine kurze Chronologie angegeben. Auf 319 Seiten mit Anmerkungen und Bibliographie werden in 8 Kapitel und einem Epilog verschiedenste Themen angeschnitten, wobei immer wieder auf das Elternhaus Bonhoeffers verwiesen wird. Ihr Fazit: „Wir können nicht Dietrich Bonhoeffer sein, aber wir können für unser Haus Verantwortung übernehmen – im Großen wie im Kleinen.“ (S. 293)

Zum Inhalt

Mit typisch amerikanischer Begeisterung berichtet Laura Fabrycky, wie Bonhoeffers Leben ihre Berlin-Erlebnisse bündelte (S. 176). „Wenn auch kein einziger Aspekt meines Lebens dem Bonhoeffers glich, war das Bonhoeffer-Haus doch Zeugnis menschlicher Erfahrungen, die ich aus meinem Alltag kannte“ (S. 32). Dem Bekenntnis zufolge springt die Autorin munter im Erzählfluss zwischen eigenen familiären (und oft kleinteiligem) Erleben über ausgewählte Lebensstationen Bonhoeffers zu großen aktuellen gesellschaftlichen Themen. Dabei philosophiert sie über die US-amerikanische Wahl 2016, Diskriminierungsfragen, Zivilcourage, Glaubensfragen, Fremdheitserfahrungen, Freundschaft und die Kunst des Sterbens.

Ein Stück Autobiographie einer jungen entwurzelten Mutter, verwoben mit ausgewählten biographischen Elementen aus Bonhoeffers Leben. Die Sinnsuche der Autorin ist deutlich zu spüren, ebenso ihre Einsamkeit in Berlin und die Schwierigkeiten, sich ohne ausreichende Sprachkenntnisse in einem fremden Land für drei Jahre zurechtzufinden. Dieses Buch und die ehrenamtliche Aufgabe als (englischsprachige) Fremdenführerin im Elternhaus Bonhoeffers sind der Versuch einer Lebensbewältigung. Und Bonhoeffers Zauber hat wieder einmal gewirkt: „Ich spürte, dass der verwirrt wirbelnde Kompass in mir seine Orientierung wiedergewonnen hatte; meine Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat, das Gefühl, sich im Exil zu befinden, war jetzt durch neue Hoffnung erhellt.“ (S. 32).

Zum Punkt

Das Buch ist weniger eine Biographie als ein persönliches Panorama einer Politologin. Eher eklektizistisch werden Themen, die die Autorin beschäftigen herausgegriffen und mit eigenen Berlin-Erlebnissen und Versatzstücken aus Bonhoeffers Leben gemischt. Laura Fabryckys reflektierte Haltung überrascht dabei ebenso wie ihre Selbstkritik, auch ihrem Herkunftsland gegenüber. So etwas ist man von Transatlantikern eher nicht gewohnt. Fabrickys Ziel ist es, uns zu einer Entscheidung einzuladen, „ob wir uns den Fragen unserer Zeit stellen, uns mutig uns hoffnungsvoll mit ihnen auseinandersetzen wollen, oder ob wir sie ignorieren und versuchen, unserer Verantwortung auszuweichen“ (S. 43). Trotz einer gewissen Weitschweifigkeit ein lesenswerter Einblick in das Leben eines altbekannten Theologen und einer modernen Mutter.

Claudia Mohr

 




Buchrezension: Manfred Lütz - Neue Irre - Wir behandeln die Falschen: Eine heitere Seelenkunde.

Die heitere Seelenkunde ist in drei große Abschnitte eingeteilt und wird von Vorwort und Nachwort mit persönlichen Ergänzungen eingerahmt. Im ersten Teil wird eine unterhaltsame Einführung gegeben und Wahnsinn und Blödsinn bekannter Persönlichkeiten aufs Korn genommen. Nicht alles, was unsinnig erscheint, ist tatsächlich auch krank, so Lütz. Der zweite Teil wird den Behandlungsformen gewidmet mit dem Leidensdruck, der Zielgruppe und den gängigen Methoden. Er dritte Teil hat den Anspruch alle Diagnosen und Therapien aufzulisten und gibt Kapitelweise kleine Einblicke in die Alzheimer Erkrankung, die Demenz, Suchterkrankungen, der Schizophrenie, der Depression und anderen „menschlichen Variationen“ (S. 172). Ein Sachregister ist angefügt.

Lütz verändert dabei die Perspektive auf die Wirklichkeit und fügt eine neue Koordinate hinzu. Neben den Begrifflichkeiten Normal und Nicht-Normal nennt der Autor auch die Moral und unterteilt in die Kategorien Gut und Böse. Das ist umstritten, führt aber über die Biologie hinaus zur Ethik. Hier wird der theologische Hintergrund des Autors deutlich. Auch wenn Lütz den Wert einer religiösen Perspektive auf das Krankheitsgeschehen erwähnt, warnt er davor, Seelsorge und Psychotherapie zu vermischen. Psychotherapiemethoden sollen nicht als Ersatzreligionen missbraucht werden.

Zum Punkt

Wer eine unterhaltsame Lektüre schätzt und einen Perspektivenwechsel benötigt, ist mit dem Buch gut beraten. Der kurze Überblick ist schlüssig, wenn auch stark subjektiv gefärbt. Dabei gibt sich Lütz als ausgebildeter Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeut versöhnlich gegenüber den großen Strömungen der Psychotherapie und pragmatisch in der Praxis. So erwähnt er etwa den lösungsorientierten Ansatz von Steve de Shazar mit dem Fokus auf die individuellen Fähigkeiten des Klienten, sich selbst Lösungen zu erarbeiten. Lütz stellt die Möglichkeit der medikamentösen Behandlung neben die Psychotherapien und verweist jeweils auf die Nebenwirkungen. Dabei vertritt er die Auffassung, dass Klinikaufenthalte nur bei akuten psychischen Krisen angezeigt sind, und die Betroffenen anschließend wieder so gut wie möglich in die Gesellschaft integriert werden sollten. Er äußert sich kritisch zu der Praxis jahre- oder gar lebenslanger Klinikaufenthalte und bezweifelt deren Nutzen für die Gesundung. Man spürt bei Lütz das Bemühen, psychische Leiden aus der „Schmuddelecke“ herauszuholen und betroffene Menschen möglichst nicht „abzuschieben“.

Das Buch ist humorvoll und gutgelaunt geschrieben. Das wird bei diesem ernsten Thema nicht allen Lesern gefallen. Auch sein Optimismus und der Verweis auf die außerordentlich guten Heilungschancen durch die evidenzbasierten Behandlungsmethoden seiner Zunft werden nicht von allen Fachleuten geteilt. Psychische Ausfälle sind oftmals lebenslängliche Begleiter und nicht nur als einzelne biographische Episoden anzusehen. Sein locker-humorvoller Schreibstil sollte nicht dazu verleiten, den (lebens-) gefährlichen Ernst einer psychischen Störung zu verkennen. Gleichwohl ist es ein Sachbuch, das Nichtmedizinern eine gut verständliche Einführung in die komplexe Thematik bietet.

Claudia Mohr




Buchrezension: Reinhard Thöle - Geheiligt werde dein Name - Christliche Gottesdienste zwischen Anbetung und Anbiederung

Dabei steht der Umgang mit dem Ritual im Fokus seiner Beobachtungen. Viele Gottesdienste seien auf dem Weg zu Event-Service-Stationen zu werden, die dem postmodernen Menschen einen Neo-Eventritus anbieten. So seien einzelne Kirchengemeinden verschiedenster Denominationen auf dem besten Weg post-ekklesial zu werden und sich somit selbst abzuschaffen. Solch ein Gottesdienst habe sich selbst verharmlost und abgeschafft und interessiere nur das kirchliche Restmilieu, so die Ausführungen von Reinhart Thöle.

Eine christliche Liturgie, die die theophanische Dimension des Gottesdienstes übersieht, sei jedoch fehlgeleitet. Dabei sei das Abendmahl das Zentrum der Liturgie, auf das sie unaufhaltsam hinsteuert und ohne das der Gottesdienst nur noch als „Festhalten an Versatzstücken“ angesehen werden kann.

Moderne Gottesdienstformen mit einer Betonung der Aktion und Kommunikation zerstören demzufolge – ohne den Kultus des Heiligen Abendmahls – den „genuinen anthropologischen Anknüpfungspunkte des Glaubens“ (S. 169). Denn, so ist Thöle überzeugt, bleibt „[i]n der Tiefenschicht […] auch der evangelische Gottesdienst die westliche Opfermesse“ (S. 121).

Zum Inhalt

In verschiedenen auffallend ungleichlangen Kapiteln werden unterschiedliche Gottesdienstfeiern aufgeführt, und sogleich umfassend kritisiert. Thöle blickt sich kritisch in den drei großen Denominationen des Katholizismus, des Protestantismus und der Orthodoxie um. Während der Katholizismus und vor allem die Orthodoxie noch vergleichsweise gut wegkommen und größtenteils über Liturgiereformen und eine generelle Defensivität gewettert wird, wird über dem aktuellen Protestantismus praktisch das Todesurteil verhängt. Alle vorsichtige und aufgeklärte Annäherung an den säkularen Zeitgeist wie neue Gottesdienstordnungen, ein Placebo-Kirchenjahr oder eine Talkshoworientierung seien nutzlos und werden als Zeichen gesehen, dass „die evangelischen Kirchen einen liturgischen und theologischen Konsens des Sakramentalen verloren haben“ (S. 81).

Dabei steht das sogenannte Abendmahlsparadox im Zentrum der Kritik, das zwar die Wichtigkeit der Eucharistie theologisch anerkennt, doch in der gottesdienstlichen Praxis unterbewertet. Das nur gelegentlich stattfindende Abendmahl ist für ihn Zeichen einer theologischen Unsicherheit.

Die Predigt müsse dann all das leisten, „was durch den faktischen Wegfall des Sakraments fehlt“ (S. 130). So würden letztlich nur Eventgottesdienste gefördert, die eine gebrochene Identität zelebrieren, die blind, taub, gelähmt und aussätzig sei. Der bedeutungsvolle Gottesdienst werde aber nicht von Erklärungen getragen, sondern durch Riten vollzogen (S. 165).

Großes Drama

Auch an Dramatik fehlt es nicht, im Gegenteil. Es wird von der „asymmetrischen Dialektik“ des Gottesdienstes und von dem „inneren Geheimnis“, in dem es „um Leben und Tod“ gehe, gesprochen (S. 166). Thöle betont wiederholt die „Gefährlichkeit“ des Gottesdienstes und vergleicht ihn mit einem Hochsicherheitslabor, in dem mit tödlichen Substanzen gearbeitet wird. Seine Schlussfolgerung: „Das schwierigste Werk der Kirche ist die Feier des heiligen Gottesdienstes… [d]er Gottesdienst ist die gefährlichste Aufgabe der Kirche in der Welt“ (S. 161). Infolge dessen ist Gottesdienst bei Thöhle keine fröhliche Feier von erlösten Gläubigen, sondern ganz im Gegenteil von todernster Seriosität gekennzeichnet. „[Der Mensch] kann durch seine eigenen Schwächen oder Ängste die gottesdienstliche Feier fast bis zur Unkenntlichkeit beschädigen oder sie fast bis zur Bedeutungslosigkeit marginalisieren“ (S. 162).

Zum Punkt

Die Kernfrage lautet: Welches Zentrum ist dem Gottesdienst eigen? Der Ritus oder die Verkündigung? Hier scheiden sich theologisch die Geister. Thöle positioniert sich ganz eindeutig. So müssen für ihn zwangsläufig die kommunikationsaktiven Formen moderner Gottesdienste hinter einer geschichtlich tradierten und ritualgetragenen Liturgie zurückbleiben, die alleinig dem Mysterium Gottes in der Heiligen Eucharistie gerecht wird. So klingt Thöle in weiten Strecken eher katholisch oder orthodox als evangelisch. Auch das dargestellte Amtsverständnis ist ebenfalls abweichend zum allgemein protestantischen, wenn er konstatiert: „Sein [Des Priesters] äußerer und innerer Platz ist am Altar“. Dazu passt, dass die Nichtbeachtung Marias als Gottesmutter im Protestantismus beklagt wird.

Für den Leser

Thöles Werk taucht ein in gottesdienstliche Welten und ist gespickt mit Polemik. Höchst unterhaltsam geschrieben mit scharfem Blick und scharfer Zunge erweist sich der Autor als Kenner der Szene. Thöle zieht seine Inspiration dabei zweifellos aus der Spiritualität des Ostkirchentums, das für seine mystische Liturgie bekannt ist. Das führt dazu, dass der typisch (frei-)evangelisch geprägte Leser zwar seinen Beobachtungen, jedoch nicht seinen Thesen und den daraus resultierenden Folgen unbedingt zustimmen kann. Für manche Christen steht die Freude über die Erlösung im Zentrum ihres Lebens und muss auch in der Gottesdienstfeier erfahrbar werden. Hier zeigt sich, dass die Theologie tatsächlich ausschlaggebend für die Gottesdienstgestaltung ist.

Claudia Mohr

Die Rezension kann als Dokument heruntergeladen werden: https://www.apd.info/wp-content/uploads/2021/08/174-2021-Rezension-Thoele.pdf




Buchrezension: Lieber Gott, ich muss dir was erzählen

Nach vielen Jahren hat der Advent-Verlag Lüneburg wieder ein neues Kinderbuch herausgegeben. Gemeinsam mit ihrer 13-jährigen Tochter hat Autorin Mirjam Nietz ein außergewöhnliches Andachtsbuch verfasst. Außergewöhnlich daran ist, dass es von einem Mutter/Tochter-Duo geschrieben und illustriert wurde. Die Autorin Mirjam Nietz hat die Geschichten verfasst und ihre erst 13-jährige Tochter hat die wunderschönen und farbigen Illustrationen für dieses Buch gezeichnet.

Worum geht es? Das 19 x 25 cm große und farbig und übersichtlich gestaltete Buch nimmt Kinder und Eltern mit auf eine Reise in das Alltagsleben von Familie Anders. Durch das ganze Jahr hindurch schreibt Anna ihr Tagebuch in kindlichem Vertrauen an Gott und teilt mit ihm ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Sie greift Fragen auf, die den christlichen Glauben betreffen und mit denen sich eine ganz normale 8-jährige beschäftigt. Dabei lernen wir nicht nur Anna, ihre Mama, ihren Papa und ihren kleinen Bruder Freddie kennen. Oma und Opa Lala gehören genauso zur Familie wie Oma Hille, Tante Zimt, der große Bruder Lars, Cousine Lydia und Anna’s bester Freund Nicki. Das Buch enthält 103 Andachten mit bunten Illustrationen und Bibeltexten. Es ist „für Kinder von 5 – 99 Jahren“, wie es auf dem Buchumschlag heißt, sowohl zum Vorlesen als auch zum Selberlesen geeignet.

Die Andachten folgen dem Jahreszyklus von Januar bis Dezember. Sie sind kurzgehalten und kindgerecht geschrieben. Der eigentliche Wert der Andacht liegt in der Aufgabe, zu der am Ende jeder Andacht aufgerufen wird. So z. B. am 6. Juni, wo es um Erdbeeren geht: „Welche Früchte habt ihr gerade zu Hause? Erfindet eine Marmeladensorte, die es noch nicht gibt. Zumindest nicht bei euch im Vorratsschrank.“ Die Kreativität und Vorstellungskraft der Kinder werden bei jeder Andacht erneut gefördert. Einzig und allein der Bibeltext scheint nicht so recht für ein Kind im Alter von 5 Jahren zu passen. Hier sind Eltern gefordert, den Gehalt des Textes und den Bezug zur Geschichte verständlich zu machen.

Mit der Publikation wagt sich der Advent-Verlag wieder in die Kinderbuchsparte, die für viele Jahre ein bedeutsamer Bestandteil des Verlagsprogramms war. Dafür gebührt ihm schon jetzt ein großes Dankeschön. Bleibt zu hoffen, dass dieses Produkt nicht ein Einzelgänger bleibt, sondern dass noch etliche weitere in dieser Machart folgen werden. Stephan G. Brass

Die Rezension kann als Dokument heruntergeladen werden: https://www.apd.info/wp-content/uploads/2020/10/Rezension-Mirjam-Nietz-1.pdf




Die Smartphone Epidemie

Manfred Spitzer ist sich sicher: Smartphones schaden der Gesundheit, der Bildung und der Gesellschaft. Der moderne Mensch ist im Umgang mit den neuen Medien viel zu unkritisch. Der Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm ist deshalb in seinem neusten Buch bemüht, die negativen Auswirkungen auf das Denken, Fühlen und Handeln mit Fakten zu belegen. In fünfzehn Kapiteln stellt er negative Auswirkungen von Medien vor, wie etwa ein gesteigertes Risiko zu Übergewicht, Schlafstörungen, Kurzsichtigkeit, Vereinsamung, Depressionen, Suizidalität und ein reduziertes Denkvermögen. Kinder und Jugendliche seien besonders gefährdet.

Siegeszug über den Globus
Neben den bekannten Risiken zeigt der Professor auch weniger bekannte Gefährdungen auf, wie z.B. ein schwindendes Grundvertrauen in die Menschheit und ein reduziertes Demokratieverständnis. Auch eine gesteigerte Individualisierung, Radikalisierung, der Wahrheitsverlust und der allgemeine Verlust von Privatsphäre seien Folgen der Digitalisierung, die sich seit 2007 mit der Erfindung und Vermarktung des Smartphones durch die Firma Apple deutlich beschleunigt habe. Seitdem sei das „Schweizermesser des digitalen Zeitalters“ auf einem globalen Siegeszug und beanspruche bereits ein Drittel der Wachzeit seines Nutzers. Die offizielle Technologiefolgenabschätzung sei mangelhaft.

Der Autor ist generell der Meinung, dass die Öffentlichkeit viel zu unkritisch mit den neuen Medien umgeht und spricht von einem Hype, der jedoch großes Suchtpotential enthält. Der Journalismus, das Bildungssystem und das Gesundheitssystem stünden der Digitalisierungswelle viel zu positiv gegenüber, was der neusten Studienlage widerspreche. Das Buch besteht deshalb größtenteils aus Artikeln, die Spitzer bereits in Fachjournalen veröffentlicht und für das Buch neu überarbeitet und ergänzt hat. Die Kapitel sind unabhängig voneinander zu lesen und die Inhalte teilweise redundant. Spitzer nutzt neueste Studienergebnisse aus den Fachblättern „Science und Nature“.

Weltuntergangsstimmung
Spitzer‘s Thesen sind umstritten: Im Vorwort berichtet er, wie seine früheren medienkritischen Bücher wie Vorsicht Bildschirm!, Digitale Demenz und Cyperkrank! für Aufruhr gesorgt und ihm den Vorwurf der Radikalisierung eingebracht hätten. Das mag daran liegen, dass Spitzer nicht unbedingt ausgewogen schreibt, sondern eine Mission vertritt. Dies führt neben einer sehr direkten und teilweise polemischen Ausdrucksweise auch dazu, Studien einseitig heranzuziehen, um seine Meinung zu stützen. Im Ergebnis bekommt das Buch dadurch einen apokalyptischen Unterton. Doch Spitzer will ausdrücklich keine Angst machen, sondern aufklären, damit Kinder und Jugendliche nicht unnötig Risiken ausgesetzt würden.

Der Ausblick fehlt
Der Rezensentin fehlt ein Abschlusskapitel, das mit einem positiven Ausblick zusammenfasst. Der Leser wird mit dem Schlusssatz „Wir sollten uns Gedanken machen!“ allein gelassen und pauschal aufgefordert sich und seinen Umgang mit den modernen Medien zu reflektieren. Es bleiben Fragen wie: Wo beeinträchtigt das Smartphone meine Gesundheit, meine familiären Beziehungen, meine Aufmerksamkeit, meine Empathiefähigkeit und Willensbildung? Und ganz grundsätzlich: Bin ich von der Epidemie nun infiziert oder nicht? Oder wird mir die Krankheit nur eingeredet?

                                                                      Claudia Mohr