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Das täuferische Erbe und seine Bedeutung für die Gegenwart – Jahrestagung 2022 des Vereins für Freikirchenforschung

500 Jahre Täuferbewegung

Im Jahr 2025 jährt sich zum 500. Mal die erste Gläubigentaufe, die als Beginn des reformatorischen Täufertums und der mit ihm verbundenen täuferischen Kirchen, wie Mennoniten, Baptisten und Siebenten-Tags-Adventisten, gilt. Seit dem Jahr 2020 nähern sich Mitglieder aus verschiedenen freikirchlichen und landeskirchlichen Gemeinden unter dem Motto „gewagt!“ dem Täufergedenken in Themenjahren an. Eine Tagung des Vereins für Freikirchenforschung und der Theologischen Hochschule Elstal widmete sich der Frage nach der Bedeutung des täuferischen Erbes für die heutige Zeit.

Der baptistische Pastor Jens Stangenberg (Bremen) hob in seinem Vortrag hervor, dass die Täufer des 16. Jahrhunderts durch ihre kritische Haltung zum Bestehenden charakterisiert waren. Bei allem kritischem Hinterfragen stellten sie jedoch stets die Versöhnung in den Mittelpunkt. Die Täufer, so Stangenberg, lebten eine „Wir-Gestalt“ des Glaubens: lebensfördernd, friedensstiftend und das Miteinander der Menschen in den täuferischen Gemeinden stärkend. Keine zentrale institutionelle Instanz habe Vorgaben gemacht. Dies förderte die Mündigkeit und war, so Stangenberg, im positiven Sinne „Anarchie“.

Auch die blinden Flecken sehen

Dass auch die „blind spots“ einer Vergangenheit zur Sprache kommen müssen, darauf wies die Historikerin Astrid von Schlachta (Hamburg/Weierhof) hin. Die Mennoniten, heutzutage eine überzeugte Friedenskirche, standen in der Vergangenheit nicht immer zu ihrem Friedenszeugnis. Häusliche Gewalt, Unterstützung des Krieges beziehungsweise der Dienst an der Waffe gehörten immer wieder und spätestens seit dem 19. Jahrhundert überwiegend zum mennonitischen Leben.

Dazu zählte auch systemische Gewalt, wie einige Fälle sexuellen Missbrauchs in der neueren Zeit ans Tageslicht gebracht hätten. Joel Driedger (Karlsruhe) verdeutlichte dies am Fall des mennonitischen Theologen John Howard Yoder.

Kirche neu denken

Eine vom Vorsitzenden des Vereins für Freikirchenforschung, Andreas Liese (Bielefeld), geleitete Podiumsdiskussion rückte aktuelle freikirchliche Bünde und Neugründungen in den Mittelpunkt, die sich an den historischen Täufern orientierten. In Österreich und in Schweden etwa seien unterschiedliche Freikirchen in Bünden vereint und in Großbritannien verstehe sich das „Anabaptist Mennonite Network“ nicht als Institution, sondern als Netzwerk. Im aktuellen Verlust der gesellschaftlichen Position der Christen sehen dessen Mitglieder die Chance, Kirche neu zu denken und „Ballast“ abzuwerfen.

Aufarbeitung der täuferischen Geschichte

Ein letzter Programmpunkt der Tagung widmete sich der Aufarbeitung der täuferischen Geschichte von Verfolgung und Martyrium im ökumenischen Kontext. Andrea Strübind (Oldenburg) und Lothar Triebel (Bensheim) zeigten anhand der Dialoge, die zwischen verschiedenen lutherischen, katholischen und mennonitischen Verbänden abgehalten wurden, dass trotz aller Bereitschaft zum Gespräch und zum gegenseitigen Verständnis die Täufer immer noch eine „Sonderrolle“ einnehmen. Es sei in den Augen der „großen“ Kirchen keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sie zum pluralen Spektrum der Reformation zu zählen. Uwe Swarat (Elstal) sprach den Umgang mit den Verurteilungen der Täufer in der „Confessio Augustana“ von 1530 an. Es bleibe abzuwarten, welche Debatten darüber in den Jahren bis 2030 entstehen werden.

Die Tagung in Elstal habe deutlich gemacht, wie präsent das täuferische Erbe im Bewusstsein heutiger Kirchen und Gesellschaften sei. Allerdings hätte die Tagung auch gezeigt, wie interessegeleitet Geschichtsschreibung sei und dass Geschichte deshalb immer wieder neu geschrieben werden müsse.

Verein für Freikirchenforschung (VFF)

1990 gründeten Theologen und Historiker aus verschiedenen Freikirchen den Verein für Freikirchenforschung. Initiator war Professor Dr. Robert Walton, seinerzeit Direktor des Seminars für Neue Kirchen- und Theologiegeschichte der Theologischen Fakultät der Universität Münster. Heute hat der Verein Mitglieder aus 27 Denominationen. Fach- und Laienhistoriker aus zwölf Ländern gehören ihm an. 180 Einzelpersonen und 21 Institute arbeiten zusammen, um wissenschaftliches Arbeiten im Rahmen der Freikirchenforschung zu fördern.

Der VFF befasst sich mit theologischen und kirchengeschichtlichen Themen aus freikirchlichen Blickwinkeln. Er fördert wissenschaftliches Arbeiten im Rahmen der Freikirchenforschung. Dazu unterhält der Verein auch eine freikirchliche Fachbibliothek, die ihren Standort an der Theologischen Hochschule der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Friedensau bei Magdeburg hat.

Darüber hinaus möchte der VFF Freikirchen bei der sachgerechten Archivierung von Quellenmaterial und beim Auf- und Ausbau von Archiven unterstützen.  Tagungsbeiträge und Forschungsberichte werden im Jahrbuch des Vereins für Freikirchenforschung veröffentlicht.

Weitere Informationen: www.freikirchenforschung.de.

Theologische Hochschule Elstal

Die Theologische Hochschule Elstal ist eine durch das Land Brandenburg staatlich akkreditierte kirchliche Hochschule in Trägerschaft des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden K.d.ö.R. Sie hat im Jahr 2007 nach der Begutachtung durch den Wissenschaftsrat die institutionelle Akkreditierung als Fachhochschule erhalten und ist 2013 erfolgreich institutionell reakkreditiert worden. Damit hat sie das Recht, staatlich anerkannte Hochschulabschlüsse zu verleihen.

Die Theologische Hochschule Elstal bietet drei akkreditierte Studiengänge mit staatlich anerkannten Studienabschlüssen an: Bachelor-Studiengang Evangelische Theologie, Master-Studiengang Evangelische Theologie und Master-Studiengang Diakonie und Sozialtheologie.

Weitere Informationen: https://www.th-elstal.de/




Reformationstag statt Halloween

Der 24/7 Fernsehsender HopeTV nimmt den Reformationstag zum Anlass und hat in diesem Jahr ein besonderes Kinderprogramm mit dem Holzwurm Fribo vorgesehen. Die Kindersendung „Fribos Dachboden“ beginnt gleich um 10.30 Uhr mit einem Kindergottesdienst. Auch auf dem Kinderkanal auf YouTube „hopeTV Kinder“ wird die Sendung ausgestrahlt.

Da werde zusammen gesungen, es gebe eine Geschichte und am Ende bekomme jeder eine Aufgabe, die in der Mittagspause zu lösen sei, heißt es in einer Pressemeldung zur Sendung. Welche, das werde noch nicht verraten.

Nach dem Gottesdienst essen alle zu Hause zu Mittag und dann werde losgezogen, um die Aufgabe zu erledigen. Um 16:00 Uhr sehe man sich dann wieder. Es werde gesungen, gebastelt, gekocht und natürlich gebe es auch wieder eine Geschichte mit Dominik. Für das Basteln und Kochen gab es ab Mitte Oktober eine Einkaufsliste.

Der Holzwurm Fribonius Maximilian Balthasar von Einzahn, genannt Fribo, und Dominik sind die Hauptakteure der Sendung „Fribos Dachboden“. Am 31. Oktober 2020 sind beide sowohl um 10.30 Uhr als auch um 16 Uhr auf dem Fernsehsender HopeTV (auch über Satellit und Kabel) zu sehen. Im Internet unter: http://www.fribos-dachboden.de/fribo-tag/ oder https://www.youtube.com/hopetvkinder.

Zur Einkaufsliste für den Fribo-Tag: https://bit.ly/35KTS6E.




Der Mythos von einer einheitlichen und frommen Reformation

Faktoren, welche die sogenannte „Reformation“ auslösten
Luthers 95 Thesen seien nicht so genial und neu gewesen, dass die Reformation und die Kirchenspaltung allein durch sie ausgelöst worden sei. Es wäre vielmehr die Kritik und das verbreitete Unbehagen, einschließlich eines Antiklerikalismus, an einer bereits bestehenden Religion gewesen, die den Menschen und seine Bedürfnisse zugunsten bestimmter religiöser Auffassungen vernachlässigt habe. So sei damals in der christlichen Welt alles käuflich gewesen: Die Taufzeremonie, die dem Kind die Möglichkeit zu einem ewigen Leben eröffnete; Gebete und Bitten für ein gutes Leben, die man von gottgeweihten Menschen, wie Mönchen und Priestern, vorbringen ließ; Messen, die nach dem Tod von Geistlichen gegen Bezahlung gelesen wurden; Ablassbriefe, die gekauft wurden um die Aufenthaltsdauer im Fegefeuern zu verkürzen.

Weitere Faktoren, die zur Auslösung der Reformation führten, waren laut Bodenmann gesellschaftliche Schichten, die durch die Kritik an der damaligen Religion eine Möglichkeit sahen, Macht, Einfluss und Reichtum zu mehren. Weltliche Behörden hatten genug vom Staat im Staat und wie das Geld der Untertanen die Kirche immer reicher machte, wobei das Geld der Kirche oft nach Rom übermittelt wurde. Fürsten und Landesherren sahen die Möglichkeit, sich die Kirchengüter anzueignen und damit ihre Kassen zu füllen. Die religiöse Komponente der Reformation sei nicht ohne die politische Rückendeckung möglich gewesen.

Keine einheitliche Reformation
Die reformatorischen Prinzipien wie „sola scriptura“ (allein die Heilige Schrift) oder „sola fide“ (Erlösung allein durch den Glauben) seien von den Reformatoren unterschiedlich verstanden und interpretiert worden. „Allein die Schrift“ hätten Zwingli und Calvin wortwörtlich verstanden, sodass die Kirche auf jede religiöse Praktik und Lehre, die nicht in der Schrift bezeugt ist, zu verzichten hätten. Deshalb mussten die Bilder, Skulpturen, Fenster mit Glasmalereien und manchmal auch die Orgeln aus den Kirchgebäuden weichen. Luther sei aber nicht bereit gewesen religiöse Lehrsätze oder Praktiken nur deshalb abzuschaffen, weil sie nicht in der Bibel aufzufinden waren. Zwingli und Calvin seien aber in ihrem wortwörtlichen Verständnis der Heiligen Schrift inkonsequent geblieben, so der Reformationshistoriker. Sie hätten anhand der Bibel allein weder die Dreieinigkeit beweisen können noch die Rechtmäßigkeit der Kindertaufe oder des sonntäglichen Ruhetages. Es sei demnach falsch, zu behaupten, dass der größte Lehrunterschied in den Reformationsbewegungen im Abendmahlsverständnis bestehe, sagte Reinhard Bodenmann.

Die Reformation sei im 16. Jahrhundert entstanden, weil die Diskrepanzen zwischen der ausgeübten Religion mit deren Diskurs einerseits und den gesellschaftlichen Bedürfnissen, Ansprüchen und den neuerworbenen Erkenntnissen anderseits, zu groß und unerträglich wurden. Das Gleiche treffe auch heute zu.

„Die menschlichen Gesellschaften arbeiten eine zu ihnen passende Religion aus und nicht umgekehrt“, betonte der der Reformationshistoriker. Er fügte hinzu, dass es an der Zeit wäre mit Hilfe der im Christentum gesammelten Erfahrungen und der neu gewonnenen Erkenntnisse der Wissenschaft eine erneuerte Religion und Religiosität auszuarbeiten, „wenn wir nicht gedankenlos unser eigenes Ende heraufbeschwören wollen“.




Grossmünsterpfarrer referiert bei Adventisten über Zwingli

Einleitend stellte Pfarrer Sigrist fest, dass die Aufforderung von Zwingli „Tut um Gottes Willen etwas Tapferes“ nicht im ursprünglichen Zusammenhang verwendet werden könne, da es ein Aufruf gewesen sei, im Krieg endlich mutig zu kämpfen. Bezüglich des Referats, das er als Zürcher Reformationsbotschafter bei den Adventisten hielt, sagte Sigirist, dass dies sein erster Kontakt mit dieser Freikirche wäre und er keine Konkurrenz zwischen Adventisten und seiner Kirche sehe. Da Adventisten kirchengeschichtlich in der Tradition der Baptisten und Methodisten stünden, wolle er auch gleich zu Beginn festhalten, dass das, was Zwingli den Täufern angetan habe, falsch war und seine Kirche dafür bei den Täufern 2004 um Entschuldigung gebeten habe.

Spiritualität
Zwingli habe zwar in einer sechsjährigen Arbeit die Bibel übersetzt, wollte aber nicht, dass sein Name dazu erscheint. Deshalb heiße sie „Zürcher Bibel“ und nicht „Zwingli Bibel“, so Sigrist. Das Wort Gottes habe für Zwingli nicht an und für sich bestanden, sondern Wort Gottes sei es geworden beziehungsweise ereigne sich, wenn man sich von Aussagen der Bibel getroffen wisse. Spiritualität sei Resonanzraum.

Soziales
Laut dem Grossmünsterpfarrer wäre sein Vorgänger vor 500 Jahren ein Meister der sozialen Umwälzung in der Stadt Zürich gewesen. Zwingli habe die bestehende Ungerechtigkeit nicht zur Ruhe kommen lassen und wie man das menschliche Recht als Spiegel der göttlichen Gerechtigkeit gestalten könne. Sigrist bezeichnete Zwinglis Einsatz im sozialen Bereich als „reformatorischen Dreisatz“. Zuerst sei es Zwingli um eine theologische Frage gegangen, motiviert von der Erkenntnis, dass Gott parteiisch für die Armen einstehe. Zweitens ging es ihm um eine ökonomische Frage, dass den Armen in der Stadt, die in einer „himmelschreienden Armut“ lebten, Geld zukommen müsse. Zwingli habe sich auch für die Auflösung der sieben Klöster in der Stadt, den „Fetttaugen in der Armensuppe“, und deren Übergabe an die Stadt Zürich eingesetzt. Als dritten Schritt sei es ihm um die soziale Ordnung gegangen, die er 1525 mit der Almosenordnung umgesetzt habe. Er habe eine Solidarkultur gefördert bei der unter anderem die Klöster als Spitäler verwendet und Schulen errichtet worden seien.

Politik
Für Zwingli sei Kirche, Bibel und Evangelium öffentlich und damit politisch gewesen, sagte Pfarrer Sigrist. Er habe aber alles gemeinsam mit dem Rat von Zürich umgesetzt und nicht im Alleingang. Damit hätte die Reformation der Kirche zur Transformation der Gesellschaft geführt. Zwingli habe 1524 den Zölibat abgeschafft, 1525 selbst geheiratet und ebenfalls Ehegesetze implementiert, bei der die Ehe von der Kirche gelöst und auf der zivilen Ebene geregelt worden sei.

Das Grossmünster in Zürich ist mit die bekannteste Kirche in der Stadt und mit seinen charakteristischen Doppeltürmen das eigentliche Wahrzeichen der Stadt. Sie gehört zur evangelisch-reformierten Kirche.

Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten ist eine evangelische Freikirche mit fast 21 Millionen Mitgliedern in über 205 Ländern und engagiert sich u.a. in den Bereichen der Glaubenslehre, Ethik, Bildung, Erziehung, Gesundheit, Sozialarbeit und humanitären Hilfe. In der Schweiz leben rund 4.750 erwachsene Mitglieder zuzüglich Kinder und Jugendliche.

Weitere Informationen zur Veranstaltungsreihe „500 Jahre Reformation“ der Adventisten in Zürich unter http://bit.ly/Reformation500Zurich