Lothar Weiß (Hsg.), „Russlanddeutsche Migration und evangelische Kirchen“, Bensheime Hefte 115, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2013, 299 Seiten, Paperback, 27,99 Euro, ISBN 978- 3-525-87241-3.

Ostfildern, 21.04.2013/APD   Zwischen 1950 und 2010 kamen rund 2,4 Millionen Russlanddeutsche in die Heimat zurück. Rund die Hälfte davon bezeichnete sich als evangelisch. Der Herausgeber und Autor, promovierter Wirtschafts- und Kirchengeschichtler, gab einen Überblick der Migration und Integration der Russlanddeutschen in die Gesellschaft der Bundesrepublik bis zum Ende der Sowjetunion, berichtete über die „Rücksiedelung“ der Russlanddeutschen und vermittelte gleichzeitig einen Einblick in deren wirtschaftliche und soziale Lage. Über die Konfessionszugehörigkeit der Heimkehrer lieferten Walter Graßmann (Lutheraner), Diether Götz Lichdi (Mennoniten), Lothar Weiß (Evangeliumschristen und Baptisten), Holger Teubert/ Pavlo Khiminets (Freikirche der Siebenten- Tags-Adventisten) und Vjatscheslav Dreier/Leonnard Frank (Pfingstler) die nötigen Erkenntnisse und Zahlen.

Die Kolonisierung Rußlands durch Deutsche über die Jahrhunderte und ihr Schicksal während des 2. Weltkrieges nimmt in der Dokumentation den entsprechenden Raum ein. Lothar Weiß sorgte dazu für eine ausführliche Quellenlage. Der überwiegende Teil der heimgekehrten Russlanddeutschen gehört nach Weiß zu den Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Unter den Evangelischen befinden sich aber auch ungefähr 25 bis 30 Prozent Mitglieder kleinerer Gemeinschaften wie Baptisten, Evangeliumschristen, kirchliche Mennoniten, Mennoniten-Brüder, Pfingstler, Adventisten und freikirchlich organisierte Lutheraner. Die Zuwanderung der Russlanddeutschen geschah oft dorfweise und konzentrierte sich in der Bundesrepublik häufig lokal. So kam es oft zu Veränderungen sozialer Verhältnisse in ländlichen Gegenden wie am Rande von Großstädten.

Dass Deutschstämmige nicht der modernen deutschen Sprache mächtig sein konnten und dazu noch russische Ehepartner mitbrachten, mußte von staatlicher und kirchlicher Seite gelernt und berücksichtigt werden. Dazu kamen mitgebrachte Ausprägungen des Glaubenslebens aus den Weiten Sibiriens und des Kaukasus. Was die Frage des Begriffs Integration angeht, wird sie bisher wenig reflektiert und zunächst verstanden als weitestgehende Anpassung der Migranten an die Gepflogenheiten der Aufnahmegesellschaft in Richtung einer Assimilation, bei der noch Restbestände der mitgebrachten normabweichenden Kultur in Kirche und Gesellschaft toleriert werden. Aber erst durch das gegenseitige Annehmen und Aufnehmen wird Integration in Gesellschaft und Kirche gelingen. Von diesem Standpunkt aus ist nach Lothar Weiß die kirchliche und theologische Integration der evangelischen russlanddeutschen Migranten in Deutschland bisher nur teilweise gelungen.

Dr. Wolfgang Tulaszewski
_____________________________________________________________________________
Der Text kann kostenlos genutzt werden. Veröffentlichung nur mit eindeutiger Quellenangabe „APD“ gestattet!