Ostfildern u. Lüneburg, 13.01.2014/APD   Auf 125 Jahre Buchevangelisation blickt die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland zurück. Im 18. und 19. Jahrhundert waren sogenannte „Kolporteure“, welche mit gedruckten Schriften durchs Land zogen, die wichtigsten Literaturlieferanten und Nachrichtenübermittler für die ländliche Bevölkerung. Die Kolportage wurde im 19. Jahrhundert auch ein bedeutendes Instrument für die christliche Mission. Bibeln, religiöse Traktate, gedruckte Predigtsammlungen sowie andere christliche Literatur wurden von Kolporteuren verkauft und damit bis in die entlegensten Gegenden gebracht. Bei solchen Reisen führten die Kolporteure auch Hausgottesdienste durch und hielten „Bibelstunden“.

Beginn 1888 in Stuttgart
Im Jahr 1888 ermutigte der Leiter der Siebenten-Tags-Adventisten in Mitteleuropa, Ludwig Richard Conradi (1856-1939), die Prediger Emil Frauchiger (1865-1941) und Gerhard Perk (1859-1930), mit der Kolportage in Deutschland zu beginnen. Sie mieteten sich in Stuttgart ein Zimmer und erlangten die Genehmigung zum Verkauf von Büchern. Mit fünf weiteren Helfern besuchten sie die Menschen in der Stadt sowie den umliegenden Orten und verbreiteten in kurzer Zeit über 2.500 Exemplare von „Das Leben Christi“ sowie Tausende Broschüren. 1889 begann eine Gruppe Kolporteure unter Leitung von Frauchiger mit der Buchevangelisation in Hamburg. Sie gingen nicht nur von Haus zu Haus, sondern besuchten auch die Schiffe mit den Auswanderern im Hamburger Hafen. Zunächst stand ihnen dafür nur ein schwerfälliges Ruderboot zur Verfügung. Ab 1900 wurde dieses durch die Barkasse „Herold“ ersetzt. Auch die Seemannsheime waren Ziel dieser adventistischen Mission.

Hamburg als gute Ausgangsbasis für die Buchevangelistation
Laut Klaus Sott, jahrelang Buchevangelistenleiter der Adventisten in Süddeutschland und später Vertriebsleiter im adventistischen Saatkorn-Verlag, Lüneburg, sei Hamburg eine gute Ausgangsbasis für die Buchevangelisation gewesen. Durch die Religionsfreiheit in der Stadt wären die Behörden gegenüber neu entstandenen Religionsgemeinschaften offener gewesen als in anderen Teilen des Deutschen Reiches. So sei in einem internen Hamburger Polizeibericht von Januar 1892 festgestellt worden, dass die Adventisten weltweit 40.000 Mitglieder zählten und „evangelisch-lutherische“ Schriften verbreiten würden.

Da Behörden bei der Hamburger Polizei nachfragten, habe sich diese Einschätzung in anderen Städten ausgewirkt, sodass auch dort die Buchevangelisten leichter eine Reisegewerbekarte erhielten, um ihr Schrifttum verkaufen zu dürfen. „In wenigen Jahren stieg die Zahl der Buchevangelisten von 50 auf 200“, so Sott. Weil die Adventisten ihren biblischen Ruhetag am Sabbat (Samstag) feiern, hätten viele Mitglieder ihren Arbeitsplatz verloren und stattdessen durch die Buchevangelisation ihren Lebensunterhalt bestritten. Das Hamburger Verlagshaus der Adventisten habe immer mehr Zeitschriften und Bücher zur Verfügung stellen können. „Auch während des Ersten Weltkrieges wurde diese Arbeit nicht unterbrochen.“ Die Zahl der Buchevangelisten sei nach dem Krieg bis Anfang der 1930er Jahre von 25 auf 500 angestiegen.

„Schwarze Wolken“ und Neubeginn
„Ende der 1930er Jahre zogen für die Buchevangelisation und das Hamburger Verlagshaus schwarze Wolken auf“, informierte Sott. Die NS-Behörden hätten verschiedene Schriften und Bücher verboten. „Adventistisches Gedankengut durfte nicht mehr gedruckt werden.“ 1943 wurde das Verlagshaus durch einen Luftangriff zerstört. Doch unmittelbar nach dem Krieg erhielt der adventistische Pastor Wilhelm Edener von der amerikanischen Militärverwaltung in Bayern die Genehmigung, die Zeitschriften „Der Botschafter“ sowie „Weg und Ziel“ herauszugeben. So habe die Verbreitung von Schrifttum allmählich wieder aufgenommen werden können. 1947 konnte das Verlagshaus in Hamburg erneut adventistische Literatur herausgeben.

„1948 wurde“, laut Klaus Sott, „die systematische Buchevangelisation unter Leitung von Alfred Wicklein in Deutschland wieder eingeführt.“ Er ersetzte das Wort „Kolporteur“ durch die Bezeichnung „Buchevangelist“, um zum Ausdruck zu bringen, dass es bei dieser Arbeit um die Verkündigung des Evangeliums in gedruckter Form gehe. Außerdem wollte Wicklein den Buchevangelisten die Arbeit erleichtern. Nach Kriegsende waren die meisten mit Fahrrädern und öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. „Ich werde die Buchevangelisten auf vier Räder bringen“, betonte er. Fünf Jahre später hätten fast alle Autos besessen. Dazu beigetragen habe die Herausgabe von Buchsortimenten, sodass ein größeres Angebot die Verdienstmöglichkeiten erhöhte. 1958 erreichte die Buchevangelisation in der Bundesrepublik mit über 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihren Höhepunkt.

Neue Zielgruppen
„Die Arbeit der Buchevangelisten von Haus zu Haus wurde jedoch immer schwieriger“, betonte Sott. Ihre Zahl sei bis 1985 auf etwa 200 in Teil- oder Vollzeit zurückgegangen. Deshalb hätten ab 1988 die Buchevangelisten begonnen, Kindergärten, Schulen und Bibliotheken mit speziellen Kinderbüchern als unterrichtsbegleitender Literatur zu besuchen. So fanden dort die aus dem adventistischen Saatkorn-Verlag stammenden Bände „Bilder der Bibel“ und die Bücher der Serie „Guckkasten“ mit Themen aus der Natur und dem täglichen Leben Einzug. Weitere Serien folgten, sodass an Kinderbüchern über 160 Titel zur Verfügung standen. Schließlich gab der Verlag noch die achtbändige Familienbibel „Menschen in Gottes Hand“ mit insgesamt 1.500 Seiten und über eintausend Illustrationen heraus. Auch die aufwändige „Große Saatkorn Gesundheitsbibliothek“ erschien, die heute hauptsächlich von Buchevangelisten in Österreich verkauft wird.

Rapider Zurückgang der Buchevangelisation
Dennoch sei seit 1990 die Zahl der Buchevangelisten rapide zurückgegangen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in fast allen europäischen Ländern – bedauerte Klaus Sott. Weder Versuche des Saatkorn-Verlages, Lüneburg, noch die Unterstützung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, besonders in Baden-Württemberg, hätten den rückläufigen Trend umkehren können. Heute gebe es in Deutschland nur noch ganz wenige Buchevangelisten, die ihren Lebensunterhalt mit dieser Arbeit bestreiten würden.
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