Der Anspruch der römisch-katholischen Kirche, einzige Kirche Jesu Christi zu sein

Am | 24. Juli 2007 | unterzeichnet |

Am 29. Juni 2007 unterzeichnet und am 10. Juli 2007 der Öffentlichkeit bekannt gemacht, kam aus dem Vatikan ein Dokument der Kongregation für die Glaubenslehre mit dem Titel "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche" heraus. Das Dokument bringt mit lehramtlicher Autorität einige Klarstellungen zu innerkatholischen Auseinandersetzungen. Mit den Antworten sollen daher im Katholizismus "Irrtümer", "Unklarheiten", "Abweichungen und Ungenauigkeiten" korrigiert und "Verwirrung" sowie "Zweifel" beseitigt werden. Trotzdem sind (wieder einmal) Irritationen unter den evangelischen Kirchen entstanden.

Dabei wird jedoch von protestantischer Seite übersehen, dass es nicht Aufgabe der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre ist, neue Lehren zu verbreiten. Sie ist kein Büro für katholische Erneuerungsprozesse, sondern der kuriale Hüter des Überkommenen. Ihr Auftrag ist, über die tradierte Lehre der römischen Kirche zu wachen, wo nötig, "den Glauben der Kirche neu zu bekräftigen" (§ 23 der Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre "Dominus Jesus", August 2000), und verbindlich darzulegen, was in der katholischen Kirche immer, überall und von allen, wenn schon nicht geglaubt wird, dann doch zu glauben ist.

In dem Ende Juni 2007 unterzeichneten Dokument geht es um eine Aussage zum Thema Kirche, die beim Zweiten Vatikanischen Konzil am 21. November 1964 gemacht wurde. In dem Konzilsdokument Lumen gentium, deutsch: Dogmatische Konstitution über die Kirche, Kapitel 8, Absatz 2, steht: "Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen." (Karl Rahner, Herbert Vorgrimmler, "Kleines Konzilskompendium", Herder Taschenbuch Nr. 270; Hervorhebungen vom Autor.)

In dem jetzt veröffentlichten Schreiben werden im Frage-und-Antwortstil des alten römischen Katechismus auf knapp fünf Seiten fünf Fragen beantwortet. In dem dazu gehörenden Kommentar (über sieben Seiten) wird ausführlicher darauf eingegangen.

Frage 1: "Hat das Zweite Vatikanische Konzil die vorgegebene Lehre über die Kirche verändert?" Die Antwort lautet: "Nichts hat sich an der überlieferten Lehre verändert." Johannes XXIII. erklärte bereits am 11.10.1962, dass es dem Konzil darum gehe, die "Substanz des Glaubensgutes" zu erhalten, es aber etwas anderes sei, wie diese "Wahrheiten dargelegt werden, immer aber in demselben Sinn und in der derselben Bedeutung".

Frage 2: "Wie muss die Aussage verstanden werden, gemäß der die Kirche Christi in der katholischen Kirche subsistiert?" (lateinisch: "subsistit in" = verwirklicht in).
Bezug nehmend auf die oben angeführte Konzilsaussage wird bekräftigt: "Das Wort ,subsistiert‘ wird ( nur der katholischen Kirche allein zugeschrieben." Die katholische Kirche versteht sich als die einzig wahre Kirche und nicht als "gewisse Summe von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften".

Frage 3: "Warum wird der Ausdruck ,subsistiert in‘ und nicht einfach das Wort ,ist‘ gebraucht?""In Wirklichkeit wollten die Konzilsväter einfach anerkennen, dass es in den nicht katholischen Gemeinschaften selbst kirchliche Elemente gibt, die der Kirche Christi eigen sind." Im Klartext bedeutet das, dass alles, was die katholische Kirche in anderen kirchlichen Gemeinschaften als christlich anerkennt, sie als ihren Besitz betrachtet, und deshalb zurückzubringen ist. In diesem Zusammenhang ist m. E. auch die gegenseitige Anerkennung der Taufe der elf Kirchen in Deutschland zu sehen, die am 29. April diesen Jahres vollzogen wurde.

Frage 4: "Warum schreibt das Zweite Vatikanische Konzil den Ostkirchen, die von der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche getrennt sind, die Bezeichnung ,Kirchen‘ zu?"Die Orthodoxen bezeichnet die römisch-katholische Kirche als "Schwesternkirchen" und "echte Teilkirchen", weil sie in der Sukzession des Priestertums, der angeblich lückenlosen Reihenfolge bis auf Petrus zurückgehend, stehen und dazu die gültige Eucharistie praktizieren, die als Opfer und Wesensverwandlung Jesu Christi verstanden wird. Allerdings gibt es bei ihnen auch noch einen "Mangel" (defectus), weil sie den Primat des Papstes nicht anerkennen; doch die Vorrangstellung des Papstes sei "ein inneres Wesenselement" und dürfe nicht "als äußere Zutat" verstanden werden.

Frage 5: "Warum schreiben die Texte des Konzils und des nachfolgenden Lehramts den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind, den Titel ,Kirche‘ nicht zu?"Aus der Betrachtungsweise der katholischen Kirche hat die lutherische Reformation nicht das Evangelium reformiert, sondern eine "Wunde" geschlagen, die noch nicht verheilt ist, weil die evangelische Kirche auch für sich beansprucht, Kirche Jesu Christi zu sein, obwohl sie doch das Papstamt und das katholische Abendmahlsverständnis ablehnt. Das Übel ist: Die von Rom Getrennten "nehmen den theologischen Begriff von Kirche im katholischen Sinn nicht an". Und weiter: "Auch wenn die katholische Kirche die Fülle der Heilsmittel besitzt, ,sind die Spaltungen der Christen für die Kirche ein Hindernis, dass sie die ihr eigene Fülle der Katholizität in jenen Söhnen wirksam werden lässt, die ihr zwar durch die Taufe zugehören, aber von ihrer vollen Gemeinschaft getrennt sind‘. Es geht also um die Fülle der katholischen Kirche, die schon gegenwärtig ist und die zunehmen muss in den Brüdern und Schwestern, die nicht in voller Gemeinschaft mit ihr stehen (" Freundlicherweise wird der Satz so fortgeführt: "aber auch in den eigenen Söhnen und Töchtern (", womit sicher die Abweichler in den eigenen Reihen gemeint sind. Damit sagt die katholische Kirche: Seht, ihr Nichtkatholiken, uns fehlt zwar nichts an Heilsgütern, aber wir können es nicht ertragen, wenn ihr euch von uns fernhaltet. Meint ihr nicht, dass euer Absondern ein schlechtes Bild auf die Christenheit wirft?

Die Positionen der Glaubenskongregation sind nicht neu. Neu ist nur, mit welcher Strenge sie von dem Präfekten Kardinal Joseph William Levada, dem früheren Erzbischof von San Franzisko, vertreten werden und von dem so sanft geltenden Papst "gutgeheißen" worden sind. Die Verlautbarung zeigt, dass es um die viel beschworene Einheit innerhalb der römisch-katholischen Kirche nicht gut bestellt ist. Adressaten des Schreibens der Glaubenskongregation sind in erster Linie die Bischöfe sowie Theologen der eigenen Kirche, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Debatte über das römische Kirchenverständnis so kontrovers wie das Konzil selbst führen. Schon der vom Vatikan gemaßregelte frühere Franziskaner Leonardo Boff hatte ja betont, dass die einzige Kirche Christi "auch in anderen christlichen Kirchen subsistieren kann". Ähnliche Positionen vertreten heute viele katholische Ökumeniker und Ökumenikerinnen. Ihnen wie auch dem Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Walter Kardinal Kasper, der in jüngster Zeit von verschiedenen "Typen von Kirche" sprach, wird klar widersprochen. Das Dokument hält gleichzeitig den evangelischen Kirchen vor Augen, dass auf Veränderung Roms in Richtung reformatorisches Christentum zu hoffen, eine Illusion genannt werden muss.

Josef Butscher

(Hinweis der Redaktion: Josef Butscher, Bietigheim-Bissingen, ist Pastor i. R. der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten.)


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