Freikirchen im 19. Jahrhundert zwischen Wertschätzung und Ablehnung

Niedenstein bei Kassel | 15. Oktober 2007 | APD |

Niedenstein bei Kassel, 15.10.2007/APD Mit dem Thema „Freikirchen als Außenseiter. Ihr Verhältnis zu Staaten und Kirchen im Deutschland des 19. Jahrhunderts“ befasste sich der Verein für Freikirchenforschung (VFF) während seiner Herbsttagung vom 11. bis 13. Oktober in Niedenstein bei Kassel in der Tagungsstätte des Mühlheimer Verbandes Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden. Der pensionierte methodistische Pfarrer Dr. Hans Hauzenberger (Hölstein/Schweiz) beleuchtete dabei die Rolle der Evangelischen Allianz bei der Etablierung der Freikirchen in Deutschland. Bei ihrer Gründung 1846 in London habe die Allianz freikirchliche Prinzipien, wie die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat sowie das Prinzip der Freiwilligkeit, übernommen. Derartige Ideen hätten jedoch im Deutschland des 19. Jahrhunderts als revolutionär und als Gefahr für die bestehende Ordnung gegolten, so dass die Evangelische Allianz als eine Angelegenheit der Freikirchen angesehen worden und damit auf Ablehnung gestoßen sei.

Über die Freikirchen aus Sicht des römisch-katholischen Theologen Johann Adam Möhler (1796-1838) sprach Dr. Tim Lindfeld, Assistent am Johann-Adam-Möhler-Institut Paderborn. Möhler sei kein Ökumeniker im heutigen Sinne gewesen. Für ihn sei die Lehre der katholischen Kirche der Maßstab zur Beurteilung von Nichtkatholiken gewesen. Der Professor in Tübingen und München habe für die von ihm beschriebenen Wiedertäufer samt Mennoniten, Quäker, Herrnhuter, Methodisten, Swedenborgianer, Sozianer und Arminianer den damals üblichen Sektenbegriff verwendet. „Dennoch fand er bei ihnen mehr Übereinstimmung mit der katholischen Lehre als bei den evangelischen Kirchen, so dass die Sekten für ihn höher zu bewerten waren.“

Als die Heilsarmee 1886 in Stuttgart mit ihrer Arbeit begann, habe sie Unterstützung bei den Methodisten und bei der evangelischen Abstinenzbewegung „Blaues Kreuz“ gefunden, berichtete Uwe Heimowski, Mitglied der Heilsarmee und Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera. „Abgelehnt wurde sie von Theologen der evangelischen Kirchen. Auch gab es Übergriffe durch den Straßenpöbel und Einschränkungen ihrer Arbeit durch die Polizei.“

Der Jurist Dr. Harald Mueller (Wunstorf), Leiter des Instituts für Religionsfreiheit an der adventistischen Theologischen Hochschule Friedensau bei Magdeburg, erläuterte die rechtliche Lage der Freikirchen in den deutschen Staaten des 19. Jahrhunderts. Manche Verfassungen hätten ihren Bürgern Glaubens- und Gewissensfreiheit zugesichert. Dennoch sei auch in diesen Ländern zwischen staatlich anerkannten Kirchen und nur geduldeten Religionsgemeinschaften, die als Vereine unter Polizeirecht standen, unterschieden worden.

Diplom-Theologe Thomas Hahn-Bruckart (Edewecht/Oldenburg) befasste sich mit Friedrich von Schlümbach (1842-1901), der als Methodist von 1881 bis 1883 aus den USA nach Deutschland kam, um innerhalb der Landeskirchen mit Genehmigung der zuständigen Pfarrer Evangelisationen zu halten. Schlümbach gab 1882 den Anstoß zur Gründung des Vereins Christlicher Junger Männer (CVJM). Obwohl seine Evangelisationen viele Menschen ansprachen und er nie jemanden von der evangelischen Kirche abwarb, wurde die Kritik an seiner methodistischen Zugehörigkeit immer größer. Daher trat Schlümbach aus der Methodistenkirche aus, schloss sich in den USA der Evangelischen Synode an, um weiterhin unter den Deutschen evangelischen Glaubens als Evangelist tätig sein zu können.

Stefan Duhr (Berlin) untersuchte im Rahmen seiner Magisterarbeit die freikirchlichen Bibliotheken der theologischen Seminare der Siebenten-Tags-Adventisten und Baptisten in Friedensau bei Magdeburg und in Buckow in der Märkischen Schweiz bei Berlin. In Friedensau habe es 1947 einen Buchbestand von 4.000 Bänden gegeben, der bis 1988 auf 15.000 angewachsen sei. In Buckow hätten sich 1959 bei Gründung des Seminars lediglich 150 Bücher befunden, die bis 1989 auf etwa 3.000 Bände hätten aufgestockt werden können. Duhr erläuterte, wie die Bibliotheken sich neue Bücher auf legale, bedingt legale und illegale Weise beschafften.

Die Haltung von Baptistengemeinden zum NS-Staat stellte Dr. Hans-Joachim Leisten (Berlin) anhand deren Festschriften dar. Sein Fazit: In den Gemeinden habe große Angst geherrscht, so dass sie sich den damaligen Gegebenheiten angepasst hätten. Günter Balders, Mitglied der Paul-Gerhard-Gesellschaft, dokumentierte die Wertschätzung der Freikirchen für den evangelischen Liederdichter Paul Gerhard (1607-1676). In den von ihm untersuchten 43 Liederbüchern von 13 Freikirchen aus den Jahren 1850 bis 1998 seien insgesamt 44 verschiedene Paul-Gerhard-Lieder zu finden.

Die nächste Frühjahrstagung des Vereins für Freikirchenforschung findet vom 6. bis 8. März 2008 zum Thema „Das Erbe weitergeben“ an der Theologischen Hochschule der Siebenten-Tags-Adventisten in Friedensau bei Magdeburg statt.
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