Ohne Gebet kein wirklicher Aufbruch der Kirche - Kommentar zur Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 4. bis 7. November 2007

15. November 2007

Der Wunsch nach einer im Aufbruch befindlichen, veränderten evangelischen Kirche führte 120 Synodale von 23 deutschen Gliedkirchen für vier Tage in Dresden zusammen. Unter dem Motto „Evangelisch Kirche sein" diskutierten sie über zahlreiche Reformvorschläge aus dem Impulspapier „Kirche der Freiheit", die schon auf dem Wittenberger Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Januar angesprochen wurden. Störend, ja missverständlich wirkte vor allem die Formulierung, über die Kirche der Zukunft theologisch nachzudenken, sind doch letztendlich die Kirchengemeinden die Träger kirchlicher Erneuerung, die in erster Linie für den Gottesdienst, die Seelsorge und Diakonie neue Impulse erwarten.

Stattdessen ging es der Dresdner EKD-Synode vorerst um Kompetenzfragen, wie weit sich Rat, Kirchenkonferenz, Synode und Kirchenamt in die zukunftsweisende Entwicklung einbringen, bei der außerdem noch ein zu bildendes Steuerungsorgan mit entscheiden wird. Es wurde nicht verhehlt, das mit diesen für die Kirche wichtigen Einrichtungen ein Prioritätsgerangel den ohnehin schon langsamer gewordenen Reformprozess bremsen könnte.

Zu den Zukunftsvorstellungen des Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Wolfgang Huber, gehört insbesondere ein lebendiger evangelischer Gottesdienst, der Gottesbegegnung, Orientierung und Gemeinschaft schafft. Theologie für den Gemeindebereich publizierbarer zu machen, dürfte dagegen noch weit hinter den missionarischen und seelsorgerlichen Anliegen der evangelischen Pfarreien liegen, für die theologische Vorstellungen, die von der EKD kommen, ohnehin nur schwer vermittelbar sind.

So fiel auch der für die Gemeinden vorgesehene Kundgebungsentwurf „Evangelisch Kirche sein" erst einmal bei den meisten Kirchenparlamentariern durch und wurde buchstäblich zerpflückt. „Wo bliebt hier die klare Botschaft der Bibel, wo die Leidenschaft?", wurde zu Recht gefragt. Es waren vor allem Frauen, die ihre Bedenken vorbrachten und dem Entwurf Halbherzigkeit vorwarfen.

Trotz gewisser Phasen der Ratlosigkeit hielt die Synode daran fest, dass der Aufbruch der Kirche unumkehrbar sei und konkrete Beschlüsse folgen müssten. Es wurde an eine intensivere Pfarrer- und Laienausbildung gedacht, mehr Laienverantwortung verlangt und eine Stärkung des evangelischen Profils gefordert. Übereinstimmung gab es in der Frage des Aufbruchs, der zwar bereits an vielen Stellen begonnen, aber der Prozess des Aufeinanderhörens und Aufeinanderzugehens erst angefangen habe.

Was nützen jedoch alle möglichen Anstrengungen um eine Erneuerung, ja Erweckung der evangelischen Kirche, wenn das Gebet nur die übliche gottesdienstliche Funktion hat und übrigens während der Synode kaum erwähnt wurde? Bei früheren Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts in den USA und in Großbritannien beteten Hunderttausende allein und in Gemeinschaft um die Erneuerung ihrer Kirchen und Gemeinden und baten Gott um die Hilfe des Heiligen Geistes.

Mit rein organisatorischen Vorkehrungen und Reformbemühungen wird das hehre Vorhaben der deutschen Protestanten nach Erneuerung ihrer Kirche nicht gelingen. Zwei Passagen aus dem Kirchengesangbuch lassen das klar erkennen: Martin Luthers „Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren" und Paul Gerhardts „Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbst eigener Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein". Die deutschen Protestanten sollten sich an ihre christlichen Vorväter erinnern und bei allem Planen das Gebet für die Erneuerung ihrer Kirche nicht vergessen.

Dr. Wolfgang Tulaszewski

_____________________________________________________________________________

Der Text kann kostenlos genutzt werden. Veröffentlichung nur mit Quellenangabe „APD" gestattet!