Versalzene Hoffnung? - Kommentar zu „Spe salvi“, der zweiten Enzyklika von Papst Benedikt XVI.

16. Dezember 2007

„Verstehen Sie ‚Spes’?", frotzelte Alexander Smoltczyk, als er im Anklang an die populäre Fernsehsendung „Verstehen Sie Spaß?" die Enzyklika des Papstes im Nachrichtenmagazin „Spiegel" vorstellte. Spes ist das lateinische Wort für Hoffnung. Der Name eines päpstlichen Rundschreibens (Enzyklika) wird immer nach den ersten Worten der lateinischen Fassung bezeichnet. Der Name der Enzyklika „Spe salvi facti sumus" bedeutet „auf Hoffnung hin sind wir gerettet".

Wenn Papst Benedikt XVI. in seiner zweiten Enzyklika das Thema Hoffnung aufgreift, – bei der ersten „Deus caritas est" vom 25. November 2005 stand die Liebe im Mittelpunkt –, geht es ihm natürlich um etwas ganz anderes als um einen Beitrag zur Spaßgesellschaft. Er reflektiert über den Grund der christlichen Hoffnung, es geht ihm um ihre Bedeutung für den einzelnen und die Welt, und schließlich wird auch die letzte Verantwortung vor Gottes Gericht nicht ausgelassen.

Das in 50 Abschnitten gegliederte Schreiben wurde der Öffentlichkeit am 30. November 2007 bekannt gemacht. Dieser Tag ist von der Kirche dem Apostel Andreas gewidmet, der besonders als Patron von Russland und Achaia (Griechenland) verehrt wird. Somit ist das Unterzeichnungsdatum auch als Geste der Verbeugung vor den orthodoxen Ostkirchen zu verstehen.

Zugegeben, ich lese die Äußerungen des Professors Ratzinger (meist) sehr gerne. Er schreibt verständlich. Wenn er Personen aus Kirche, Geistesgeschichte und Politik zitiert, wird deutlich, wie gebildet er ist. Und immer finde ich bei ihm, so auch in dieser Enzyklika, viele gute Sätze:

„Gott kennenlernen – den wahren Gott, das bedeutet Hoffnung empfangen." (Abschn. 3)

„Der Glaube gibt dem Leben eine neue Basis, einen neuen Grund, auf dem der Mensch steht, und damit wird der gewöhnliche Grund, eben die Verlässlichkeit des materiellen Einkommens relativiert." (Abschn. acht)

„Wenn dem technischen Fortschritt nicht Fortschritt in der moralischen Bildung des Menschen, im ‚Wachstum des inneren Menschen‘ (vgl. Eph 3,16; 2 Kor 4,16) entspricht, dann ist er kein Fortschritt, sondern eine Bedrohung für Mensch und Welt." (Abschn. 22)

„Beten bedeutet nicht, aus der Geschichte auszusteigen und sich in den privaten Winkel des eigenen Glücks zurückzuziehen. Rechtes Beten ist ein Vorgang der inneren Reinigung, der uns gottfähig und so gerade auch menschenfähig macht."" (Abschn. 33)

„Eine Gesellschaft, die die Leidenden nicht annehmen und nicht im Mit-leiden helfen kann, Leid auch von innen zu teilen und zu tragen, ist eine grausame und inhumane Gesellschaft." (Abschn. 38)

„Das Gericht Gottes ist Hoffnung, sowohl weil es Gerechtigkeit wiewohl weil es Gnade ist. Wäre es bloß Gnade, ... würde uns Gott die Frage nach der Gerechtigkeit schuldig bleiben – die für uns entscheidende Frage an die Geschichte und an Gott selbst. Wäre es bloße Gerechtigkeit, würde es für uns alle am Ende nur Furcht sein können. Die Menschwerdung Gottes in Christus hat beides – Gericht und Gnade – so ineinandergefügt, dass Gerechtigkeit hergestellt wird..." (Abschn. 47)

Allerdings lese ich als Adventist anders als die direkten Adressaten des Papstes: die Bischöfe, Priester, Diakone, gottgeweihte Personen und katholische Christgläubigen.

Auch beim Thema „Hoffnung" benutzt Benedikt XVI. den katholischen Salzstreuer. Wenn er beispielsweise die Taufe betont, denkt er selbstverständlich an die Säuglingsbesprengung und daran, dass das Kind keinen eigenen Glauben benötigt, sondern in den Glauben der Kirche hineingetauft wird. Wenn er relativ oft Heilige zitiert, liegt ihm natürlich seine Sichtweise von Tod und Heilsmitwirkung zugrunde. Wenn er davon ausgeht, dass nach dem Tode des Individuums jede Seele vor dem Angesicht Gottes erscheinen muss, macht er durchaus Anleihen bei Plato und dem „frühen Judentum" [Ideen im Judentum, die sich zwischen dem Alten und Neuen Testament ergaben], die von einem Zwischenzustand nach dem Sterben sprechen, in dem die einen schon Strafe erfahren und die anderen vorläufige Seligkeit empfangen. (Abschn. 44)

Dazu schreibt der Papst: „Die frühe Kirche hat solche Vorstellungen aufgenommen, aus denen sich dann in der Kirche des Westens allmählich die Lehre vom Fegefeuer gebildet hat. Wir brauchen hier nicht auf die komplizierten historischen Wege dieser Entwicklung zu blicken; fragen wir einfach danach, worum es in der Sache geht. Die Lebensentscheidung des Menschen wird mit dem Tod endgültig – dieses sein Leben steht vor dem Richter." (Abschn. 45)

Es wäre dem interessierten Leser durchaus geholfen, zu erfahren, auf welchen Wegen und warum eine kursierende Idee aus dem Judentum einfach von der Kirche übernommen wurde. Richtig ist, dass die Lebensentscheidung mit dem Tod endgültig wird. Die Lehre vom Fegefeuer und dass die Gläubigen noch etwas für die Verstorbenen tun können, die ihrerseits wieder eine Verbindung zu den noch Lebenden haben, ist dem Alten und Neuen Testament fremd. Hier wird erneut beim Frühjudentum angeknüpft:

„Wiederum schon im Frühjudentum gibt es den Gedanken, dass man den Verstorbenen in ihrem Zwischenzustand durch Gebet zu Hilfe kommen kann (z. B. 2 Makk 12,38-45; 1. Jahrhundert v. Chr.). Die entsprechende Praxis ist ganz selbstverständlich von den Christen übernommen worden, und sie ist der Ost- und Westkirche gemeinsam... Den Seelen der Verstorbenen kann aber durch Eucharistie, Gebet und Almosen ‚Erholung und Erfrischung‘ geschenkt werden. Dass Liebe ins Jenseits hinüberreichen kann, dass ein beiderseitiges Geben und Nehmen möglich ist, in dem wir einander über die Grenze des Todes hinweg zugetan bleiben, ist eine Grundüberzeugung der Christenheit durch alle Jahrhunderte hindurch gewesen und bleibt eine tröstliche Erfahrung auch heute... Unsere Existenzen [die der Lebenden und Toten] greifen ineinander, sind durch vielfältige Interaktionen miteinander verbunden." (Abschn. 48) „Die Begegnung [nach dem Sterben] mit ihm [Gott] ist es, die uns freibrennt und umbrennt zum Eigentlichen unserer selbst." (Abschn. 47)

Was da „ganz selbstverständlich" übernommen wurde und „eine Grundüberzeugung der Christenheit" genannt wird, ist katholisch. Geht man nicht von der Lehre der Unsterblichkeit der Seele aus, kommt man zu einer ganz anderen Sichtweise. Die Heilige Schrift sagt, dass die Toten nichts wissen (Prediger 9,5ff), sie ruhen in den Gräbern bis zur Auferstehung (Johannes 5,28.29). Und wechselseitige Beziehungen zwischen Lebenden und Toten hat Gott schon seit früher Zeit verboten (5. Mose 18,11).

Im letzten Abschnitt des päpstlichen Rundschreibens findet sich ein langes Gebet an Maria, die nach katholischer Lehre „zur lebendigen Bundeslade" (Abschn. 49) und „Mutter für alle" Gläubigen wurde (Abschn. 50). Dadurch und mit den über das Fegefeuer geäußerten Bemerkungen wird die christliche Hoffnung, mit der sich die Enzyklika befasst, versalzen.

Josef Butscher

(Hinweis der Redaktion: Josef Butscher, Bietigheim-Bissingen, ist Pastor i. R. der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten.)
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