„Wer den Dialog will, kann sich nicht seiner Verantwortung entziehen“

Friedensau bei Magdeburg | 22. März 2008 | APD |

Friedensau bei Magdeburg, 22.03.2008/APD Das Bündnis 90/Die Grünen bezeichnete die Theologin, Publizistin und Politikerin Dr. Antje Vollmer in einem Interview mit der Zeitschrift „Dialog" der adventistischen Theologischen Hochschule Friedensau bei Magdeburg „als stark kirchenkritisch". Die Bündnisgrüne, die fast 20 Jahre dem Deutschen Bundestag angehörte und von 1994 bis 2005 dessen Vizepräsidentin war, betonte jedoch, dass es in der grünen Bundestagsfraktion immer Mitglieder gegeben habe, die gesagt hätten: „Die Wurzeln der Grünen haben sehr viel mit den christlich Friedensbewegten zu tun." Und sie selbst hätte angesichts der grünen Kritik an der Kirche als Machtfaktor ironisch hinzugefügt: „Wir als Minderheitenpartei werden uns eines Tages noch um die Minderheit der katholischen Nonnen kümmern müssen." Das solle heißen, die Grünen würden die Kirchen in Europa viel mächtiger einschätzen, als sie gesellschaftlich wirklich seien.

Vollmer betonte, dass sie als ausgebildete Theologin und Pastorin für eine „ganz strikte Trennung von Religion und Politik, von Kirche und Staat" eintrete. „Mit dem Moment, als ich Politikerin wurde, habe ich bewusst und immer Wert darauf gelegt, die beiden Rollen zu trennen." Es sei ein zu Machtmissbrauch neigendes Instrument, Pastor und Politiker in einer Person sein zu wollen, „weil man damit eine zusätzliche Einflussnahme auf die Seelen der Menschen hat".

Zur amerikanischen Bereitschaft, mit Menschenrechtsbegründungen einen Krieg zu erklären, meinte Antje Vollmer, dass die Mittel, die jemand benutze, würden Auskunft über die verfolgten Zwecke geben. „Nicht der Zweck heiligt die Mittel, sondern die Mittel geben Auskunft über die Zwecke." Nichtfriedliche Mittel könnten sehr selten einem friedlichen Zweck dienen. Deswegen hätten die Gesetze des Dialogs für jeden zu gelten, auch für den, der schlechte Ziele verfolge oder der schlechte Mittel benutze. Wer den Dialog wolle, könne sich, bis der erste Schuss falle, niemals aus seiner Verantwortung entziehen, dem potenziellen Täter noch in den Arm zu fallen.

Zum Thema Mission und Religionswechsel gab Vollmer zu bedenken, hierbei werde von der Regel ausgegangen, dass „ich ein Stückchen mehr von der Wahrheit weiß als der andere". Das könne durchaus mit dem edlen Motiv verbunden sein, den anderen retten zu wollen. „Aber diese Überlegenheit macht mich meistens relativ blind für die Wahrheitsanteile, die der andere haben könnte." Dialog und Überlegenheitsdenken passten nicht zusammen. „Wir müssen uns doch erst einmal selber missionieren." Vollmer hält den Konfessionswechsel mit dialogischen Mitteln durchaus für möglich, glaubt jedoch, dass die Vielfalt der Religionen eine Weltbereicherung sei. „Wir brauchen nicht mehr die Idee der einheitlichen Weltreligion, sondern entdecken gerade, dass die großen Wahrheiten der Religion in der Vielfalt vielleicht wesensgemäßer offenbart werden als in der Monokultur nur einer religiösen Botschaft."

Das Interview, welches Christian Wannenmacher, Co-Autor des Buches „Amerika. Mit Gewalt in den Gottesstaat" (Halle: Mitteldeutscher Verlag), mit Antje Vollmer in München führte, ist auf der Homepage der Theologischen Hochschule Friedensau unter www.thh_friedensau.de/de/dialog/030_dialogArchiv/08_2/040_Seite5/index.html zu finden.
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