Leichlingen-Weltersbach, 16.11.2008/APD   Mit dem Thema „Unterwegs zur ‚Einheit der Kinder Gottes‘? – Freikirchliche Allianzen, Unionen und Bünde“ befasste sich der Verein für Freikirchenforschung (VFF) während seiner Herbsttagung vom 14. bis 15. November in Leichlingen-Weltersbach nördlich von Leverkusen im Begegnungszentrum des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden.

Karl Heinz Voigt (Bremen) informierte über die Kirchenunion der Methodisten, die „weltweit und freiwillig“ geschah. Im Gegensatz zu kongregationalistischen Freikirchen, die den Einzelgemeinden vor Ort eine weitgehende Autonomie einräumen und durch einen Bund oder eine Vereinigung mehr oder weniger lose zusammengehalten werden, ist bei den Methodisten jede Ortsgemeinde als Teil einer weltweiten Kirche mit bischöflicher Verfassung in ein Geflecht gegenseitiger Verantwortung mit Rechten und Pflichten eingebunden. Aus dem Methodismus, der auf das Wirken des anglikanischen Pfarrers und Universitätslehrers John Wesley (1703-1791) zurückgeht, entstanden unter anderem die Bischöfliche Methodistenkirche und die Evangelische Gemeinschaft, die seit 1849/50 auch in Deutschland missionarisch tätig wurden und Gemeinden gründeten. Nach vergeblichen Versuchen im 19. Jahrhundert gab es seit 1963 zwischen der Evangelischen Gemeinschaft und der Methodistenkirche intensive Verhandlungen, die am 23. April 1968 zu einem weltweit geltenden Zusammenschluss zur United Methodist Church führten. Für den deutschen Sprachraum einigte man sich auf den Namen Evangelisch-methodistische Kirche.

Um einen Beitrag der rheinischen Landesgeschichte zur Freikirchenforschung ging es Dr. Lothar Weiß (Frechen). Anhand von Statistiken belegte er, dass zwischen 1871 und 1987 die gesellschaftlich prägende Grundstruktur zwischen Katholiken und Evangelischen im Rheinland erhalten blieb. Lediglich der Anteil der Bevölkerung beider Großkirchen sank in diesem Zeitraum von 98 auf 86 Prozent. Die Säkularisierung machte sich besonders in den größeren Städten bemerkbar. Die Migration führte allerdings zu Veränderungen, sodass islamische Moscheen und orthodoxe Kirchen durch Gastarbeiter in industriellen Zentren entstanden. Außerdem bildeten russlanddeutsche Christen vorwiegend im ländlichen Raum eigene Freikirchen. Bei den einheimischen Freikirchen habe es in den letzten 100 Jahren wenig Veränderungen gegeben. Nur in Gegenden mit einem hohen evangelischen Bevölkerungsanteil fänden sich auch „Spuren von Freikirchen“.

Slawa Dreier (Erzhausen) stellte beispielhaft den 1990 gegründeten Bund Freier Evangeliums-Christengemeinden e. V. vor, der russlanddeutsche Pfingstgemeinden umfasst, deren Mitglieder hauptsächlich zwischen 1988 und 1992 in die Bundesrepublik eingewandert sind. Die vor allem im Rheinland vertretene Freikirche mit ihrem Hilfswerk „Stephanus“ umfasst rund 14.000 getaufte Mitglieder und 21.000 ungetaufte Kinder und Jugendliche aus 110 Gemeinden.

Über Geschichte, Identität und Wandlungsprozesse der Apostolischen Gemeinschaft sprach Apostel Detlef Lieberth (Pulheim). Am 23. Januar 1955 wurden die Apostel Peter Kuhlen, Siegfried Dehmel und Ernst Dunkmann ihrer Ämter enthoben und aus der Neuapostolischen Kirche ausgeschlossen. Sie hatten sich geweigert zu predigen, dass der damalige neuapostolische Stammapostel Johann Gottfried Bischoff nicht sterben werde, bevor Jesus wieder kommt. Ihre vom Dienst suspendierten Bischöfe und Ältesten erklärten sich solidarisch und verließen gemeinsam mit den drei Aposteln die Neuapostolische Kirche, sodass einen Tag später die Apostolische Gemeinschaft in Deutschland gegründet wurde. Da die Heilige Schrift von Anfang an wieder zunehmende Bedeutung für Lehre und Leben der neuen Gemeinschaft erlangt habe, „setzte dies schon in den Jahren 1955/56 einen reformatorischen Prozess in Gang“, erläuterte Lieberth. Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre seien das Kirchenverständnis und von 1999 bis 2005 das Sakramentsverständnis reformiert worden. Die Apostolische Gemeinschaft verstehe sich heute als Teil der Christenheit „ohne irgendeinen Hauch von Exklusivität“. Sie sei auf dem Weg zur Freikirche. Die Gemeinschaft ist in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen (ACK) meist im Gaststatus vertreten und arbeitet auf Ortsebene in der Evangelischen Allianz mit. Sie umfasst 5.800 Mitglieder in 87 Gemeinden mit Schwerpunkt Nordrhein-Westfalen.

Unter dem Titel „Weder Baptisten noch Brüder“ befasste sich Dr. Andreas Liese (Bielefeld) mit der Entstehung des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. In der Zeit des Nationalsozialismus veränderte sich das Erscheinungsbild des deutschen Baptismus wesentlich. 1938 gewährte der Bund den vom Verbot bedrängten pfingstlichen Elim-Gemeinden Unterschlupf. Noch entscheidender war der Zusammenschluss der Baptisten mit dem Bund freikirchlicher Christen (BfC), der aufgrund der politischen Verhältnisse 1937 entstand. Er umfasste Teile der Brüdergemeinden, die auf das Wirken von John Nelson Darby (1800-1882) und Carl Brockhaus (1822-1899) zurückgingen. Durch die Vereinigung im Jahr 1941 gaben beide Seiten ihren Namen auf und einigten sich auf die neue Bezeichnung Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG). Nach 1945 verließen im Westen 120 ehemalige BfC-Gemeinden den Bund wieder und gründeten einen Freien Brüderkreis, während etwa 80 Gemeinden im Bund verblieben. Auch die Elim-Gemeinden lösten sich mit der Zeit vom Bund und schlossen sich dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden an. Die „Brüder“ im BEFG bildeten mit der Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden eine Parallelstruktur innerhalb des Bundes und machen etwa zehn Prozent der 86.000 Mitglieder des BEFG aus.

Professor Dr. Gilberto da Silva (Oberursel) referierte über die Entstehung der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) im Jahr 1972, in der sich verschiedene lutherische Freikirchen vereinigten, die im 19. Jahrhundert entstanden. Damals wurden unter anderem in Preußen, Nassau, Baden und Hessen die „Union“ von Lutheranern und Reformierten eingeführt, sodass konservative Lutheraner die Bekenntnisgrundlage gefährdet sahen. Ludwig David Eisenlöffel (Schliersee) befasste sich mit der Arbeitsgemeinschaft der Christengemeinden in Deutschland (ACD), die sich 1982 in Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) umbenannte und eine pfingstkirchliche Sammlungsbewegung darstellt. Zum Abschluss der Tagung sprach Professor Dr. Erich Geldbach (Marburg) über die angelsächsische Föderaltheologie und ihre Auswirkungen auf Kirche und Gesellschaft. Die nächste Tagung des Vereins für Freikirchenforschung findet vom 27. bis 28. März zum Thema „100 Jahre Berliner Erklärung“ im Theologischen Seminar „Beröa“ des BFP in Erzhausen bei Darmstadt statt.
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