100 Jahre Berliner Erklärung zur Pfingstbewegung

Erzhausen bei Darmstadt | 2. April 2009 | APD |

Symposium des Vereins für Freikirchenforschung (VFF) und des Interdisziplinären Arbeitskreises Pfingstbewegung (Heidelberg)

Erzhausen bei Darmstadt, 02.04.2009/APD   Die diesjährige Frühjahrstagung des Vereins für Freikirchenforschung (VFF) beschäftigte sich am 27. und 28. März am Theologischen Seminar „Beröa" des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden in Erzhausen mit einem Thema der jüngeren deutschen Kirchengeschichte: der Berliner Erklärung, die 1909 auf die Kasseler Ereignisse von 1907 und somit auf den Beginn der deutschen Pfingstbewegung reagierte und in dieser den "Geist von unten" am Wirken sah. Durch die Berliner Erklärung kam es zu einer tiefen und lange andauernden Distanzierung zwischen pfingstlichen Freikirchen und den anderen evangelischen Freikirchen sowie den landeskirchlichen Gemeinschaftsverbänden. Erst in jüngerer Zeit sind vermehrte Anstrengungen unternommen worden, diesen Graben zu überwinden, unter anderem mit der Kasseler Erklärung von 1996.

Wie die Situation nach 100 Jahren aussieht, erfuhren die rund 100 Teilnehmer der Tagung, welche der Verein für Freikirchenforschung zusammen mit dem Interdisziplinären Arbeitskreis Pfingstbewegung an der Universität Heidelberg durchführte. 14 Referate und eine Podiumsdiskussion gaben einen Einblick in den Stand der Dinge, nicht nur in Deutschland, sondern über die Grenzen hinaus.

Dr. Paul Schmidgall, Rektor des Europäischen Theologischen Seminars der Gemeinde Gottes in Freudenstadt-Kniebis, skizzierte die entstehende Pfingstbewegung als "ihrer Zeit voraus" und somit zwangsläufig auf Unverständnis im Deutschland des beginnenden 20. Jahrhunderts treffend. Die Pfingstbewegung habe durch Glossolalie, Erfahrungstheologie und Globalisierung Menschen der Spätmoderne ansprechen können.

Richard Krüger (Erzhausen) vom Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) blickte als Zeitzeuge auf die gemeinsame Kasseler Erklärung von 1996 zwischen dem Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz und dem Präsidium des BFP zurück. Bezeichnend sei, dass es hierbei um eine Reaktion auf die Ereignisse in Toronto ("Torontosegen") und weniger um einen Widerruf der Berliner Erklärung gegangen wäre. Krüger betonte, auch vor der Kasseler Erklärung habe der BFP kein zweistufiges Heilsmodell vertreten. Die Geistestaufe sei keine weitere Stufe auf dem Heilsweg, sondern eine von der Bekehrung zu unterscheidende Erfahrung. Zudem wäre die Berliner Erklärung von 1909 keine Reaktion auf die Pfingstbewegung gewesen, sondern auf einen pfingstlich-charismatischen Aufbruch in der Gemeinschaftsbewegung, der nicht in vernünftige Bahnen gelenkt worden sei.

Werner Bayer (Bad Blankenburg), früherer Seminardirektor der Deutschen Evangelischen Allianz, gab einen facettenreichen Einblick in die Quellenlage rund um die Berliner Erklärung. Schon vor den Ereignissen in Kassel (1907) habe es in verschiedenen landeskirchlichen Gemeinschaften pfingstliche Aufbrüche gegeben. Bayer betonte, dass der Gnadauer Gemeinschaftsverband an der Berliner Erklärung eine "Mitschuld" trüge, da diese vor allem vom Gemeinschaftsverband angestrengt worden sei und hauptsächlich Ereignisse im eigenen Verband behandelt habe. Eine Pfingstkirche im klassischen Sinne hätte es 1909 noch nicht gegeben; "diese wurde aber später in Haftung genommen und hatte noch lange unter der Berliner Erklärung zu leiden".

Der Präses des Mülheimer Verbandes Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden, Ekkehart Vetter (Mülheim/Ruhr), bezeichnete das gegenwärtige Selbstverständnis des Mülheimer Verbandes als "Freikirche zwischen den Stühlen". Zentral sei der Dreiklang aus Erweckung, Evangelisation und Heiligung. Erst das Ungleichgewicht zwischen diesen drei Komponenten hätte zu Schieflagen in der Kirchengeschichte geführt.

Professor em. Dr. Erich Geldbach (Marburg) fasste die Reaktionen der Freikirchen auf die Kasseler Ereignisse von 1907 zusammen. Nach den geistlichen Aufbrüchen 1904 und 1905 in Wales habe das Gros der Freikirchen trotz starker Erweckungssehnsucht schroff und teilweise brutal ablehnend reagiert. Geldbach bezeichnete diese Ablehnung als einen Reflex der Freikirchen, welche die Pfingstchristen als Teil der Landeskirchen und damit, wie es der baptistische Theologe Gieselbusch formulierte, einer "Zwangskirche" verstanden.

Professor Dr. Terry Cross von der Lee-Universität in Cleveland/USA fragte, ob die Pfingstchristen Evangelikale seien. Seine Antwort: Ja und Nein. Sie entstammten nicht dem historischen Strom der Fundamentalisten, hätten sich aber der evangelikalen Bewegung angeschlossen. Trotzdem sei die Pfingstbewegung nicht deckungsgleich mit den Evangelikalen. Unterschiede gebe es zum Beispiel im Bibelverständnis, das bei den Evangelikalen rein verstandesmäßig definiert sei, während bei den Pfingstlern auch die Erfahrung mit dem Wort Gottes eine Rolle spiele. Cross betonte, dass bei beiden Gruppen die Ekklesiologie wegen der starken Betonung der persönlichen Bekehrung nur schwach ausgeprägt sei.

Ergänzt wurden die Vorträge durch Kurzreferate über das Leben und die Fragestellung der Pfingstbewegung in Chile, Südafrika, Tansania und den Niederlanden.

Den Abschluss der Tagung bildete unter der Moderation von Professor Dr. Michael Plathow (Universität Heidelberg) eine Podiumsdiskussion mit Professor Dr. Michael Bergunder (Universität Heidelberg), Dr. Reinhard Hempelmann (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin), Dr. Rolf Hille (Deutsche Evangelische Allianz, Tübingen), Günter Karcher (Vizepräses des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden, Erzhausen) und Ekkehart Vetter (Präses des Mülheimer Verbandes Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden). Sie bedauerten die Verwerfungen und Verletzungen, welche die Berliner Erklärung hervorgerufen habe. Hempelmann forderte auf, die Pfingstbewegung nicht zu pathologisieren, aber auch seitens der Pfingstler eine Konzentration auf Wunder und Ekstase zu vermeiden. Auf allen Seiten sollten die „Ränder" des Meinungsspektrums in die Schranken gewiesen werden. Hille betonte, er wünsche sich mehr überprüfbare Geistwirkungen in der Pfingstbewegung: mehr Wunder und Heilungen, die nachweislich geschehen – das würde überzeugen.
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