110 Jahre theologische Ausbildungsstätte der Adventisten in Friedensau - Teil 1

21. November 2009

Friedensau bei Magdeburg, die älteste Institution der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa, kann auf 110 Jahre einer wechselvollen Geschichte zurückblicken. Die verschiedenen Regierungsformen, die in dieser Zeit über Deutschland hinweggingen, blieben auch für die Existenz der Bildungseinrichtung und den Ort Friedensau selber nicht ohne Auswirkungen. Maßgeblich gehört dazu der Fall der Berliner Mauer vor zwanzig Jahren. Sie hatte nicht nur Deutsche in Ost und West, sondern auch die beiden großen Machtblöcke der Welt voneinander getrennt. Der Mauerfall öffnete selbst für Friedensau neue Perspektiven, an die niemand zuvor gedacht hatte. Er führte bald darauf im September 1990 zur staatlichen Anerkennung des bisherigen Theologischen Seminars durch das DDR-Ministerium für Hochschulwesen in Berlin als Theologische Hochschule in freier Trägerschaft. Von den anderen kirchlichen Ausbildungsstätten, die gleichfalls anerkannt wurden, existieren in den neuen Bundesländern neben Friedensau nur noch die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik in Halle.

Von der Gründung bis zur NS-Zeit

Die damalige Entscheidung zur staatlichen Anerkennung als Theologische Hochschule wurde unter anderem maßgeblich von der Entwicklung beeinflusst, welche die Friedensauer Bildungseinrichtung während der zurückliegenden Zeit in der Ausbildung von Pastoren und Missionaren genommen hatte.

Vor 110 Jahren begann am 19. November 1899 nach dem Kauf der "Klappermühle", einem Mühlengrundstück von 34 Hektar, unter äußerst bescheidenen Bedingungen der Unterricht an der ersten adventistischen Predigerausbildungsstätte in Europa. Die Schulkonzeption gründete sich auf eine ganzheitliche Erziehung. Von Jahr zu Jahr wuchs die Zahl der jungen Leute, die in Friedensau ihre Ausbildung erhielten. Bereits 1910 waren es mehr als 240 Studierende. Von Anfang an übernahm Friedensau durch Mission und Entwicklungsarbeit soziale Verantwortung. Bis zu Schließung des Seminars im Ersten Weltkrieg erhielten mehr als 2.400 junge Leute in Friedensau eine Ausbildung. Dazu gehörte seit 1902 auch eine Krankenpflegeschule, die ab 1922 am Krankenhaus "Waldfriede" in Berlin weitergeführt wurde.

Unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen wurde in der Zeit der Weimarer Republik 1919 die Lehrtätigkeit erneut aufgenommen. Bald kamen neue Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten hinzu, sodass wieder um die 200 Studierende am Seminar eingeschrieben waren. In dieser Zeit erhielt der Ort Friedensau die kommunale Selbständigkeit. Nach nur 14 Jahren kam Hitler an die Macht, und damit waren Einschränkungen und Behinderungen für die Freikirche und das Seminar die Folge. Mehrfach wurde von den NS-Machthabern versucht, Friedensau zu enteignen. Der Zweite Weltkrieg brachte die zweite Unterbrechung der Lehrtätigkeit in Friedensau. Ein Lazarett wurde für die Wehrmacht eingerichtet. Von der Wiedereröffnung im Jahre 1919 bis zur Schließung des Seminars im Zweiten Weltkrieg gab es annähernd 3.300 Studierende in Friedensau.

Sowjetische Besatzung und DDR-Zeit

Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen am 5. Mai 1945 wurden die Friedensauer Gebäude bis auf einige wenige Ausnahmen für Lazarettzwecke beschlagnahmt und mit einem Stacheldrahtzaun abgetrennt. Nach Auflösung des Lazaretts ließ die Rote Armee nach ihrem Abzug im Mai 1947 die Gebäude in einem katastrophalen Zustand unter Verlust des gesamten Inventars zurück.

Nach wiederholten Anträgen erteilte im Juni 1947 der Leiter der Kulturabteilung bei der Sowjetischen Militäradministration die Genehmigung zur Wiedereröffnung der Schule. Wie sich später aus veröffentlichen Geheimdokumenten der Militärregierung in Berlin-Karlshort herausstellte, stand diese Entscheidung im Gegensatz zu den Direktiven die Moskau vorgegeben hatte. So geschah es, dass in der sowjetischen Besatzungszone das Friedensauer Seminar als erste kirchliche Ausbildungsstätte wieder mit der Arbeit beginnen durfte – und das noch vor der Wiedereröffnung der adventistischen Seminare Neandertal und Marienhöhe im Westen Deutschlands.

Unter dürftigsten äußeren Umständen wurde der Lehrbetrieb am 1. Juli 1947 mit vier Lehrkräften und achtzehn jungen Leuten erneut aufgenommen. Sie kamen fast alle aus dem Kriegsgeschehen. Nur wenige spärlich eingerichtete Räume standen anfangs zu Studier- und Wohnzwecken zur Verfügung. So begann der dritte Abschnitt in der Geschichte des Friedensauer Seminars. Walter Eberhardt, Schulleiter von 1947 bis 1954, sah sich mit seinen Mitarbeitern von Anfang an fast unüberwindlichen Schwierigkeiten bei der Wiederaufnahme des Lehrbetriebes gegenüber. Eine Unterstützung von außen war unmöglich, und es fehlte buchstäblich an allem.

Die Genehmigung durch die sowjetische Militärverwaltung erwies sich in den folgenden vierzig Jahren für Friedensau äußerst vorteilhaft. Durch diesen Tatbestand ließen sich weitgehend Versuche der Einflussnahme durch die DDR-Regierung auf den Lehrbetrieb abwehren. Infolge der Teilung Deutschlands konnte das Seminar nur junge ostdeutsche Adventisten aufnehmen.

Der Gedankenaustausch mit anderen adventistischen theologischen Ausbildungseinrichtungen, war bedingt durch die Abgrenzungspolitik der DDR, für Jahrzehnte unmöglich. Der Friedensauer Lehrkörper bemühte sich jedoch, die Ausbildung so gründlich, gegenwartsnah und praktisch, wie nur irgend möglich, angesichts der besonderen Situation in der DDR zu gestalten. Dazu zählte ab 1964 auch die Einführung eines Gemeindepraktikums für Theologiestudenten.

Durch Kontakte zu den theologischen Fakultäten der Universitäten sowie zu theologischen Ausbildungsstätten anderer Konfessionen sah die Seminarleitung die Notwendigkeit weiterer Profilierung des Studiums. Der erste Schritt war die Umwandlung des Predigerseminars in ein Theologisches Seminar, wobei Friedensau von den DDR-Behörden als "Theologische Fakultät" bezeichnet wurde. Um Möglichkeiten für die Fortbildung der Lehrkräfte zu schaffen, wurden jeweils ein bis zwei von ihnen für ein Trimester vom Lehrbetrieb für postgraduale Studien freigestellt. Das geschah an der Universität in Halle, am Newbold-College in England und an der Andrews Universität in den USA. Im Zuge einer Studienreform im Jahr 1983 wurde unter Wahrung der adventistischen Identität eine Angleichung an das Niveau des allgemein anerkannten Theologiestudiums der Universitäten angestrebt.

Bereits 1971 hatte der Generalkonferenzpräsident (Weltkirchenleiter) der Adventisten, Robert H. Pierson, bei seinem ersten Besuch in der DDR vorgeschlagen, Studenten aus Staaten der Dritten Welt in Friedensau aufzunehmen. Er begründete es damit, dass es in Ländern unter kommunistischen Einfluss in der Regel keine Ausbildungsmöglichkeiten für Pastoren gebe und Friedensau Möglichkeiten dazu böte.

Zu jener Zeit studierten an Fachschulen und Universitäten der DDR zunehmend Angehörige osteuropäischer Staaten sowie aus Ländern der Dritten Welt, soweit die DDR diplomatische Beziehungen zu ihnen unterhielt und sie von ihrem Heimatstaat delegiert wurden. Das nahm die adventistische Leitung in der DDR zum Anstoß, bei den Behörden auszuloten, ob man nicht auch jungen Adventisten aus dem Ausland ein Theologiestudium in Friedensau ermöglichen könne. Nach Verhandlungen, die sich fast über ein Jahrzehnt hinzogen, wurden schließlich 1981 die ersten Einreisevisa für Studienzwecken in Friedensau erteilt. Im letzten Jahrzehnt der DDR konnten jährlich 15 bis 20 Studenten ein Vollstudium in Friedensau absolvieren. Das war etwas Außergewöhnliches in der DDR. Einige der damaligen Studenten haben heute in Osteuropa und Afrika Leitungsfunktionen in der Freikirche inne, einer gehört als Mitglied dem Präsidium der adventistischen Generalkonferenz (Weltkirchenleitung) an.

Dr. Manfred Böttcher

(Hinweis der Redaktion: Dr. h. c. Manfred Böttcher war von 1969 bis 1982 Präsident der Siebenten-Tags-Adventisten in der DDR und von 1982 bis 1991 Rektor der späteren Theologischen Hochschule Friedensau.)
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