"Tradition in den Kirchen – Bindung, Kritik, Erneuerung"

Ostfildern | 13. Juni 2011 | APD |

"Tradition in den Kirchen – Bindung, Kritik, Erneuerung", Beiheft zur Ökumenischen Rundschau Nr. 89, hg. von Bernd Oberdorfer und Uwe Swarat, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt/Main, kartoniert, 375 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-87476-627-2.

Über 18 Autoren aus den Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) haben sich in der jüngsten Studie des Deutschen Ökumenischen Studienausschusses (DÖSTA) mit dem Thema Tradition, Beibehaltung und kritische Erneuerung intensiv aus ihrer jeweiligen konfessionellen Sicht beschäftigt und sind teilweise zu erstaunlichen Erkenntnissen gekommen. So wird die Tradition als vergegenwärtige Erinnerung an Gottes Heilshandeln angesehen. Dazu gehört auch das Traditionsverständnis der orientalischen Kirchen. Den tragenden Grund jeder christlichen Tradition bildet die schriftliche Erfassung der Offenbarung in der Bibel. Ein kritischer Umgang mit den Traditionen ist jedoch selbst den Orthodoxen nicht unbekannt.

Das Buch geht auf die Suche nach einer ökumenischen Hermeneutik als offener Aufgabe näher ein, da die Orthodoxie den Weg der Ökumene von ihren Anfängen, zumindest ab 1920 mitbegleitet und mitgestaltet hat. Eine Rezeption der bereits erzielten Erfolge ist der nächste große Schritt, und der schwierigste liegt immer noch vor der Orthodoxie: die Festlegung der Kriterien einer ökumenischen Hermeneutik. Die Arbeit beschäftigt sich nicht weniger mit den Formen römisch-katholischer Traditionskritik und vergisst auch nicht die Tradition im Verständnis der alt-katholischen Theologie aus der Sicht Ignaz von Döllingers zu behandeln. Für ihn bedeutete die Dogmatisierung von Universalprimat und Unfehlbarkeit des römischen Bischofs einen Bruch mit der altkirchlichen Tradition. Damit habe man das Fundament geändert, auf dem der Glaube der Kirche ruhe.

Traditionsbindung, -fortschreibung und -kritik im Protestantismus, aus (täuferisch-) mennonitischer, evangelisch-methodistischer und baptistischer Sicht sowie die Einstellung der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche bestimmen zahlreiche Kapitel der aufschlussreichen Standortbestimmung der Kirche Jesu Christi unterwegs zur Einheit. Ein größerer Teil des Buches enthält exegetische, historische und systematische Klärungen, zu denen Traditionsbildung, Traditionsbindung und Traditionskritik im Alten Testament, Traditionsverständnis und Traditionskritik im Neuen Testament, die apostolische Tradition und ihre Beziehung zum Neuen Testament, Tradition und Traditionskritik bei den Reformatoren sowie Kritik und Wertschätzung von Tradition in der zeitgenössischen Philosophie gehören. Die Studie endet mit dem Ausblick, dass ungeachtet aller Differenzen das trinitarisch entfaltete Christuszeugnis das wechselseitige Verstehen und die weitere ökumenische Verständigung zu fördern vermag.

Dr. Wolfgang Tulaszewski
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