Daniel Heinz (Hg.), "Freikirchen und Juden im 'Dritten Reich'"

Ostfildern | 4. Februar 2012 | APD |

Daniel Heinz (Hg.), "Freikirchen und Juden im 'Dritten Reich'. Instrumentalisierte Heilsgeschichte, antisemitische Vorurteile und verdrängte Schuld", hrsg. vom Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes unter Mitarbeit der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, V & R unipress, Göttingen, 2011, gebunden, 343 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 978-3-89971-690-0.

Ostfildern, 04.02.2012/APD   Lange hielt in Freikirchen das Schweigen über die eigene Haltung zu den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus an. Der Sammelband ist ein wichtiger Anstoß, eine vielfach verdrängte Schuld aufzuarbeiten.

Bis auf die Quäker, die als zahlenmäßig beinah verschwindend geringe Denomination eine beispiellose Hilfsarbeit für Juden leisteten, verbindet die weiteren betrachteten Freikirchen eine Schuldspur: Mennoniten, Brüderbewegung, Methodisten, Pfingstbewegung, Baptisten, Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche, Brüdergemeine und Siebenten-Tags-Adventisten. Für Angehörige dieser Freikirchen können die Beiträge schmerzlich sein. Sie offenbaren, dass die Freikirchen nicht frei von gesellschaftlichen Strömungen waren, sondern an der nationalsozialistischen Judenverfolgung mitschuldig wurden. Deutlich wird zudem, dass die Aufarbeitung in den Freikirchen häufig ein erst mühsam beginnender Prozess ist.

Beispielhaft soll hier der Beitrag zu den Siebenten-Tags-Adventisten (Seite 281-308) vorgestellt werden, den der Herausgeber des Sammelbandes selbst verfasst hat. Dr. Daniel Heinz, Leiter des in Friedensau bei Magdeburg beheimateten Historischen Archivs der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa, legt dar, dass seit der Machtübernahme die NS-Ideolo¬gie in die adventistischen Publikationen Eingang fand. Der Rektor des damaligen adventistischen Predigerseminars in Friedensau, Walter Eberhardt, schrieb, dass seine Einrichtung "die Aufgabe [hat], auch den nationalsozialistischen Geist zu pflegen" (289). Das Advent-Wohlfahrtswerk forderte unisono mit der staatlichen Propaganda eine "Rassenhygiene" (ebd.). Die Sprache und das Denken des Nationalsozialismus waren in die Druckerzeugnisse der Siebenten-Tags-Adventisten eingegangen. Heinz sieht zu Recht eine "unmittelbare ideologische Unterstützung des nationalsozialistischen Rassenwahns" (ebd.) durch die adventistischen Publikationen.

Der Autor hält es jedoch für "höchst zweifelhaft" (287), dass die einzelnen Adventisten tatsächlich von der NS-Ideologie überzeugt waren, auch wenn die adventistischen Zeitschriften den Anschein erweckten. Um die Einstellung der einzelnen Adventisten zu erhellen, bedient sich Heinz der "Oral History", der erzählten Geschichte. Dazu hat er "mehr als 80 adventistische Zeitzeugen" (ebd.) über einen Zeitraum von 25 Jahren befragt. Diese Forschungsleistung ist ein unermesslich wertvoller Beitrag, für den Heinz großer Respekt zu zollen ist.

Zeitzeugenberichte geben individuelle Lebensgeschichten wieder, die von offiziellen Dokumenten nicht erfasst werden. Hier kommt die emotionale, persönliche Dimension des Zeitgeschehens zur Sprache. Das ist bereichernd. Es darf jedoch nicht über einen wichtigen Punkt hinwegtäuschen: Beim Erzählen der eigenen, zurückliegenden Erlebnisse werden unvermeidbar die historischen Fakten mit der späteren Bewertung verflochten. Aus gutem Grund weist Heinz darauf hin, dass "im Rückblick manche Erinnerungen 'retuschiert' erscheinen mögen" (ebd.). Daher mag es den Leser überraschen, wenn der Autor aufgrund der erzählten Geschichte dennoch zu der Einschätzung gelangt, dass es "nicht fair und nicht richtig zu behaupten [wäre], dass die Mehrzahl der Adventisten … die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mitgetragen habe" (ebd.). Lassen die zurückblickenden Zeitzeugenberichte diesen weitreichenden Schluss zu?

Erschütternd sind die persönlichen Leidensgeschichten, die Heinz anführt, allemal. Wilhelm Jokel, ein in Wien lebender Adventist jüdischer Herkunft, wandte sich 1938 verängstigt an seine Freikirchenleitung. Seine dringende Bitte um Hilfe wurde von ihr abgelehnt, weil angeblich nicht seine (!) Kirche, sondern die jüdische Kultusgemeinschaft für ihn zuständig sei (290f). Franz A. Ludwig, Leiter des adventistischen Verlages in Brünn, wurde entlassen, weil seine Ehefrau jüdischer Herkunft war. 1941 wurden sie und weitere Personen aus ihrer Gemeinde ausgeschlossen, weil sie als "jüdisch versippt" galten. Am Gemeinderaum wurde eine Tafel "Für Juden verboten" angebracht (291ff). In Minden war der konvertierte Jude Max Munk Gemeindeleiter. 1938 wurde auch er mitsamt Familie aus seiner Gemeinde ausgeschlossen. Der Zutritt zu den Gemeinderäumen wurde ihnen untersagt. Öffentlich forderte der Mindener Prediger die Gemeinde auf, jeglichen Kontakt zu den Ausgeschlossenen abzubrechen. Munk überlebte das KZ Theresienstadt. Nach Kriegsende bat er um Wiederaufnahme in seine Gemeinde, ohne dass es seitens der Freikirchenleitung ein Schuldeingeständnis gegeben hätte (293ff).

Heinz kommentiert: "Die angeführten Einzelbeispiele sind in ihrer Tragik kaum zu überbieten und stellen aus moralischer Sicht die größte Glaubwürdigkeitskrise in der Geschichte des deutschen Adventismus dar." (295)

Ein Kapitel gilt dem selbstlosen Einsatz von Adventisten, die Juden geholfen haben. Jean Henri Weidner, Gründer der Untergrundorganisation "Réseau Dutch-Paris", rettete in einer engen ökumenischen Kooperation 800 Juden und bis zu 300 weitere Menschen. Heinz würdigt das Verhalten der Judenretter, ohne der Gefahr zu erliegen, dies gegen das Versagen der Mehrheit aufzuwiegen und deren Schuld zu relativeren.

Am Ende geht der Autor der Frage nach, welche Konsequenzen aus dem Versagen in der NS-Zeit für das adventistische Selbstverständnis gezogen wurden. Sein Urteil ist ernüchternd. "Auch die adventistische Weltkirchenleitung scheint eher geneigt, das dunkle Kapitel 'Adventisten, Juden und Nationalsozialismus' als regionale, historisch abgeschlossene Verirrung betrachten zu wollen, ohne für sich daraus ernsthafte Lehren zu ziehen. Die Frage, weshalb die Freikirche die Rolle einer 'gehorsamen' Kirche so konsequent bis zum Ende des NS-Regi¬mes und des Krieges durchgehalten hat, ist bis heute offengeblieben." (307)

Aus diesem unterschwelligen Vorwurf an die Weltkirche klingt ein ganz anderer Tenor als aus den einleitenden Sätzen. Zu Beginn der Darstellung legt Heinz Wert darauf, den weltweiten Adventismus nicht in das Versagen der deutschen Adventisten einzubeziehen. Die "beschämende ideologische Blindheit vieler deutscher Adventisten in der NS-Zeit" entspreche nicht der "missionarische[n] Weitsicht der adventistischen Weltkirche" (281), mit der Adventisten auch den Juden das Evangelium Jesu Christi verkündigen wollten. Heinz stellt sogar fest, dass der Freikirche "sicherlich die antijüdische Schuldgeschichte der beiden großen Volkskirchen grundsätzlich fremd" (281f) sei. Adventisten wären nach diesen Worten von dem christlichen Antijudaismus ausgenommen, der sich fast überall und über Jahrhunderte im christlichen Denken festsetzen konnte. Aber ist das wirklich so? Vereinzelte Untersuchungen tragen dagegen berechtigte Zweifel vor (so z. B. Erich Spier, Der Sabbat, Berlin 1989, 114).

Es ist dem Beitrag wie dem gesamten Band zu wünschen, dass er zu einer vertieften geschichtlichen und dogmatischen Aufarbeitung der Judenfeindschaft und des schuldhaften Versagens beiträgt. Vor diese schmerzhafte Aufgabe sind Freikirchenleitungen und Gemeinden gleichermaßen gestellt. Am Ende könnten etwa "Stolpersteine" ein sichtbarer Ausdruck der Reue sein. Solche "Stolpersteine", ebenerdig in das Gehwegpflaster eingelassen und mit den Namen der Verfolgten versehen, erinnern vielerorts vor Wohnhäusern an ehemalige jüdische Bewohner. Es wäre zu überdenken, ob solche Steine nicht auch vor Gemeindehäusern und kirchlichen Einrichtungen an die ausgegrenzten und getöteten Schwestern und Brüder jüdischer Herkunft erinnern sollten.

Dietmar Päschel
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