Halle/Saale, 11.06.2012/APD   Die Enthüllung eines Stolpersteins für Johann Hanselmann auf dem Gehweg vor ihrem kirchlichen Zentrum, Kleine Märkerstraße 3, beging die Adventgemeinde Halle/Saale der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten mit einem Gottesdienst am Samstag, dem 9. Juni. Den am 13. Mai 1942 ermordeten Pastor und Vorsteher der Reform-Adventisten, einer eigenständigen Glaubensgemeinschaft, die sich im Ersten Weltkrieg von der Freikirche trennte, würdigte der Präsident der Siebenten-Tags-Adventisten in Berlin und Mitteldeutschland, Pastor Johannes Scheel (Berlin), in seiner Predigt, als „Menschen, der für seine Glaubensüberzeugung in den Tod ging“. Damals habe Johann Hanselmann aus Sicht der NS-Machthaber nicht dazugehört. „Er galt als Volksschädling und wurde wie Ungeziefer behandelt.“ Auch heute bestehe die Gefahr des „Denkens in Schubladen“, etwa wie Ossis und Wessis, Einheimische und Ausländer, Akademiker und Harz IV-Empfänger oder Hetero- und Homosexuelle. „Aber dadurch wird das Denken begrenzt, und der Horizont ist verengt.“ Gerade Christen sollten deutlich machen, dass „Frieden nicht durch gegenseitige Abgrenzung und Abschreckung“ zu erreichen sei. Scheel forderte die Gottesdienstbesucher auf, selbst „Zeichen gegen Vorurteile und Ausgrenzung“ zu setzten.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verfolgt seit 1992 das Projekt „Stolperstein“, um die Vertreibung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte, Homosexuelle und Behinderte durch Deutsche im Nationalsozialismus in Erinnerung zu bringen. Vor ihren ehemaligen Wohnhäusern oder an anderen Stätten werden Pflastersteine in den Bürgersteig eingesetzt. Sie sind aus Beton gegossen und tragen an der Oberseite eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingtafel, in die Demnig mit Hammer und Schlagbuchstaben neben Namen und Geburtsdaten das weitere Schicksal jedes einzelnen Menschen einstanzt. Obwohl die Steine flach in den Boden eingelassen werden, nennt Demnig sie „Stolpersteine“, denn stolpern heiße auch darauf stoßen. Die Stadt Halle hat sich 2003 diesem Projekt angeschlossen und den Verein „Zeit-Geschichte(n)“ mit der Gesamtleitung des Projekts für Halle beauftragt. Auch der Stolperstein für Johann Hanselmann stammt aus der Werkstatt Demnig.

Bei der Enthüllung des Stolpersteins nach dem Gottesdienst gab Dr. Daniel Heinz (Friedensau bei Magdeburg), Leiter des Historischen Archivs der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa, einen kurzen Einblick in das Leben von Johann Hanselmann. Er wurde 1892 in Frankenberg/Württemberg geboren und war schon in den 1920er Jahren ein „eifriges Mitglied“ der Reform-Adventisten. Er wurde Pastor und Vorsteher der Glaubensgemeinschaft in Ostdeutschland. Auch nach dem Verbot der Reformationsbewegung der Siebenten-Tags-Adventisten im Jahr 1936 durch die Gestapo verrichtete Hanselmann seinen Dienst im Untergrund weiter. 1940 wurde er wegen Abhaltung von Familiengottesdiensten in Halle/Saale verhaftet und zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung der Haft kam er in das KZ Sachsenhausen und wurde dort am 13. Mai 1942 ermordet.

Friedrich Herbolsheimer, Pastor und Vorsteher der „Internationalen Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten Reformationsbewegung“ (IMG) in Westdeutschland, kannte noch den Märtyrer. Er sah ihn zum letzten Mal 1939, als Johann Hanselmann seine Großmutter beerdigte, „obwohl das verboten war“. Der Geistliche habe konsequent seine Glaubensauffassung vertreten. „Es gab für ihn keinen anderen Weg.“ Herbolsheimer verwies bei der Enthüllung des Stolpersteins auf das Bibelwort aus Hebräer 13,7: „Gedenkt an eure Lehrer.“ Der Ermordete sei auch für ihn stets ein Vorbild gewesen.

„Ich stolpere über Johann Hanselmann, der wegen seines Glaubens im KZ gefoltert und umgebracht wurde“, bekannte Pastor Johannes Scheel. „Wofür wäre ich bereit, mich einsperren, schlagen, foltern und töten zu lassen? Für ein Menschenrecht wie die Gewissensfreiheit und freie Religionsausübung, wie Johann Hanselmann?“ Der Präsident der Adventisten in Berlin und Mitteldeutschland dankte der Adventgemeinde Halle für den Mut, sich „diesem schwierigen Kapitel in unserer gemeinsamen Geschichte zu stellen“. Das mache Mut für die Zukunft und Hoffnung auf ein aufmerksames und tolerantes Miteinander und eine Gesellschaft, wo Ausgrenzung, Hass und Gewalt zu Fremdwörtern würden. Der Stolperstein für Johannes Hanselmann sei für Adventisten eine „beständige Erinnerung und Mahnung“.

Pastor Adrian Dinut, Vorsteher der adventistischen Reformationsbewegung (IMG) in Ostdeutschland, meinte, dass er Johann Hanselmann zwar nicht persönlich gekannt habe, aber als einer seiner Amtsnachfolger mit ihm verbunden sei. Es gelte, genauso treu wie der Märtyrer zu leben. Außerdem sollte die Vergangenheit aufgearbeitet werden, um daraus für die Gegenwart und Zukunft zu lernen.

Das Gedenken an Johann Hanselmann wurde in der Adventgemeinde Halle mit dem Referat „Freikirchen und Juden im ‚Dritten Reich“ von Dr. Daniel Heinz abgeschlossen. Er ist der Herausgeber des gleichnamigen Buches (V & R unipress, Göttingen, 2011). Heinz betonte, dass die Freikirchen mit Ausnahme der Quäker zur Judenverfolgung während des Nationalsozialismus und zum Holocaust geschwiegen oder gar den Antisemitismus gerechtfertigt hätten. Das Thema sei nach dem Zweiten Weltkrieg verdrängt worden, sodass es Schuldbekenntnisse entweder bis heute gar nicht oder erst sehr spät, wie etwa bei der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland und Österreich im Jahr 2005, gegeben habe. Falsch verstandener Gehorsam, irregeleitete, nationale Begeisterung, Repressionsfurcht und Resignation hätten die Freikirchen gehindert, sich mit dem rassisch verfolgten Nachbarn, ja sogar mit dem judenchristlichen Bruder in der eigenen Kirchengemeinde zu solidarisieren. Bei der anschließenden Aussprache ging es um das Verhalten der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten im Ersten Weltkrieg und während der NS-Zeit. Die Aussprache leitete der Kirchenhistoriker Dr. Johannes Hartlapp, Dekan des Fachbereichs Theologie der Theologischen Hochschule der Freikirche in Friedensau bei Magdeburg. Hartlapp hatte 2008 seine umfangreiche Forschungsarbeit „Siebenten-Tags-Adventisten im Nationalsozialismus“ (V & R unipress, Göttingen) veröffentlicht.

(Hinweis der Redaktion: Hintergrundinformationen zur adventistischen Reformationsbewegung und zu Johann Hanselmann sind in der Kategorie „Stichwort“ zu finden.)

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