Studie über Inanspruchnahme von Rehabilitation bei Alkoholabhängigen

Friedensau bei Magdeburg | 19. April 2013 | APD |

Friedensauer Hochschulinstitut: Bei Alkoholabhängigkeit frühzeitig handeln

Friedensau bei Magdeburg, 19.04.2013/APD   Das Institut für Sucht- und Abhängigkeitsfragen der Theologischen Hochschule der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Friedensau bei Magdeburg forschte zwei Jahre lang über die Ursachen der Widersprüchlichkeit in der Inanspruchnahme von Rehabilitation bei Alkoholabhängigkeitserkrankungen in den mitteldeutschen Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Laut Institutsleiter Professor Dr. med. Lothar Schmidt und Dozent für Sozialmedizin an der Theologischen Hochschule habe die Studie ergeben, dass es darauf ankomme, bei Alkoholabhängigkeit frühzeitig zu intervenieren, die Rehabilitationsmaßnahmen individuell anzupassen, um nach der Entgiftung eine Entwöhnungsbehandlung anzuschließen, den Betroffenen neue Zukunftsperspektiven aufzuzeigen und eine aktive Nachsorge zu betreiben.

Alkoholismus sei eine tückische Krankheit, so Schmidt. Sie fange harmlos an und brauche zur Entwicklung mit deutlicher Entzugssymptomatik viele Jahre, infiltriere und schädige alle Lebensbereiche und verkürze unbehandelt das Leben. Zwischen dem ersten Auftreten von Suchtproblemen und der Inanspruchnahme von Behandlung verstrichen in der Regel mehr als zwölf Jahre.

In Deutschland zeigten laut Professor Schmidt rund 9,5 Millionen Einwohner einen riskanten und etwa zwei Millionen einen missbräuchlichen Alkoholkonsum. Etwa 1,3 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren seien alkoholabhängig. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Alkoholismus sei 2007 auf 26,7 Milliarden Euro jährlich geschätzt worden.

In Deutschland stünde mit Beratungsstellen, Entzugskliniken und Rehabilitationseinrichtungen ein besonderes Hilfssystem für Suchtkranke zu Verfügung. Die Krankenkassen übernähmen die Kosten für Entzug und Entgiftung sowie die Rentenversicherungsanstalten für die Entwöhnungsbehandlung. Derartige Behandlungen würden aber nur bewilligt, wenn Maßnahmen der Beratung und Motivation vorangingen. Nach einer Studie der Mitteldeutschen Rentenversicherung nähmen zwar 45 Prozent der Alkoholkranken in den mitteldeutschen Ländern eine Entgiftungsbehandlung in Anspruch, aber nur knapp fünf Prozent eine Entwöhnungsbehandlung. Um die Ursachen der Ablehnung einer Entwöhnungsbehandlung aus Sicht der Betroffenen herauszufinden, habe das Friedensauer Hochschulinstitut den Forschungsauftrag erhalten, informierte Schmidt.

Dabei wertete das Institut für Sucht- und Abhängigkeitsfragen 39 Interviews mit und 397 Fragebogen von alkoholabhängigen Patienten in Entzugs- und Entwöhnungseinrichtungen Mitteldeutschlands aus. Die Analyse der Interviews habe laut Professor Schmidt ergeben, dass materielle und soziale Überlegungen die Langzeitentwöhnung von drei Monaten verhindere. Grund seien beispielsweise die Angst, den Arbeitsplatz, den Partner oder die Verantwortung für den Alltag zu verlieren. Gehindert würden die Teilnehmer auch durch mangelnde Krankheitseinsicht, durch die Meinung, nicht abhängig zu sein und den Alkoholkonsum selbst wieder steuern zu können. Hinzu komme die Angst, durch die Teilnahme an einer Entwöhnungsbehandlung als Alkoholiker gesellschaftlich abgestempelt und abgewertet zu werden. Dagegen zeige sich, dass die Wahrnehmung der Abhängigkeit und ihrer Folgen, zunehmender Leidensdruck und seelische Tiefpunkte die Bereitschaft zur Teilnahme fördere.

Von den 397 Patienten, die sich an der Fragebogenstudie beteiligten, waren 228 in der Entwöhnungs- und 169 in der Entgiftungsbehandlung. In beiden Gruppen befanden sich 81 Prozent Männer und 19 Prozent Frauen. Von den 228 Patienten in der Entwöhnungsbehandlung hätten 62 Prozent schon mehrere Entgiftungen durchgemacht. Aber auch von 169 Patienten in der Entgiftungsbehandlung hätten 59 mindestens eine Entwöhnungsbehandlung hinter sich. Von diesen Patienten seien nur 74 bereit gewesen, an einer teilweise weiteren Entwöhnungsbehandlung teilzunehmen. "Unter den Ablehnern glaubten die meisten, das Alkoholproblem allein lösen zu können, und dass die Entgiftung ausreichend sei. Außerdem hatten sie Zweifel an der Wirksamkeit der Entwöhnungsbehandlung", sagte Professor Dr. Lothar Schmidt. Andererseits sei als wichtigster Grund für die Teilnahme an einer Entwöhnungsbehandlung der Wunsch geäußert worden, das Leben wieder in den Griff zu bekommen.
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