Reintegration von ehemaligen Soldatinnen in Liberia

Friedensau bei Magdeburg | 15. Oktober 2014 | APD |

Masterthese mit wichtigem wissenschaftlichem und praktisch entwicklungspolitischen Beitrag

Friedensau bei Magdeburg, 15.10.2014/APD   Im Jahr 2003 stand das westafrikanische Land Liberia nach 14 Jahren Bürgerkrieg vor großen Herausforderungen. Die Infrastruktur des Landes existierte nicht mehr, viele Menschen waren durch den Krieg traumatisiert, und eine große Gruppe von Flüchtlingen musste wieder in die liberianische Gesellschaft integriert werden. Darüber hinaus hatten viele Menschen über Jahre in einer der Bürgerkriegsarmeen gekämpft, darunter auch Frauen und Kinder. Während Kindersoldaten große mediale Aufmerksamkeit erhielten, gerieten die im Krieg kämpfenden Frauen oft in Vergessenheit und wurden auch von den offiziellen Reintegrationsprogrammen meist nicht erfasst.

Dieser Gruppe widmet sich Annette Witherspoon, die selbst aus Liberia stammt, in ihrer Masterthese mit dem Titel "Post Conflict ‚Reintegration‘: The New Lives of Female Excombatants“, so Professorin Dr. Ulrike Schultz, Dozentin für Entwicklungssoziologie und – ökonomie an der Theologischen Hochschule der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Friedensau bei Magdeburg. Witherspoon habe sich der Frage gestellt, wie es den Frauen gelinge, sich außerhalb von offiziellen Programmen ein neues Leben aufzubauen. Die Arbeit basiere auf einer Feldforschung in einem der Armenviertel in Monrovia. Annette Witherspoon sei es während ihrer Studien gelungen, das Vertrauen einiger ehemaliger Kämpferinnen zu gewinnen. Neben Interviews, in denen die Frauen ihre Lebensgeschichte erzählten, habe die Autorin auch am Leben der Frauen teilgenommen.

Witherspoon mache deutlich, dass anders als in Reintegrationsprogrammen angenommen, viele Frauen nicht integriert werden müssten, da sie auch während des Bürgerkrieges Kontakt zu ihren Familien gepflegt hätten und anderen sozialen Netzwerken angehörten. Demgegenüber würden die Frauen mit geschlechtsspezifischen Klischees – zum Beispiel dass ehemalige Kämpferinnen sich prostituierten – mit einem negativen Image konfrontiert, sodass sie versuchten, ihre Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen.

In ihrer Masterthese mache Annette Witherspoon deutlich, dass die Frauen darum kämpften, sich zu verändern und sich von dem negativen Image, das Soldatinnen in Liberia hätten, abzugrenzen. Sie bemühten sich um Anerkennung und darum, ihre Vergangenheit "unsichtbar“ zu machen, indem sie sich zum Beispiel religiösen Gemeinschaften anschließen und zu "born agains“ (Wiedergeborenen) würden. Die Frauen setzten sich zum Teil jedoch auch aktiv mit ihrer Vergangenheit auseinander, indem sie sich jenseits von offiziellen Förderprogrammen in Selbsthilfegruppen organisierten. In drei ausgewählten Lebensgeschichten mache Witherspoon zudem deutlich, dass sich hinter dem Bild der Kämpferin ganz unterschiedliche Biografien verbergen würden. Hierin zeige sich auch die Stärke qualitativer und ethnografischer Ansätze, auf die in der Entwicklungszusammenarbeit nur selten zurückgegriffen werde, betonte Professorin Schultz.

Abschließend entwickle Annette Witherspoon einige Empfehlungen für Demobilisierungs- und Reintegrationsprogramme. Sie fordere darin, dass die Programme sich an den besonderen Bedürfnissen von Soldatinnen orientierten und dem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, sich zu verändern, und den Erfordernissen des Überlebens, in dem die Frauen handelten, gerecht werden müssten. Mit ihrer Masterthese leiste Witherspoon einen wichtigen wissenschaftlichen und auch einen praktisch entwicklungspolitischen Beitrag zu Überlebensstrategien in einer Postkonfliktgesellschaft, hob Professorin Dr. Ulrike Schultz hervor.

Annette Witherspoon begann ihren akademischen Werdegang in Uganda mit dem Bachelor-Studium "Social Work and Social Administration“ an der Bugema-Universität in Kampala. Von 2010 bis 2013 studierte sie an der Theologischen Hochschule Friedensau bei Magdeburg im Masterstudiengang "International Social Sciences“. Bereits während ihrer Studienzeit war sie in verschiedenen Ländern für die Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA in Entwicklungshilfeprojekten tätig sowie an mehreren Forschungsstudien beteiligt. Die gebürtige Liberianerin arbeitete nach ihrem Masterabschluss für ADRA Deutschland zunächst als Programmassistentin. Seit November 2013 ist sie Projektberaterin in der Region Sahel, Westafrika. Hier ist sie im Monitoring und in der Evaluation deutscher ADRA-Projekte in Mali, Burkina Faso und Tschad tätig. Neben ihrer Arbeit bereitet sie sich auf ihre Promotion vor.

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Der Text kann kostenlos genutzt werden. Veröffentlichung nur mit eindeutiger Quellenangabe "APD“ gestattet!


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