Klugheitsregeln auf dem Kirchentag finden

Stuttgart | 4. Juni 2015 | APD |

An den drei Eröffnungsgottesdiensten des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentages in der Stuttgarter Innenstadt nahmen etwa 81.000 Menschen teil. 45.000 erlebten den Gottesdienst mit dem Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July, direkt auf dem Schlossplatz, weitere 15.000 über Videoschirme im Schlossgarten und auf dem Karlsplatz. 16.000 Menschen fanden sich zum zweitgrößten Gottesdienst mit Bischof Anba Damian von der Koptisch-Orthodoxen Kirche auf dem Rothebühlplatz ein. Zur Predigt in „Leichter Sprache“ von Renate Höppner auf dem Marktplatz kamen 5.000 Besucherinnen und Besucher.

Nicht nur Zuschauer sein
Landesbischof Frank Otfried July ging in seiner Predigt auf das Kirchentagsmotto „damit wir klug werden“ ein. Er forderte die Kirchentagsbesucher auf während ihrer Zeit in Stuttgart „Klugheitsregeln“ zu finden, „wie wir besser zusammenleben können“. Es gehe dabei auch darum, kluge Wege zu suchen, um Mangel zu beseitigen und Teilhabe zu ermöglichen; etwa für Menschen in Langzeit-Arbeitslosigkeit, Menschen mit Behinderungen und Menschen, die als Flüchtlinge kommen. Kirchen und Christen sollten auch „Friedenswege“ finden, um dazu beizutragen, Konflikte zu beseitigen.

Bundespräsident Joachim Gauck betonte in seinem Grußwort, dass Menschen, die aus dem Glauben leben, nicht einfach nur Zuschauer sein wollten. „Sie suchen vielmehr Antworten, die sie zum Handeln befähigen.“ Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Ketschmann erinnerte daran, dass ein Staat nicht losgelöst von der Gesellschaft existieren könne. Er werde getragen von moralischen Quellen und sozialen Qualitäten. Er brauche deshalb Menschen, die an etwas glauben und die sich für ihre Werte und Ideale einsetzen.

Von der Weisheit der Väter in den Wüstenklöstern lernen
Mit Anba Damian durfte erstmals ein Koptisch-Orthodoxer Bischof bei einem Eröffnungsgottesdienst des Evangelischen Kirchentages predigen. Er hob hervor, dass seine Kirche zwar alt aber nicht veraltet sei. Sie gehe auf den Evangelisten Markus im 1. Jahrhundert zurück. Das Mönchstum habe seinen Ursprung in der Koptischen Kirche. Von der Weisheit der Väter in den abgeschiedenen Wüstenklöstern könne man auch heute noch lernen. Etwa: „Denke an das Ende Deines Lebens, so kommst Du nie auf dumme Gedanken.“ Deshalb wäre es kein Wunder zu sehen, wie Kopten in Libyen von Isis enthauptet wurden und dabei fest im Glauben blieben. „Wir Kopten sind auf unsere Herkunft in Ägypten sehr stolz.“ Dort wurden damals Maria, Josef und das Jesuskind aufgenommen und ihnen vorübergehend Asylrecht gewährt, so der Bischof. Heute suchten einige von Damians Landsleuten, aber auch andere Flüchtlinge in Deutschland Asyl. „Wir erfahren ebenso eine große und liebevolle Spenden- und Hilfsbereitschaft von der Bevölkerung“, sagte der Geistliche

Vom Ende her denken
„Meinen Glauben kann ich nicht einfach teilen. Er kann aber ansteckend sein“, sagte Renate Höppner in ihrer Predigt. Sie erinnerte daran, dass die Kirchentagslosung der Bibel aus Psalm 90,12 entnommen ist: „Lehre uns bedenken Gott, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“ Klug werden heiße deshalb, vom Ende her denken. „Wir haben nicht unbegrenzt Zeit. Jeder Tag ist einmalig.“ Klug werden heiße: „Die Zeit gut nutzen. Gott vertrauen. Meine Gaben gut einsetzen. Jeden Tag genießen. Gott dankbar sein für alles, was er mir schenkt.“

Besonderheiten aus der Region
An die Eröffnungsgottesdienste schloss sich der „Abend der Begegnung“ an. In der Innenstadt boten Kirchengemeinden und Einrichtungen der württembergischen und der badischen Landeskirche einen Einblick in die Besonderheiten der Region: Ofenschlupfer und Dinnede, Flachswickel und Gaisburger Marsch, Herrgottsbescheiserle und Buabaspitzle. Es handelt sich dabei um Eierteigwaren in den verschiedensten Variationen, für die Schwaben und Badener ganz spezielle Namen geprägt haben. Dazu gab es viel Musik und Folklore.

Ausgegrenzt und totgeschwiegen
Der Eröffnung ging traditionell eine Gedenkveranstaltung voraus, mit welcher der Kirchentag an die „Verfolgung von gleichgeschlechtlich Liebender“ in der NS-Zeit erinnerte. Es habe sich hierbei um eine Gruppe Verfolgter gehandelt, die bis heute totgeschwiegen werde. Selbst nach 1945 seien Homosexuelle weiter entwürdigt worden. Auch beim Stuttgarter Kirchentag gibt es das „Zentrum Regenbogen“ als „Anlaufpunkt für lebische, schwule, bi- und transsexuelle, intersexuelle und queer Menschen“.

Etwa 100.000 Dauerteilnehmer und weitere 25.000 Tagesgäste kommen zum 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag nach Stuttgart. Zum „Fest des Glaubens“ werden rund 2.500 Veranstaltungen angeboten.

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