Panorthodoxes Konzil der orthodoxen Kirchen: Erster Schritt zur Einheit

Kolymvari, Kreta/Griechenland | 3. Juli 2016 | APD |

In Kolymvari auf Kreta tagte vom 19. bis zum 21. Juni erstmals seit über tausend Jahren wieder das „Heilige und Große Konzil“ der orthodoxen Kirchen. Vier Kirchen blieben dem Treffen fern. Dafür nahmen neben 170 Patriarchen, Bischöfen und Beobachtern erstmals vier Frauen als Beraterinnen teil.

Von Esther R. Suter (*)

„Als Schritt nach vorn“, würdigte Papst Franziskus das panorthodoxe Konzil auf Kreta, auch wenn dieser „nicht hundertprozentig sei“. In der Tat war das Konzil ein historischer Moment: Seit mehr als tausend Jahren fand erstmals wieder ein Panorthodoxes Konzil statt. Die Einladung ging vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, von Patriarch Bartholomaios I., aus. Das Treffen stand unter dem Motto „Er rief sie alle zur Einheit“. Die Bezeichnung „Panorthodoxes Konzil“ mag etwas irreführend sein. Letztlich betrifft das Konzil die vier Patriarchate von Konstantinopel, Jerusalem, Alexandrien und Antiochien, schließt jedoch die orientalisch-orthodoxen Kirchen wie etwa die armenisch-apostolische, die koptische oder die äthiopisch-orthodoxe Kirche nicht ein. „Panorthodox“ war das diesjährige Konzil streng genommen auch nicht, weil in letzter Minute vier beteiligte Kirchen, darunter die zahlenmäßig größte der vierzehn orthodoxen Kirchen, das Moskauer Patriarchat, sowie die bulgarisch-orthodoxe, die georgisch-orthodoxe Kirche und das Patriarchat von Antiochien ihre Teilnahme aufgrund innerkirchlicher Machtkämpfe absagten.

Entscheidungen sind bindend
Diese Turbulenzen im Vorfeld erklären den anfänglich etwas chaotisch wirkenden Ablauf des Konzils, das dennoch auf der Durchführung bestand. Denn, so sagte Bartolomaios I., die jahrelangen Vorbereitungen hätten mit allen vierzehn Kirchen zusammen stattgefunden. Man habe die Dokumente gemeinsam vorbereitet und alle Kirchen hätten den Entscheid für das Konzil am orthodoxen Pfingstfest 2016 mitgetragen. Er sei nicht befugt, das Konzil abzusagen, so Bartolomaios I. Das Konzil behandelte die Dokumente in der Hoffnung, dass die fehlenden Kirchen diese später aufnehmen und unterzeichnen. Der Konzilscharakter wurde in Kolymvari beibehalten, die Entscheidungen sind für die anwesenden Kirchen bindend.

Das letzte „ökumenische Konzil“ fand 787 statt. Das Anliegen für ein „Panorthodoxes Konzil“ geht auf die 1920er-Jahre zurück. Die Vorbereitungen für das Treffen auf Kreta begannen 1961 und schlossen zuletzt sechs Themenbereiche ein: Mission der orthodoxen Kirche in der heutigen Welt, die orthodoxe Diaspora, Autonomie, Sakrament der Ehe, die Bedeutung des Fastens und heutige Einhaltung, Beziehungen der orthodoxen Kirche mit dem Rest der christlichen Welt.

Petition: Die Frauen einbinden
Unter den über 170 Patriarchen, Bischöfen, Beratern und Beobachtern waren vier Frauen als Beraterinnen: Lange vorher hatte das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel die Politikwissenschaftlerin Elizabeth Prodromou eingeladen. Neben ihr die Äbtissin des Frauenklosters in Chania (Kreta). Auch Erzbischof Aanastasios von Albanien hatte es gewagt, unter den sechs zugestandenen Beratern zwei Frauen einzuladen: eine Ordensfrau und eine Laiin.

Im Vorfeld hatte die orthodoxe Patricia Bouteneff (USA) eine Petition gestartet und dazu aufgerufen, Frauen sichtbarer zu machen. Der Appell richtete sich an das Ökumenische Patriarchat mit der Bitte, unter den Laienberatern Frauen einzuschließen. Die Petition erzielte bis heute 1242 Unterschriften. Patriarch Bartolomaios antwortete darauf persönlich, dass er die Frauen höre.

Zentrale Anliegen der Orthodoxie
Elizabeth Prodromou, US-Amerikanerin mit griechisch-zypriotisch-orthodoxem Hintergrund, ist Spezialistin für internationale Beziehungen und Religionsfreiheit. Die ersten Tage des Konzils erlebte sie als formalistisch, auch unter dem Eindruck der Absage von vier Kirchen. Dann habe sich das Klima verändert und der Formalismus sei engagierten und einfühlenden Diskussionen gewichen. „Das war inspirierend, das war der Geist eines konziliaren Prozesses“, sagte Prodromou. Die Orthodoxe Kirche wolle ihr eigenes Verständnis von Kirche in Einheit und Verschiedenheit sichtbar machen. Das funktioniere nur, wenn die Orthodoxe Kirche sich nicht ängstlich verschließe, sondern sich die einzelnen eigenständigen (autokephalen) orthodoxen Kirchen einander annähern und öffnen und das zentrale Anliegen der Orthodoxie vertreten: Religionsfreiheit. Dabei dürften Frauen nicht aufhören Fragen zu stellen, „selbstsicher, authentisch und bereichernd“, forderte Prodromou.

Die Bedeutung des Konzils setzt sie in Vergleich zum europäischen Prozess: Während die Europäische Union versuchte, Einheit und Verschiedenheit zu leben – was eigentlich ein orthodoxes Verständnis von Trinität darstelle – und jetzt Gefahr laufe, sich aufzulösen, gehe die orthodoxe Kirche in entgegengesetzter Richtung: sie will Einheit und Verschiedenheit zur eigenen Konsolidierung vertiefen und sich als Kirche zu Einheit in Verschiedenheit zusammenfinden. Beziehung sei nicht machbar, sondern durch die Macht der Liebe zu erreichen. Das sei eine Grunderfahrung der orthodoxen Kirche, die historisch viel Leidenserfahrung und Unterwerfung ausgesetzt war. Auch heute laufe sie Gefahr, im Nahen Osten ausgelöscht zu werden. So bot das Konzil den autokephalen Kirchen die Gelegenheit, sich näher kennen zu lernen, über alle kulturellen Unterschiede hinweg, und sich als globale Kirche zu sehen.

Am Ende des Konzils stand fest, dass der Wunsch der orthodoxen Kirchen, sich besser kennen zu lernen und sich über ihre eigenen, auch nationalen Grenzen hinauszubewegen auf „die eine orthodoxe Kirche“ hin, mit den anwesenden zehn Kirchen verwirklicht wurde: die „eine orthodoxe Kirche“ als eine globale Gestalt in Afrika, Lateinamerika, Asien und der westlichen Welt zu vertreten. Die globale Sicht der „einen Kirche“ erlaube es, besser auf die regionalen Problemstellungen einzugehen wie etwa die Bürgerkriege in Afrika und ihre humanitären Auswirkungen, so die Kirchen. Kardinal Kurt Koch, eingeladen als Beobachter, begrüßte dieses Anliegen, denn für die Römisch-Katholische Kirche sei „die Orthodoxe Kirche“ in globaler Gestalt eine sichtbare Gesprächspartnerin für die Ökumene.

(*) Esther R. Suter ist Theologin und begleitete das Konzil als Fachjournalistin.

_____________________________________________________________________________


Der Text kann kostenlos genutzt werden. Veröffentlichung nur mit eindeutiger Quellenangabe „APD“ gestattet!