Non-Konformismus oder Anpassung?

Neudietendorf bei Erfurt | 3. März 2017 | APD |

Mit der Rolle von Freikirchen in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland (1933 bis 1945) befasste sich eine Tagung der Evangelischen Akademie Thüringen vom 2. bis 3. März in Neudietendorf bei Erfurt. Verschiedene Referenten, darunter auch zwei Historiker der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, beleuchteten das Verhalten kleinerer Kirchen gegenüber dem NS-Staat. Auch bei den Freikirchen habe es eher Anpassung als Non-Konformismus gegeben.

Deutsche Freikirchen in der Zeit des Nationalsozialismus
„Wer über die Freikirchen in der Zeit des Nationalsozialismus spricht, sollte sich in jedem Fall vor pauschalen Antworten hüten“, mahnte Dr. Johannes Hartlapp, Dozent für Kirchengeschichte an der Theologischen Hochschule Friedensau in seinem Einführungsvortrag zum Themenbereich „Evangeliumsverkündigung um jeden Preis - deutsche Freikirchen in der Zeit des Nationalsozialismus“. „Freikirchen in Deutschland wollten die Alternative zu den Volkskirchen sein“, aber „in der Stunde der Versuchung handelten sie als Kirche nicht anders als die ehedem Geschmähten“, so Hartlapp.

Für den adventistischen Historiker waren drei Gründe für das angepasste Verhalten der Freikirchen wesentlich: eine Anfälligkeit für Autoritäten, ihr Umgang mit der Bibel und die angeblich apolitische Haltung der Freikirchen. In jeder Freikirche habe es nach Hartlapp aber auch Frauen und Männer gegeben, „die mit dem offiziellen Verhalten ihrer Kirche im Nationalsozialismus nicht einverstanden waren und auf innere Distanz gingen.“

Freikirchen und Juden im „Dritten Reich“
„Wir müssen eingestehen, dass die Freikirchen dem NS-Staat und seiner Judenpolitik mindestens genau so wenig widerstanden wie die Landeskirchen – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen“, teilte Dr. Daniel Heinz, Leiter des Historischen Archivs der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa (Friedensau bei Magdeburg) in seinem Referat mit.

Falsch verstandener Obrigkeitsgehorsam, irregeleitete nationale Begeisterung, ängstliche Anpassung, Repressionsfurcht und resignative Passivität hätten für viele verhindert, sich mit dem rassisch verfolgten Nachbarn, ja sogar mit dem judenchristlichen Bruder zu solidarisieren. Die Kirchengeschichte zeige, „dass das Anpassungsvermögen der Gemeinde an den jeweiligen Geist der Zeit immer größer war als ihre Bereitschaft zur Buße und Umkehr“, so Heinz in seinem Resümee.

Weitere Beiträge der Tagung befassten sich mit den Mennoniten, dem Rhönbruderhof, den Siebenten-Tags-Adventisten, Baptisten- und Brüdergemeinden, den Methodisten sowie den Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus.

Organisation
Die Tagung „Evangelische Freikirchen im Nationalsozialismus“ wurde von der Evangelischen Akademie Thüringen in Zusammenarbeit mit der Theologischen Hochschule Friedensau der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und dem Verein für Freikirchenforschung e.V. durchgeführt. Gefördert wurde die Tagung durch die Bundeszentrale für politische Bildung.

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