Buchrezension: Bernd Greiner: Made in Washington – Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben

Lüneburg | 30. November 2021 | APD |

Bernd Greiner: Made in Washington – Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben, Verlag C. H. Beck, 2021, 288 Seiten, Paperback; 16,95 Euro, Ebook/Kindle: 12,99 Euro, ISBN-10: ‎ 3406777449; ISBN-13: 978-3406777448

Die politische Einstellung „America first!“ ist nicht erst seit US-Präsident Donald Trump bezeichnend für den großen Nachbarn jenseits des Atlantiks. Weniger bekannt ist das „America Alone!-Syndrom“, wenn es um die Weltherrschaft geht. Der bereits emeritierte Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Hamburg und ausgewiesene Kenner der jüngeren US-Geschichte Bernd Greiner beschreibt in seinem neusten Buch schonungslos offen, wie sich die USA seit dem Ersten Weltkrieg selbst radikalisiert und im Zweiten Weltkrieg selbst ermächtigt haben, die Welt zu retten. Die Position der „Weltpolizei“ wird seitdem völlig unkritisch mit allen legalen und illegalen Mitteln verteidigt. Greiners historischer Befund: So nicht! Aber wie dann?

Auf 237 Seiten wird dem Leser dann detailliert und gründlich recherchiert die Vergehen der Supermacht kredenzt. Dabei werden etliche Angriffskriege und der versuchte Sturz missliebiger Regime, sowie der Krieg gegen den Terror anhand vieler historischer Beispiele offengelegt. In neun Kapiteln, mit Vor- und Nachwort, hageln dann die Grausamkeiten wie Gewehrgeschosse ins Leserbewusstsein. Das menschenverachtende Vorgehen und das völkerrechtlich strafbare Verhalten in Guatemala, Südvietnam, Indonesien, Lateinamerika und zuletzt Afghanistan schockieren denjenigen, der sich bisher eine positive Sicht von der US-Außenpolitik bewahrt hat. Folter inklusive.

Solidarität Fehlanzeige

Die Quintessenz der amerikanischen Ordnungspolitik ist desaströs. Die USA, bis an die Zähne mit Nuklearwaffen bestückt und strotzend vor Selbstgefälligkeit, sind dabei Meister der Einschüchterung und sprechen ausschließlich die Sprache der Macht. Die „Rücksichtslosigkeit… als Signatur amerikanischer Weltpolitik“ (S. 231) ist ohnegleichen und wird von Präsident George W. Bush auf den Punkt gebracht: „Us against them“. Unter diesen Gegebenheiten rät Greiner Europa dazu, unbedingt unabhängiger zu werden (S. 236) und aus dem Schatten des Imperiums herauszutreten.

Die geschichtlichen Momente, in denen die Welt nur knapp einem dritten Weltkrieg entkommen ist, lassen den Atem stocken. Nach einer Zeit des Abrüstens nahm das internationale Wettrüsten wieder Fahrt auf. Der Kalte Krieg hat seine Fronten verlagert. Außerdem gilt Qualität vor Quantität (S. 207). Das „Spezialgefängnis“ in Guantanamo existiert heute noch und Washington übt sich im Unschuldslächeln. Doch wer anders soll das Modell der westlichen Freiheit und der demokratischen Verfasstheit verteidigen? Russland oder China wohl kaum! Wer dann? Greiners Lösungsvorschlag einer friedvollen, internationalen Zusammenarbeit für eine gemeinsame Sicherheit klingt im Blick auf die Realpolitik des 21. Jahrhunderts fast zu utopisch, um wahr werden zu können.

Zum Punkt

Made in Washington ist eine hochaktuelle und zutiefst kritische Streitschrift gegen die Außenpolitik der USA der letzten 60 Jahre. Dabei stützt sich Greiner auf die Recherche seiner früheren Publikationen wie Krieg ohne Fronten (2007), die Kuba-Krise (2010), 9/11 (2011) oder Henry Kissinger (2020). Quellengestützt, faktenreich und nüchtern im Ton fügt Greiner historische Tatsachen aneinander, die es schwermachen, noch ein positives Bild der Supermacht zu haben. Greiner argumentiert dabei nicht, sondern er sortiert und sondiert. Dabei beschreibt er neben den harten Fakten der Aufrüstung auch die psychische Verfasstheit einer Nation, die den Größenwahn gefrühstückt zu haben scheint und die für eine Selbstkorrektur nicht mehr erreichbar ist. Allerdings sollte man bei der Lektüre beachten, dass der Autor – von 1989–2018 ein Mitglied des Hamburger Instituts für Sozialforschung – in den 1980er Jahren dem Beirat des Zentrums für Marxistische Studien und Forschung sowie dem Zentrum für Marxistische Friedensforschung angehörte. Beide Einrichtungen wurden von der inzwischen aufgelösten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) mitfinanziert. Dieser Umstand schmälert nicht den Wert seines Buches, zumal der Autor durch zahlreiche Veröffentlichungen seine Kompetenz unter Beweis gestellt hat, könnte aber seine zuweilen sehr pauschale USA-Kritik erklären. Ein Buch, so spannend wie ein James Bond-Krimi und ebenso rau.

Claudia Mohr


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