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Buchrezension: Magnus Brechtken: Der Wert der Geschichte - Freiheit, Gleichheit, Teilhabe: Was wir aus den Kämpfen der Vergangenheit für die Zukunft lernen können

Zum Inhalt

Auf gut 300 Seiten mit Anmerkungen, Literaturnachweisen und Personenregister unternimmt der Autor und stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte einen strammen Spaziergang durch die letzten 400 Jahre und zeigt Entwicklungsstränge und Zusammenhänge großer gesellschaftlicher Themen. Die einzelnen Kapitel beleuchten die Religion, das Geschlechterverhältnis, die Partizipation (gesellschaftliche Teilhabe), den Nationalismus, die Kriege und die Wirtschaftsordnung da. Im letzten Kapitel stellt der Autor zehn Lektionen für die Gegenwart vor. Sein Plädoyer: Mut zur Geschichte, weil darin Wissen und Erfahrung gebündelt zur Verfügung stünden, „denn wir haben im Rückblick über die Jahrhunderte nahezu alle Varianten menschlichen Handelns vor Augen“ (S. 9).

Im Zentrum der Erörterungen steht das zugrunde gelegte Menschenbild, auf das sich jede kulturelle Entwicklung aufbaut und das stets in der Gefahr steht, durch Ideologien überformt zu werden. Brechtken setzt sich in seinen Ausführungen stark für die Rationalität, die Aufklärung und die Vernunft als Prinzipien des Fortschritts ein. Eine Gefahr für die Zukunft sieht er im Aufkommen des Populismus, in der Wiedergeburt des Nationalismus, dem Einfluss des Religiösen auf die Politik und in einem unbestimmten Bedürfnis nach autoritärer politischer Führung (S. 10). Mit vielen Beispielen und Zitaten richtet er sich an den interessierten Laien, der aufgefordert wird, die Lektüre durch eigenes Denken weiter zu vertiefen.

Zum Punkt

Dabei muss man dem Autor nicht immer in seiner Argumentation folgen. Gerade seine Haltung zur Rolle von Religion ist einseitig und übersieht bei aller berechtigten Kritik an der politischen Einmischung die Funktion der moralischen Stabilisierung einer Gesellschaft. Denn ohne fest gegründete Ethik und Moral geht es nicht. Statt Glaubensgehorsam fordert der Autor unbedingte Rechtsgehorsamkeit. Doch reichen eine humanistisch gegründete Ethik und Moral aus, in (Staats-)Krisen zu bestehen, wenn beispielsweise eine sichere und objektive Rechtsstaatlichkeit nicht gegeben ist? Die deutsche jüngere Geschichte gibt der Aussage: „Die Notwendigkeit von Moral und Ethik ist selbstverständlich für jeden, der sich als Mensch versteht“ (S. 57) nicht recht. Im Gegenteil!

Auch manche vorgeschlagenen Lösungen für große wirtschaftliche Herausforderungen wie der Deutschlandfonds wirken zu einfach, um der gesellschaftlichen Komplexität gerecht werden zu können. So wirken auch die zehn Lektionen zum Abschluss etwas unglücklich platziert, weil sich deren Inhalte nicht stringent aus den Kapiteln davor ergeben. Sie lesen sich eher wie ein persönliches Sammelsurium an gutgemeinten Ratschlägen. Hier wäre weniger mehr gewesen und Raum zum persönlichen Schlussfolgern sicherlich angenehmer.

Fazit: Wer sich auf geschichtlich begründete Fakten samt einem humanistischen und europäisch zentrierten Welt- und Menschenbild einlassen will, der ist mit der Lektüre gut beraten und wird sicherlich Anregungen finden, weiter zu denken.

Claudia Mohr