Artikel nach Kategorie Buchrezension

Buchrezension: Henryk M. Broder / Reinhard Mohr: Durchs irre Germanistan: Notizen aus der Ampelrepublik

Buchrezension: Henryk M. Broder / Reinhard Mohr: Durchs irre Germanistan: Notizen aus der Ampelrepublik

Deutschland ist Phantasialand geworden. Anspruch und Realität passen nicht mehr zueinander. Wann gestehen wir uns das endlich ein? Die Journalisten Henryk M. Broder und Reinhard Mohr unternehmen eine Reise entlang der Grenzen der Republik: der historischen Grenzen, der Grenzen des guten Geschmacks, der persönlichen Grenzen verschiedener Politiker, der Grenzen der Realität und des Vorstellungsvermögens. In kurzen Notizen werden aktuelle politische und öffentliche Ereignisse dargestellt und in ihrer Widersprüchlichkeit und Absurdität aufgedeckt. Die Lage der Nation wird ironisch kommentiert. Und der Befund ist eindeutig: Moralischer Größenwahn, Realitätsferne, Pessimismus, Selbstüberschätzung und Angst lähmen den Fortschritt des Landes, so die These des Buches.

Buchrezension: Jenny Odell: Zeit finden. Jenseits des durchgetakteten Lebens.

Buchrezension: Jenny Odell: Zeit finden. Jenseits des durchgetakteten Lebens.

Wer Zeit haben will muss sie erst einmal finden – so lässt sich der Tenor des neuen Buches der Künstlerin und Schriftstellerin Jenny Odell zusammenfassen. Nach ihrem ersten erfolgreichen Buch „Nichts tun“ (2022) legt die Autorin nach und schreibt keinen profanen Zeitratgeber, sondern konstruiert meisterhaft ein „konzeptionelles Hilfsmittel“ für ein anderes Zeitverständnis. Dabei will sie die Dissonanz der verschiedenen Uhren aufzeigen – die persönliche Uhr, die abstrakte Uhr, die alltägliche und die apokalyptische Uhr – und darin verweilen. Odell möchte in der Quintessenz diejenige Zeitform „retten“, bei der alles in Bewegung bleibt und den beständigen Wandel der Gegenwart bewusst annehmen, da wir nur so „ihre fundamental irreduzible und schöpferische Natur wiederherstellen“ (S. 34).

Buchrezension: Josef Braml / Mathew Burrows: Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern

Buchrezension: Josef Braml / Mathew Burrows: Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern

Wir traumwandeln gerade durch die internationale Politik und das Ende ist ungewiss. Die Autoren Josef Braml und Mathew Burrows warnen in ihrem neuen Buch vor dem weltpolitischen Taumel in einen neuen Weltkrieg. „Chimerica“ ist vorbei, der Juniorpartner wird erwachsen und will eigenständig handeln. Die Folge: Der Westen befindet sich mit China auf Kollisionskurs und es fällt beiden Partnern zunehmend schwerer, rationale Entscheidungen zu treffen. Der zunehmende Nationalismus lasse internationale Interessen, wie die Weltarmut oder den Klimawandel, zugunsten von Eigeninteressen zurücktreten. Um die angespannte Weltlage besser zu verstehen, entwerfen die Autoren drei mögliche Zukunftsszenarien. Ihr Aufruf ist ein Weckruf: Aufwachen, die Naivität und den Idealismus beiseitelegen und die Realität konstruktiv zum Wohle der nächsten Generation gestalten.

Buchrezension: Miroslav Volf, Matthew Croasmun, Ryan McAnnally-Linz: Life worth living. Wofür es sich zu leben lohnt. Ein Grundkurs in Sinnfindung.

Buchrezension: Miroslav Volf, Matthew Croasmun, Ryan McAnnally-Linz: Life worth living. Wofür es sich zu leben lohnt. Ein Grundkurs in Sinnfindung.

Was ist ein erfülltes Leben? Dieser Frage widmet sich das Buch „Life worth living“. Grundlage ist ein Seminar der Yale-Professoren Volf, Croasmun und McAnnaly-Linz, das die Studierenden seit 2014 als lebensverändernd erlebt haben. Nicht Hygge, Yoga, Achtsamkeit oder Coaching helfen langfristig beim Wohlergehen weiter, sondern die intensive Beschäftigung mit den traditionellen religiösen und philosophischen Denktraditionen. Hier ist jeder einzelne selbst gefragt, sich eine tragfähige Antwort zu erarbeiten, die in Lebenskrisen Sinn stiftet. Das Buch serviert dabei keine Antworten, sondern ist eher ein DIY-Kurs der Glücks- und Sinnfindung auf hohem Niveau. Der Anspruch dabei ist: „Dieses Buch könnte dein Leben verändern.“ (Umschlagtext)

Buchrezension: Christian Alt, Christian Schiffer: Die Wahrheit (n)irgendwo da draußen. Was der neue Ufo-Hype über uns Menschen verrät

Buchrezension: Christian Alt, Christian Schiffer: Die Wahrheit (n)irgendwo da draußen. Was der neue Ufo-Hype über uns Menschen verrät

Der Ufo-Hype ist neu erwacht. Die Faszination am Übernatürlichen und Unerklärlichen wächst zusehends. Und diesmal ist das Interesse sogar in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nach dem Höhenflug in den 1990er Jahren war das Thema lange randständig. In den letzten Jahren berichteten jedoch selbst renommierte Medien wie die Washington Post oder die New York Times von aktuellen Ufo-Sichtungen. 2021 hat außerdem der US-Kongress eine ausführliche Anhörung zum Phänomen durchgeführt. War früher das Thema irgendwie in der Esoterik-Schmuddelecke, so ist es heute im Mainstream angekommen und wird in Internetforen heiß diskutiert.

Doppelrezension: Geert Mak: Große Erwartungen – Auf den Spuren des europäischen Traums / Alex Rühle: Europa, wo bist du? Unterwegs in einem aufgewühlten Kontinent

Doppelrezension: Geert Mak: Große Erwartungen – Auf den Spuren des europäischen Traums / Alex Rühle: Europa, wo bist du? Unterwegs in einem aufgewühlten Kontinent

Zwei Reisen, ein Ziel: Europa. Gleich zwei brillant geschriebene Bücher beschäftigen sich mit dem europäischen Traum und wollen ihn ausfindig machen. Während der eine Autor noch mit großen Erwartungen loszuziehen scheint, klingt der andere schon skeptischer: Europa, wo bist du? Geert Mak startet in den Niederlanden und reist quer durch Europa, von Nord nach Süd, von Ost nach West. Alex Rühle startet in München und zieht in drei Monaten durch die Lande. Beide spüren dabei den kleinen Geschichten nach, die Europa ausmachen. Das Ergebnis ist ähnlich: Es scheinen eher die Krisen zu sein, die Europa einen als die Idee selbst. Europa scheint ein Traum zu bleiben, der sich schwer greifen oder finden lässt. Erfreulich sei dies nicht, jedoch höchst interessant (Mak, S. 14).

Buchrezension: Vaclav Smil: Wie die Welt wirklich funktioniert. Die fossilen Grundlagen unserer Zivilisation und die Zukunft der Menschheit

Buchrezension: Vaclav Smil: Wie die Welt wirklich funktioniert. Die fossilen Grundlagen unserer Zivilisation und die Zukunft der Menschheit

Unsere Welt besteht aus Zement, Stahl, Ammoniak und Plastik - zumindest in ihrem zivilisatorischen Fundament. Ohne dieses Fundament würden keine Datenströme fließen und der Charme der Künstlichen Intelligenz (KI) wäre nutzlos. Mit dieser These versetzt der renommierte tschechisch-kanadische Wissenschaftler und Energieexperte Vaclav Smil der Hoffnung auf eine schnelle Energiewende einen herben Dämpfer. Mit nüchterner Attitüde trägt der emeritierte Professor detaillierte Fakten zum Thema zusammen, die, mit Zahlen untermauert, erst einmal wirken. Punkt. Und bei diesem Punkt bleibt Smil dann auch stehen.

Buchrezension:  Peter R. Neumann: Die neue Weltunordnung.  Wie sich der Westen selbst zerstört

Buchrezension: Peter R. Neumann: Die neue Weltunordnung. Wie sich der Westen selbst zerstört

Die Ordnung der Welt ist ins Wanken geraten. Statt einer liberalen Weltordnung ist eine neue Weltunordnung zu beobachten. Das schreibt der in London lehrende Politikwissenschaftler Peter R. Neumann in seinem jüngsten Buch. Neumanns These: Die Vorherrschaft des Westens und damit der liberalen Moderne ist in den letzten 30 Jahren durch dessen Selbstüberschätzung und Naivität verloren gegangen. Klimakrise, Populismus und der Aufstieg Chinas beschleunigen diesen Prozess. Die liberal-optimistischen Werte, die zum Fall des Kommunismus beitrugen, wenden sich nun gegen den Westen selbst und offenbaren Schwächen im Finanzsystem und in der Verteidigungsstrategie. Er plädiert für eine Moderne, die ehrlicher, pragmatischer und inklusiver auftritt und auf den doktrinären und aufdringlichen Export von Freiheitsvorstellungen vorerst verzichtet.

Buchrezension: Gunda Frey: Das verstaatlichte Kind

Buchrezension: Gunda Frey: Das verstaatlichte Kind

„Vorsicht, Kinder in Gefahr!“ – Die Kinder- und Jugendpsychologin Gunda Frey will mit ihrem neusten Buch aufklären und inspirieren. Ihre These: nicht die Kinder sind kaputt, sondern unsere Gesellschaft, die ihre Kinder systematisch hohem emotionalem Stress aussetzt und dadurch ein liebevolles, selbstbestimmtes Wachstum hemmt. Laut und direkt mit starkem biographischem Einschlag werden die Missstände der Gesellschaft angemahnt: zu früh und gewaltsam geboren, zu früh und beengt fremdbetreut, zu wenig individuell schulisch gefördert. Frey ist überzeugt: Viele Kinder leiden in Folge an psychischen Störungen. „Empathie und gesunder Menschenverstand allein reichen oft nicht mehr aus“, um wirksam zu helfen (S. 10). Auch Eltern sind oftmals hilflos und pädagogisches Personal überfordert. Unsere Gesellschaft gleicht einer „pädagogischen Wüste“, die „genau das Gegenteil von dem tut, was gut ist für unsere Kinder“ (S. 12-13).

Buchrezension: Ian Kershaw: Der Mensch und die Macht: Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert

Buchrezension: Ian Kershaw: Der Mensch und die Macht: Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert

Wie stehen Mensch und Macht in Beziehung zueinander? Dieser Frage geht der britische Star-Historiker Ian Kershaw in seinem neuesten Buch nach. In zwölf Portraits beschreibt er die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts anhand von ausgesuchten politischen Persönlichkeiten wie Lenin, Hitler, Stalin, Mussolini. Dabei stellt er Diktatoren und Demokraten vor, wie Churchill, Charles de Gaulle, Thatcher und Kohl. So unterschiedlich die politischen Hinterlassenschaften der vorgestellten Personen sind, so haben sie eines gemeinsam: den unbedingten Willen zur Macht und die Gunst der Stunde. Historische Gegebenheiten, Krisen oder Entwicklungen treffen auf den maximalen Gestaltungswillen einzelner Staatsmänner (und -frauen), die es verstehen, die politischen Strukturen geschickt zu nutzen und Europa ihren Stempel aufzudrücken: als Erbauer oder Zerstörer.