Gewaltfreiheit als non-konforme Lebenshaltung auf dem Prüfstand

Auf der Fachtagung zum Thema „Das christliche Friedenszeugnis“ in Hamburg.

Foto: © mennonews.de

Gewaltfreiheit als non-konforme Lebenshaltung auf dem Prüfstand

Vom 3. bis 5. November fand an der Universität Hamburg eine Fachtagung statt, die sich mit dem Thema „Das christliche Friedenszeugnis“ auseinandersetzte. Unter dem Motto „Gewaltfreiheit als non-konforme Lebenshaltung – auf dem Prüfstand!“ wurde die Tagung von der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen der Universität Hamburg, der Gesellschaft für freikirchliche Theologie und Publizistik, dem Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte und dem Mennonitischen Geschichtsverein organisiert. Insgesamt wurden vier Themenfelder beleuchtet, die Einblicke in das christliche Friedenszeugnis und seine Auswirkungen auf Gesellschaft und Kirchen boten.

Hamburg | APD

Das christliche Friedenszeugnis – Grundlagen, Spiritualität, Lebensstil

Laut den Mennonitischen Nachrichten („Mennonews.de“) eröffnete das erste Themenfeld die Alttestamentlerin Dr. Deborah Storek mit einer Diskussion über biblische Ansichten zu Krieg und Frieden. Dabei bedeute Frieden in der Bibel weit mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. „Frieden in der Bibel meint ein umfassendes Wohlergehen und Unversehrtheit“ so Storek.

Im zweiten Vortrag beleuchtete der systematische Theologe Dr. Dominik Gautier den amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau und seine non-konforme (abweichende) Lebenshaltung. Thoreau betonte in seinen Werken und seinem Leben, wie wichtig der Widerstand gegen ungerechte Gesetze sei. In seinem Werk „Walden. Oder das Leben in den Wäldern“ beschreibt Thoreau seine Erfahrung des Lebens im Wald, wo er sich bewusst von gesellschaftlichen Konventionen und materiellem Konsum entsagte.

In der Abendveranstaltung gab der mennonitische Theologe Professor Dr. Fernando Enns einen Überblick über die Aufnahme des täuferischen Friedenszeugnisses in der ökumenischen Bewegung und stellte die Frage, ob die Kirchen Privilegien schützen und Macht erhalten oder ein authentisches Friedenszeugnis leben sollten. Seine These lautete: „Das christliche Friedenszeugnis wird vermutlich immer ‚non-konform‘ bleiben, wenn man davon ausgeht, dass Machthabende nicht bereit sind, Privilegien aufzugeben und Mehrheiten stets nach Machtaufbau bzw. Machterhalt streben werden.“

Der Einfluss des christlichen Friedenszeugnisses auf Kirchen und Gesellschaft

Die baptistische Kirchenhistorikerin Professorin Dr. Andrea Strübind analysierte den non-konformen Einfluss auf Verfassungen. Dabei unterschied sie zwischen einem Nonkonformismus, der sich zurückzieht (Quietismus), und einem, der weltgestalterisch ist (Aktivismus). Am Beispiel des US-Bundesstaates Rhode Island und des Kampfes gegen die Sklaverei zeigte sie, wie ein innovativer Nonkonformismus mit gesellschaftlicher Gestaltungskraft einen zentralen Einfluss auf Verfassungen hatte.

Einen Blick über den Westen hinaus gab der Professor für Black Theology, Robert Beckford. Er betonte, dass „Jah Love“ eine zentrale Idee im Rastafarianismus sei und für die göttliche Liebe und den Glauben an die universelle Geschwisterlichkeit und Einheit aller Menschen steht. Rastafarians glauben, dass Jah (Gott) Liebe und Einheit fördert und dass diese Liebe aktiv in der Welt manifestiert werden sollte.

Umstrittenes Friedenszeugnis – Erfahrungen zwischen Diktatur und Demokratie

Im dritten Themenfeld konzentrierte sich der US-amerikanische Ethiker Professor Dr. David Gushee auf die christliche Politik in den USA. Er plädierte für ein Modell des christlichen politischen Engagements, das sich an den Traditionen der kongregationalen (selbstverwaltenden) Demokratie, der Politik schwarzer christlicher Dissidenten (Oppositioneller) und der Bundestheologie (Gottes Beziehungen zu den Menschen im Rahmen von Bünden/Verträgen) orientiert.

Nach diesem Blick auf die gegenwärtige Situation in den USA, sprach die vor kurzem aus Russland ausgewanderte Historikerin Dr. Nadezhda Beliakova über das non-konforme Dasein in der späten Sowjetunion. Am Beispiel der freikirchlichen Gemeinden und ihrem Verhältnis zum Militärdienst machte sie deutlich, dass es selbst bei den religiösen Minderheiten, wie den Pfingstlern, Mitgliedern des baptistischen Rates, Altgläubigen und den Siebenten-Tags-Adventisten, lediglich „pazifistische Einzelfälle“ gab, die sich dem Kriegsdienst im Militär verweigerten. Dies habe nicht zuletzt daran gelegen, dass eine pazifistische Haltung in der Sowjetunion als eine Bedrohung der Macht des Staates angesehen wurde. Dementsprechend versuchte die Regierung, den Menschen keinen Zugang zu pazifistischen Texten zu ermöglichen.

Einen weiteren Blick auf die Erfahrungen in der Sowjetunion gab die Dozentin für Systematische Theologie, Professorin Dr. Katya Tolstaya. Sie berichtete, dass sie zu Beginn ihres Studiums sich mit der „Theologie nach Ausschwitz“ befasste und wie diese in der Gesellschaft half, sich mit dem Erbe der Gewalt auseinanderzusetzen und Denkweisen im Nachkriegsdeutschland zu ändern. Dabei sei Tolstaya bewusst geworden, dass eine ähnliche theologische Reflexion über die sowjetische Vergangenheit ausblieb. Deshalb habe sie mit dem Projekt „Theologie nach Gulag, Bucha und darüber hinaus“ begonnen indem sie die Notwendigkeit betonte, sich mit den Realitäten des Leidens und Traumas auseinanderzusetzen. „Die Theologie wird sich mit den Realitäten, den Realitäten des Leidens und Traumas, aber auch dem echten Bedarf zur Heilung und Versöhnung auseinandersetzen müssen“ so Tolstaya.

Am Abend fand eine Lesung mit der Literaturwissenschaftlerin Dr. Lilli Gebhard statt. Sie las aus ihrem Gedichtbuch „Wie Schatten werden“ vor und nahm die Tagungsteilnehmenden mit in die Migrations- und Fluchtgeschichten der Deutschen aus Russland. In ihren Gedichten malte sie den Zuhörenden Bilder vor Augen, die den Schrecken hinter dem Schrecken der Russlanddeutschen fühlbar machten. Durch die Lesung wurden die aus der Sowjetunion mitgebrachten und häufig nicht artikulierten Ängste in Worte gebracht. Musikalisch untermalte der Direktor des AHF-Musikzentrums Detmold, Dr. Matthias Lang, die Gedichte.

Das christliche Friedenszeugnis – Ambivalenzen, Brüche, Potenziale

Im letzten Themenfeld sprach die Theologin Dr. Hyejung Jessie Yum aus koreanisch-nordamerikanischer Sicht über postkoloniale Perspektiven auf die mennonitische Friedenstheologie. Sie betonte, dass die mennonitische Friedenstheologie sich von einem „Anti-Kriegs-Frieden“ zu einem „dekolonialen Frieden“ entwickelte sollte. Dafür benötige es besonders ein transformatives Erinnern, dass mit dem Mitgefühl für den Schmerz des anderen und der Rekonstruktion von Transformationsgeschichten aus der Perspektive der Überlebenden und der zum Schweigen Gebrachten beginnt.

Dr. Andrés Pacheco-Lozano sprach über eine „Mennonite Innocence“ in Anlehnung an das Konzept „White Innocence“. Eine „weiße Unschuld“ bezieht sich auf die Vorstellung, dass viele Weiße sich selbst als unschuldig in Bezug auf Rassismus und koloniale Unterdrückung sehen, während sie gleichzeitig von den Privilegien und Vorteilen profitieren, die mit ihrer Hautfarbe einhergehen. Pacheco-Lozano übertrug diese Vorstellung auf eine „mennonitische Unschuld“ und forderte zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung der Fehlverhalten und Vergehen innerhalb der täuferischen und mennonitischen Tradition auf. Sein Plädoyer: „Die Art und Weise, wie wir uns mit diesen Formen von Gewalt auseinandersetzen, wird entscheidend sein für die Art und Weise, wie wir unser Friedenszeugnis bekräftigen und ihm gerecht werden wollen.“

Zuletzt beleuchtete die Historikerin Dr. Astrid von Schlachta die Brüche und Ambivalenzen im täuferischen Friedenszeugnis. Sie verdeutlichte, dass nicht alle Täufer von der Idee einer absoluten Wehrlosigkeit überzeugt waren, weshalb sich Lager wie „Stäbler“ (Verzicht auf jegliche Gewalt) und „Schwertler“ (Gebrauch des Schwerts zur Verteidigung) bildeten. „Es gab verschiedene Grade der Nonkonformität bei den frühen Täufern“ schlussfolgerte sie.

Die Tagung fasste die Beobachterin Sabine Hübner zusammen indem sie betonte, dass eine gewaltfreie non-konforme Lebenshaltung einen konkreten Alltagsbezug erfordere. Dieser bestehe in Anlehnung an die Vorträge beispielsweise in einem Rückzug in die Natur und dem Entsagen eines Materialismus (Thoreau), einer Einflussnahme auf Verfassungen (Rhode Island), dem Verzicht auf Privilegien und Machterhalt (Enns These), der Kriegsdienstverweigerung (Beliakova), einem Hören auf die am Rande der Gesellschaft Stehenden (Yum, Pacheco-Lozano, Gebhards Gedichte) und vielem mehr.

Die Fachtagung habe eine reiche Diskussionsplattform geboten und dazu angeregt, über die Bedeutung einer gewaltfreien non-konformen Lebenshaltung nachzudenken und diese in die heutige Welt zu integrieren. „Die Tagung verdeutlichte, dass das christliche Friedenszeugnis nicht nur historisch relevant ist, sondern auch heute eine wichtige Rolle spielt“, so Hübner.